IHK Magdeburg
Jahr 1945 - 1989
1946
Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Staates und der Unterzeichnung der Urkunde über die bedingungslose Kapitulation wurde die Wiederaufnahme der Arbeit in öffentlichen Einrichtungen und privaten Betrieben als dringende Notwendigkeit fixiert.
Die Kammern in Magdeburg und Halberstadt nahmen ihrer Tätigkeit wieder auf, in Magdeburg wirkte die Kammer in einer Industriekommission beim Oberbürgermeister mit. Leider entflammte der Streit über eine unabhängige Halberstädter Kammer erneut. Dieser endete jedoch mit der Einrichtung der "Industrie- und Handelskammer für den Bezirk Magdeburg" am 17. Mai 1946. Im Bereich der Bezirkskammer Magdeburg wurden 13 Kreiskammern gebildet. Die intensive Diskussion um die zukünftige Rolle der Kammern und die praktische Umsetzung neuer Strukturen war noch längst nicht abgeschlossen.
Ständig neu auftauchende Modelle für eine effiziente Arbeit der Kammer und die intensive Auseinandersetzung mit ihnen mussten zwangsläufig dazu führen, dass die eigentlichen Kammeraufgaben zeitweilig in den Hintergrund traten. Die neuen Staatsorgane waren konsequent bemüht, ihren Einfluss in den Kammern zu erhöhen. Neben den Umstrukturierungsmaßnahmen war auch die Berufung von den neuen Machthabern und ihren politischen Ideen nahestehenden Kammermitarbeitern und Funktionären ein Mittel, Einfluss zu gewinnen. Da die Satzungen sowohl für die Provinz-, als auch für die Bezirks- und Kreiskammern entsprechend dem vorgegebenen Schlüssel Vertretern der Gewerkschaften und der staatlichen Verwaltung 2/3 der Sitze im Beirat zuteilte, war auch von dieser Seite die Bevormundung der Kammern abgesichert. Die politischen Säuberungen brachten obendrein nicht nur das Ausscheiden von Nazi- und Kriegsverbrechern, sondern auch anderer, den neuen Machthabern missliebigen Personen mit sich. Im Zeitraum der Wirtschaftsplanung 1948-1950 wurde die Bedeutung der Industrie- und Handelskammern weiter beschnitten. Dies kam darin zum Ausdruck, dass mit Wirkung vom 1. April 1949 die volkseigenen Betriebe aus der Betreuung durch die IHK ausgegliedert wurden. Eine entsprechende Entscheidung für den genossenschaftlichen Sektor folgte bald. Den Kammern kam verstärkt die Aufgabe zu, die privaten Betriebe organisch in die staatliche Wirtschaftsplanung einzubeziehen.
Im Jahr 1953 fasste des Politbüro des ZK der SED eine Reihe von Beschlüssen, die als "Politik des neuen Kurses" bezeichnet wurden. Festgelegt wurde eine raschere Produktionssteigerung bei Konsumgütern, Nahrungs- und Genussmitteln. Damit sollte die angespannte Situation im Land entschärft werden. Auch privaten Unternehmern wurde so wieder eine Perspektive gegeben. Ebenfalls die Errichtung der Industrie- und Handelskammer der DDR beschlossen. An die Stelle der Bezirkskammern traten Bezirksdirektionen, denen Kreisgeschäftsstellen unterstellt wurden. Sowohl auf bezirklicher als auch auf Kreisebene war eine enge Zusammenarbeit mit den staatlichen wirtschaftleitenden Organen Pflicht.
1954
Per 31.1.1954 bestanden im Kammerbezirk Magdeburg noch 712 private Industriebetriebe. Ende der 50-er Jahre gab es erstmalig die Möglichkeit der Aufnahme einer staatlichen Beteiligung. Dabei sollten durch staatliche Finanzhilfen für Betriebe mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten Einfluss auf Produktion und Planung genommen werden. Auch schieden solche Betriebe aus dem Betreuungsbereich der Kammer aus und gingen in den Verantwortungsbereich der Räte der Bezirke über.
1958
1958 wurde die "Verordnung über die Industrie- und Handelskammern der Bezirke" erlassen, eine erneute Umstrukturierung führte zur relativen Selbständigkeit der IHK des Bezirkes Magdeburg, denn sie war dem Rat des Bezirkes unterstellt. Relative Ruhe für die privaten Unternehmen trat ein, gezielte staatliche Förderung brachte Fortschritte in der Versorgung mit Konsumgütern und Nahrungs- und Genussmitteln. Die Kammer hatte gezielt auf die Initiierung eines Wettbewerbs auch innerhalb der privaten Unternehmen zu wirken.
