IHKplus 08/22

Die unendliche Geschichte: Interviews mit Geschäftsleuten am Großmarkt


Interviews: Werner Grosch

„Das bedroht unsere Existenz“

Fermin Montaner betreibt gemeinsam mit seinem Bruder in dritter Generation einen Großhandel für Obst und Gemüse, der seit mehr als 60 Jahren besteht und von Beginn an am Kölner Großmarkt angesiedelt war.
Was ist Ihr größtes Problem hier am Großmarkt?
Dass wir keine wirkliche Zukunft haben. Wir wissen nicht, was in sechs Monaten sein wird, geschweige denn darüber hinaus. Jeder Unternehmer braucht eine Planungsgrundlage, und die ist hier einfach nicht gegeben. Es steht ja sogar im Raum, dass die Markthalle gesperrt wird, bevor der Umzug nach Marsdorf stattfindet.
Wie könnte für Sie eine Zukunft in Marsdorf aussehen?
Die Fläche von 10 Hektar, die da jetzt geplant ist, ist total unrealistisch. Da kommen wir gar nicht alle unter. Und wenn dort nicht genug verschiedene Firmen vielfältige Angebote machen können, dann verlieren wir an Attraktivität für die Kunden, und das bedroht unsere Existenz.
Gäbe es eine Alternative für Sie?
Für viele Firmen gibt es gar keine Alternative. Wir selbst müssten dann überlegen, ob wir vielleicht ins Ausland gehen. Mit dem klassischen Geschäft über den Marktstand hier machen wir etwa die Hälfte unseres Umsatzes, der andere Teil ist Agenturgeschäft, also Handel übers Telefon. Wenn der Stand wegfällt, werden wir auf jeden Fall bei weitem nicht mehr die jetzt etwa 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten können, dann machen wir das nur noch zu dritt oder zu viert.
Manche Händler hier sprechen von Endzeitstimmung. Geht es Ihnen auch so?
Wir fühlen uns hier nicht gewollt, manchmal wie ein Feind betrachtet. Das ist frustrierend. Dabei hat sich vor allem in der Corona-Zeit gezeigt, wie wichtig der Großmarkt für die Versorgung ist: Viele haben hier die Dinge eingekauft, die sonst nirgends mehr zu bekommen waren.
Was erwarten Sie von der Stadt als Betreiber des Geländes, abgesehen von der Planungssicherheit und der notwendigen Fläche?
Es muss dringend investiert werden, in die Straßen, Parkplätze, Sanitäranlagen zum Beispiel. Der Zustand des gesamten Geländes wird immer schlechter, weil nichts mehr daran getan wird.

„Man müsste Besuchern eigentlich Scheuklappen anziehen“

Jörg Zimmermann betreibt in dritter Generation ein Importunternehmen für Obst und Gemüse vor allem aus Italien, Spanien und der Türkei.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie an die Situation des Großmarktes denken?
Diesen Niedergang miterleben zu müssen, das ist schon erbärmlich. Den Kunden, die uns hier besuchen, müsste man eigentlich für den Weg über das Gelände Scheuklappen anziehen. Es gibt ja auch schon Abnehmer, die sagen, aus diesem Umfeld heraus will ich nicht beliefert werden.
Wann und wie es nach Marsdorf geht, ist unsicher. Was bedeutet das für Ihre Investitionen?
Wir müssen zum Beispiel in Kühlanlagen investieren. Das ist auch normal für einen Betrieb wie unseren. Aber ich weiß ja nicht: Wie lange geht das denn noch? Kann ich die ganzen Anlagen in fünf Jahren auch noch nutzen?
Kämen Sie auf der verkleinerten Fläche in Marsdorf zurecht?
Ich brauche alleine Lagerfläche für rund 200 Paletten und Platz zum Kommissionieren. Das ist bei der geplanten Größenordnung in Marsdorf gar nicht denkbar. Dann bin ich raus.
Das heißt, Ihr Unternehmen wäre am Ende?
Ja, bis auf ein bisschen Handelsgeschäft am Telefon vielleicht. Ich bin selbst 60 und muss das nicht mehr ewig machen. Aber weil die Perspektive fehlt, finde ich sicher auch keinen Nachfolger, der das Geschäft übernimmt. Dabei kann man damit immer noch Geld verdienen. Ich hatte ja eigentlich einen Mietvertrag bis 2037, aber der ist Makulatur. Dass der Standort hier nicht mehr zeitgemäß ist, leuchtet jedem ein. Nur muss dann eben woanders etwas entwickelt werden, das eine Perspektive bietet.

