IHKplus 02/22

„Der Kunde hat keine Lust mehr, dauernd auf neue Vorschriften zu stoßen und damit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden."

Bettina Wisniewski ist Center-Managerin der RheinBerg-Galerie mit 50 Shops und einem Angebot vom täglichen Bedarf über Gastronomie bis zu Mode in Bergisch-Gladbach. Die Pandemie ist nicht nur eine Herausforderung für die Mieter, sondern auch für das Center-Management, berichtet sie im Interview mit Barbara Willms.

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© IHK Köln / Michael Claushallmann
Wie sind die Geschäfte in der RheinBerg-Galerie ins Neue Jahr gekommen?
Aufgrund der Zutrittsbeschränkungen von 3G auf 2G und die Angst der Kunden, sich mit Omikron zu infizieren, waren das Weihnachtsgeschäft und der Jahresübergang eher verhalten. Um die Kunden dennoch in die Innenstadt von Bergisch Gladbach zu ziehen, wurde das „Eintrittsband“ ins Leben gerufen. Dieses Band konnte sich der Kunde an zentralen Stellen gegen Vorlage seines Impfausweises abholen und dann ganz unkompliziert shoppen gehen. Mit dieser Erleichterung kam ein Teil der Kunden wieder gerne einkaufen.  Als Kundenservice konnte auch wieder der beliebte Centergutschein über die Homepage bestellt werden, und per Lastenbike wurde dann entsprechend ausgeliefert. Trotz der Maßnahmen hat der Handel im Weihnachtsgeschäft bis zu 25 % Umsatz verloren.

Der große Blick zurück: Wo lagen die größten Herausforderungen für die Shops bisher?
Am schlimmsten traf es den Textil- und Schuhbereich, gefolgt von der Gastronomie. Die Bereiche der Grundversorgung (Drogerie, Apotheke, Supermärkte) spürten im Center durch die rückläufige Frequenz auch den Umsatzverlust, jedoch nicht so extrem, wie Gastronomie und Textil. Rückblickend muss man sagen, dass der erste Lockdown für die Mitarbeiter der Shops eine sehr schlimme Zeit war. Es war für die Mitarbeiter erst einmal nicht fassbar, was mit welchen Konsequenzen passierte. Als die Shops Ende April / Anfang Mai 2020 wieder öffnen durften, war dieses Gefühl sehr schnell bei allen wieder verflogen, und ein Stück Normalität stellte sich ein. Als jedoch dann der zweite Lockdown auf unbestimmte Zeit ausgesprochen wurde, wussten die Mietpartner, mit welchem wirtschaftlichen Schaden dies verbunden war. Gewinner im Einzelhandel während der Pandemie waren die Fachmarktzentren auf der grünen Wiese.
Und die Konsumenten hatten es auch nicht leicht, sie waren mit wachsenden Herausforderungen konfrontiert. Homeoffice, Kinderbetreuung organisieren, Angst um den Arbeitsplatz und regelmäßig neue Corona-Verordnungen. Dass die Menschen keine Lust mehr hatten, ganz frei und unbekümmert shoppen zu gehen, war nachvollziehbar. Für den stationären Handel bedeutete das: geringe Frequenz gleich sinkender Umsatz. Dies führte dazu, dass die Händler ihre Mitarbeiter in die Kurzarbeit schickten, um Kosten zu sparen. Jedoch konnten dann die gelebten Öffnungszeiten nicht mehr eingehalten werden. Die Kunden, die dann noch in die Innenstadt kamen, standen am frühen Abend vor verschlossenen Türen. Hier war es unsere Aufgabe vom Center Management, wieder ein für alle passendes Verhältnis zu finden und eine gute Kommunikation zu betreiben.

Haben Sie als Centermanagerin in dieser schwierigen Zeit neue Geschäftsideen entwickelt?
Not macht erfinderisch, und so haben auch wir uns auf die Suche nach guten Lösungen für die RheinBerg Galerie gemacht. Irgendwann stellte ich mir die Aufgabe, etwas zu finden, was jeder braucht. Und da war es – das Impfzentrum. Bereits im Sommer 2020 habe ich eine Bewerbung an das Gesundheitsministerium für ein Impfzentrum geschrieben, in der ich den Standort und eine Fläche vorgestellt habe. Wir hatten Glück, und im Januar 2021 wurde das Impfzentrum für den gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis in der Galerie eröffnet. Dies brachte dem Center Frequenz.
Weiterhin haben wir ein Lasten-E-Bike angeschafft, um die Kunden zu beliefern, die auf die Produkte aus der RheinBerg Galerie nicht verzichten wollten. In Kooperation mit einer Abi-Klasse, die aufgrund der Pandemie auch kein Geld für ihre Abifeier verdienen konnte, haben wir den Lieferservice auf die Beine gestellt.

