Hochwasser

Mangel an Gutachtern verursacht Engpässe

Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe läuft vielerorts nur schleppend an.
Text: Jörn Wenge
Die Katastrophentage des Juli liegen mittlerweile fast fünf Monate zurück, aber in den flutgeschädigten Regionen kann vielerorts von einer Rückkehr zur Normalität noch keine Rede sein. Noch immer sind Handwerksfirmen im Einsatz, um feuchten Estrich abzutragen und Wände zu trocknen, noch immer sind viele Ladenlokale verwaist, stehen vereinzelt noch Müllcontainer an der Straße. Dass das nicht nur an fehlenden Handwerkerinnen und Handwerkern liegt, ist auf den beiden Flut-Konferenzen der IHK Köln deutlich geworden. Dabei traf der Wiederaufbaubeauftragte des Landes NRW, Dr. Fritz Jaeckel, in Leverkusen und Hückeswagen betroffene IHK-Mitglieder, die noch keine Wiederaufbauhilfe
erhalten haben.
Größtes Hindernis sind noch immer fehlende Sachverständige. Mehrere Unternehmerinnen und Unternehmer berichten von großen Schwierigkeiten,
geeignete Sachverständige zu rekrutieren. Und ohne ein adäquates Gutachten haben Unternehmen keine Chance, erfolgreich die Aufbauhilfe zu beantragen. Selbst das Gutachten einer Versicherung reicht häufig nicht aus. Das zeigt das Beispiel eines versicherten Industriebetriebs, der im Einzugsgebiet der Wupper in Leverkusen liegt. Durch die Flut sind die Maschinen schrott- und das Gebäude abbruchreif geworden. Zwar zahlt die Versicherung – die Schäden gehen aber über die maximal versicherte Summe hinaus. Dafür kann das Unternehmen zusätzlich die Wiederaufbauhilfe beantragen. Da der Gutachter der Versicherung bei der Besichtigung des Betriebs jedoch schnell erkannte, dass die Schäden weit über die in der Police vereinbarte Maximalsumme hinausgehen, hat er in seinem Gutachten nur die gröbsten Schäden festgehalten. Für den Antrag auf Wiederaufbauhilfe reicht ein solches rudimentäres Gutachten jedoch nicht aus.
Deshalb muss das Unternehmen – wie alle anderen, die Aufbauhilfe benötigen – durch das Nadelöhr Gutachten. Der Wiederaufbaubeauftragte Jaeckel und mit ihm die Landesregierung wissen um das Problem. Anfang November hat das Land den Kreis der zugelassenen Sachverständigen erweitert. Außerdem sind seither auch Teilanträge möglich. Wie wichtig die Aufbauhilfe sein kann, zeigte auf der Leverkusener Konferenz ein anderes Beispiel. So wollte ein Online-Händler aus Opladen in diesem Jahr richtig ins Geschäft einsteigen, hatte für 200.000 Euro Ware eingekauft und dafür eine entsprechende Versicherung abgeschlossen. Dann kam das Wasser und floss auch in den Keller, in dem das Material gelagert war – zwei Tage vor Ablauf der Schonfrist. Die Ware ist längst entsorgt, doch Ankauf und Schäden hat der Unternehmer dokumentiert. Für ihn, der erst durch die IHK-Veranstaltung auf die Aufbauhilfe aufmerksam geworden war, hatte Jaeckel eine frohe Botschaft: Er ist anspruchsberechtigt.
In einer prominent besetzten Veranstaltung geht es in der IHK am 6. Dezember um Lehren aus der Flutkatastrophe – Brauchen wir jetzt die Pflichtversicherung?