1972
Um so überraschender kam die Umwandlung privater Klein- und Mittelbetriebe im Jahr 1972. In der Berichterstattung der IHK Magdeburg vom 12. Mai 1972 wurde konstatiert, dass bis zum 9. Mai insgesamt 413 neue volkseigene Betriebe entstanden waren. In der Kammerstatistik per 31.12.1972 fanden sich nur noch 25 private Industriebetriebe. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf den Kammerhaushalt, denn weniger Mitgliedsbetriebe bedeuteten auch weniger Beitragsaufkommen. Ab Mitte der 70-er Jahre stand immer mehr politisch-ideologische Arbeit im Vordergrund.
1983
Das Fehlen von Industriebetrieben im Betreuungsgebiet der Kammer führten 1983 zu einer erneuten Umbenennung und -strukturierung der Kammern. 1983 wurde die "Handels- und Gewerbekammer des Bezirkes Magdeburg" mit 7 Kreisgeschäftsstellen gebildet. Die HGK Magdeburg versuchte in der sich ständig verkomplizierenden Situation, ihre Mitgliedsbetriebe zu unterstützen. Sie wurde aktiv, um Benachteiligungen der privaten Unternehmer zu verhindern bzw. zu mindern, half bei Antragsangelegenheiten und der Beschaffung von Aufträgen sowie Material- und Warenzuteilungen. Privatpersonen wurden bei der Antragstellung zur Ausübung eines Gewerbes unterstützt. Auch wenn die Rahmenbedingungen sich ständig verschlechterten, arbeiteten die verbliebenen Handel- und Gewerbetreibenden nicht nur für eigenes Überleben, sondern setzten sich mit ganzer Kraft für ihre Kundschaft ein, versuchten die in der Mangelgesellschaft DDR typischen Versorgungslücken durch Eigeninitiative zu überbrücken. Nicht durch eigenes Verschulden oder mangelndes Engagement, sondern durch staatliche Politik, Einflussnahme und Willkür war die Kammer trotz wieder steigenden Mitgliedszahlen zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Sie hatte keinerlei Einfluss auf staatliche Planung und grundlegende wirtschaftliche Entscheidungen. Die ökonomische und politische Situation in der DDR spitzte sich Ende der 80er Jahre immer mehr zu. Immer weniger Menschen waren bereit, sich mit den bestehenden Verhältnissen abzufinden.
1989
Eine sich allmählich entwickelnde breite Volksbewegung, die ihren Ausdruck in den "Montagsdemonstrationen" fand, forderten Veränderungen. Die überraschend Öffnung der bis dahin hermetisch abgeriegelten und scharf bewachten Grenze zur BRD löste stürmische Emotionen und neue Hoffnungen aus. Am Ende des Jahres 1989 gehörten der Kammer 3331 Mitgliedsunternehmen an.
Die stürmische politische Entwicklung im Herbst 1989 in der DDR erfasste sehr schnell alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Es wurde deutlich, dass die Wirtschaft stark reformbedürftig war. Unklarheiten und Meinungsverschiedenheiten bestanden zunächst über die Hauptrichtung der weiteren Entwicklung. Auftretende Probleme bedurften indes einer schnellen Lösung. Die zu diesem Zeitpunkt noch sprachlosen Vertreter der Handels- und Gewerbekammer waren schließlich doch bemüht, sich an der weiteren Entwicklung aktiv zu beteiligen. Den Kammern wurde das Recht eingeräumt, an den Beratungen der Modrow-Regierung teilzunehmen. Die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft begannen sich zu verändern. Maßgeblichen Einfluss darauf hatten die am 21. Dezember 1989 vom Ministerrat beschlossenen vorläufigen Regelungen zur Bildung von Privat-, Klein- und Mittelbetrieben auf halbstaatlicher und genossenschaftlicher Basis. Die neuen Rahmenbedingungen und die Hoffnung auf politische und strukturelle Veränderungen im gesellschaftlichen System machten Mut und brachten zahlreiche neue Gewerbeanmeldungen. Am Ende des Jahres 1989 waren bei der Handels- und Gewerbekammer des Bezirkes Magdeburg 3331 Unternehmen registriert. Es zeichnete sich jedoch ab, dass die Fülle der neuen Aufgaben von der "alten" Kammer nicht mehr bewältigt werden konnten. Außerdem hatte die Mehrheit der Unternehmerschaft kein Vertrauen in die bestehende Kammer, die in den vergangenen Jahrzehnten zu einem willfährigen Instrument der kommunistischen Machthaber geworden war.
Die Kammer musste umgestaltet werden. Eng verbunden mit den sich in allen gesellschaftlichen Bereichen vollziehenden Veränderungen wurde die Gründung einer neuen, wieder unabhängigen Industrie- und Handelskammer notwendig. Im Bezirk Magdeburg gab es von verschiedenen Interessengruppen, so vom Bezirkswirtschaftsrat, dem Unabhängigen Arbeitskreis Wirtschaft und auch von der Handels- und Gewerbekammer das Bestreben, sich zu einer Industrie- und Handelskammer zu profilieren.