Welchen Mehraufwand bedeutet die Pandemie für das Center-Management?
Die größte Herausforderung war und ist die Umsetzung der Corona-Verordnungen. Hier war es von Anfang an unsere Aufgabe, die Mieter rasch zu informieren und alles zu tun, damit die Kunden ein sicheres Gefühl haben. Innerhalb von 24 Stunden mussten Hygienekonzepte und Hinweisschilder erstellt und umgesetzt werden. Glatte Flächen wie z. B. Handläufe an Rolltreppen in Treppenhäusern und Türgriffe mussten mehrmals am Tag gereinigt werden. Die Frage, wie viele Menschen dürfen einen Aufzug betreten und wie groß muss der Abstand zum Vordermann auf der Rolltreppe sein, waren Fragen, die wir rasch und schnell lösen mussten. Weiterhin mussten alle Mitarbeiter immer mit den neusten Informationen gut versorgt sein, damit sie die Fragen der anrufenden Kunden gut und richtig beantworten konnten.
Zudem sind wir beim Thema Mietzahlung gefragt. Uns war ja schnell klar, dass viele Shopinhaber  ihre Mieten nicht oder nur teilweise zahlen konnten. Hier war es wichtig, schnell ins Gespräch zu kommen und nach Lösungen zu suchen. Allerdings gab es nicht die Generallösung. Es musste jeder Partner unterschiedlich betrachtet werden. Umsätze und Coronahilfen spielten bei der Entscheidung, in welcher Höhe der Eigentümer Mietnachlass zusagt, eine große Rolle. Der bürokratische und zeitliche Aufwand, eine Einigung für beide Parteien zu finden, war enorm. Sehr viele Mieter haben staatliche Hilfe erhalten. Jedoch war die Hürde für die Filialisten, staatliche Förderung zu erhalten, extrem hoch. Für uns ist das von Anfang an ein Spagat gewesen: den Mietern zu helfen, aber auch den Interessen des Eigentümers gerecht zu werden. Bei Zusagen, die getroffen wurden, mussten wir im Sinne des Anlegers handeln. Die RheinBerg Galerie ist im Besitz eines institutionellen Eigentümers. Hier müssen die aktuellen Rechtsprechungen berücksichtigt werden. Denn der Anleger darf keinen Schaden erleiden.
Die RheinBerg Galerie hat aktuell keinen Leerstand. Dennoch muss man sagen, dass der Einzelhandel das Tal noch nicht verlassen hat. Es ist abzuwarten, wie sich die Umsätze in 2022 entwickeln.

Welche Veranstaltungen im Center mussten ausfallen, welche konnten und können stattfinden?
Fast alle Veranstaltungen, von denen viele Menschen angezogen werden, wie Konzerte oder das Karnevals-Biwak, haben wir  abgesagt. Dennoch sind wir auch einen neuen Weg gegangen. In unserem sehr großen Anlieferungsbereich, der permanente Frischluftzufuhr hat, haben wir ein klassisches Konzert durchgeführt. Mit einer entsprechenden Lichttechnik wurde eine tolle Atmosphäre gezaubert. In der Weihnachtszeit konnten wir keine größeren Veranstaltungen anbieten, haben dafür aber umso mehr auf Service für den Kunden gesetzt. Hier konnten sich die Kunden kostenfrei ihre Weihnachtsgeschenke schön verpacken lassen, und unsere kleinen Kunden konnten an allen vier Adventssamstagen Geschenketüten, Lebkuchenhäuser und Tannenbäume basteln. Am Samstag, dem 5. Februar, können die Kinder bei uns wieder kreativ sein und unter fachlicher Anleitung zum Beispiel Karnevalsmasken anfertigen.

Welche Corona-Maßnahmen empfinden Sie für Ihr Haus als sinnvoll, welche nicht?
Sinnvoll und sicher als Corona-Maßnahme ist das Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung sowie Abstand halten. Jedoch ist für den Einzelhandel die 2G-Regelung absolut übertrieben, denn Statistiken zeigen, dass sich kaum Menschen im Einzelhandel anstecken. Mit diesen Maßnahmen war und ist der Onlinehandel Gewinner – und der wirtschaftliche Schaden für den stationären Handel ist enorm. Der stationäre Handel hat ja nicht nur Umsatz verloren, sondern musste auch viel Geld in die Hygienemaßnahmen investieren. Und trotz der Umsetzung aller Maßnahmen wurden die Verordnungen für die Händler nicht einfacher, sondern immer erschwerender. Dies ist frustrierend und die Hoffnung, dass es schnell besser wird, schwindet.

Wie sind die Corona-Schutzmaßnahmen von der Kundschaft aufgenommen worden?
Zu Beginn der Pandemie war das Verständnis für das Tragen einer Maske sehr gering. Hier muss man aber sagen, dass sich die Bevölkerung daran gewöhnt hat. Was nach wie vor schwierig ist, sind die permanenten neuen Verordnungen (3G, 2G, geboostert). Der Kunde hat keine Lust mehr, dauernd auf neue Vorschriften zu stoßen und damit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden.

Was sind Ihre dringendsten Wünsche und Forderungen hinsichtlich der Coronamaßnahmen an Politik und Verwaltung für dieses Jahr?
Klarheit und eine zügige Vorgehensweise. Einkaufen soll Freude bereiten – eine Vielzahl von Menschen empfinden das Einkaufen mit Vorschriften und Einschränkungen Ihrer Persönlichkeit aber nicht als Freude. Was kommende Maßnahmen angeht, wünschen wir uns von der Politik eine klare und verständliche Marschrichtung. Bei unseren großen Mietern ist teilweise heute noch unklar, ob sie staatliche Förderung erhalten. Da sind immer noch Anträge in der Prüfung. Das dauert einfach viel zu lange. Sicherlich werden sich die Innenstädte im Laufe der nächsten Jahre stark verändern. Dennoch bin ich davon überzeugt, wenn die Politik innovativ die Innenstädte gestaltet, dass der Einzelhandel dann auch weiterleben wird.

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