„Man lässt den Großmarkt verwahrlosen“

Nathalie Balthasar ist Geschäftsführerin des Familienunternehmens BWE Balthasar GmbH, das am Kölner Großmarkt schon seit 1994 ein Entsorgungszentrum betreibt und rund 30 Beschäftigte hat.
Würden Sie mit dem Großmarkt nach Marsdorf ziehen?
Das möchten wir unbedingt. Allerdings können wir nicht mehr nur vom Großmarkt leben. Das war in den Anfangsjahren noch so, aber wir sind deutlich gewachsen, und heute machen wir auch sehr viel Baustellenbetreuung. Deshalb brauchen wir eine adäquate Fläche.
Das ist auf den geplanten 10 Hektar nicht machbar?
Wir haben hier gut einen Hektar und platzen schon aus allen Nähten. Wir können ja nicht den Händlern ein Zehntel der Fläche wegnehmen. Dabei hat die direkte Nähe ja große Vorteile durch die kurzen Wege, auch für die Umwelt. Aber so, wie jetzt geplant ist, haben wir gar keine Perspektive, mit dem Großmarkt verbunden zu bleiben. Und das ist auch eine emotionale Sache, wenn man seit fast 30 Jahren mit den ganzen Leuten zusammenarbeitet.
Was ist dann die Alternative?
Dann müssten wir die Marktabfälle ganz aus dem Sortiment nehmen, weil die Logistik bei größeren Distanzen viel zu kompliziert und zu teuer wird. Sie sehen ja, wie das Gelände heute aussieht. Da liegt mehr Müll als bei uns in beiden Hallen zusammen. Wenn wir nicht hier wären, wäre das noch viel schlimmer. Wir sorgen auch fast jede Woche dafür, dass tierische Abfälle sehr schnell entsorgt werden, weil die Stadt uns darum bittet, um den Seuchenschutz zu gewährleisten und Ungeziefer zu vermeiden. Das machen wir auf kurzem Wege, und das wäre ohne die direkte Nähe undenkbar.
Gäbe es denn einen denkbaren anderen Standort für Sie?
Wir dürften uns nach den heutigen Vorgaben nur noch in einem Industriegebiet ansiedeln. Und da gibt es in Köln wenig Auswahl. Wir müssten dann sicher unseren Standort ins Umland verlagern. Dabei haben wir den gesamten Kundenstamm in Köln, ich müsste am neuen Standort den Betrieb dann komplett neu aufbauen.
Die aktuelle Situation macht es aber auch heute schon schwer für Sie?
Man lässt den Großmarkt verwahrlosen, und das ist in den letzten sechs Monaten noch schlimmer geworden. Mein Eindruck ist, dass das mit Absicht geschieht, damit man nachher sagen kann, der Betrieb hier funktioniert ja eh nicht, dann brauchen wir ihn auch nicht. Ein Beispiel: Unsere Schrankenanalage zum Großmarkt hin war seit Januar defekt, aber niemand macht etwas. Dann haben wir das Problem mit der Zufahrt, die durch die Baustelle für die Stadtbahn seit Anfang des Jahres sehr schwierig geworden ist. Seitdem sind die direkten Abfall-Anlieferungen von Kunden um mindestens 50 Prozent zurückgegangen. Woanders werden Baumaßnahmen Abschnitt für Abschnitt abgewickelt, aber hier vier Abschnitte gleichzeitig. Und warum? Damit niemand mehr hier hinkommen kann! Der Verdacht drängt sich jedenfalls auf.

„Es ist, als würden wir nicht existieren“

Petro Papadopoulos ist leitender Mitarbeiter der Mare Atlantico Delikatessen GmbH, die seit 38 Jahren ihren Standort am Großmarkt in Köln-Raderberg hat und mit ihren knapp 40 Mitarbeitenden vor allem Gastronomie und Weiterverkäufer mit Lebensmitteln aus aller Welt versorgt.
Wie ist Ihre Situation am Großmarkt?
Man macht es uns richtig schwer, uns und auch der Kundschaft. Das fängt schon mit der Zufahrt auf das Gelände an. Hier wird gebaut ohne Ende, die Straßen gesperrt, und unsere Kunden können nicht rein und nicht raus.
Hat niemand mit Ihnen vor der Einrichtung der Baustelle gesprochen?
Nein. Es ist, als würden wir nicht existieren. Da kommt einfach nichts.
Sie haben viel Kundschaft aus der näheren Umgebung. Würde für Sie der Standort Marsdorf überhaupt funktionieren?
Wir haben keine Glaskugel, aber eins ist klar: Unsere Kunden bleiben uns sicher treu, solange unser Standort einigermaßen zentral ist. Marsdorf würde einen völligen Neubeginn bedeuten. Aber es wäre wenigstens ein Neubeginn, jetzt ist alles nur unsicher und wir können nicht planen. Die Kunden fragen uns immer wieder, wie lange sie noch mit uns rechnen können. Und gleichzeitig wird der Zustand des ganzen Geländes immer schlechter.
Was ist das Hauptproblem mit dem heutigen Gelände?
Viele unserer Kunden kommen direkt hierher. Aber sobald man hier ankommt, fangen die Probleme an. Wie komme ich durch die Zufahrt, wo kann ich parken…
Wenn Ihr Geschäft nicht mehr weiterlaufen könnte, dann würden viele Leute ihren Job verlieren.
Ja, und das betrifft viele Ungelernte, die oft auch Sprachprobleme haben, aber hier gut integriert werden können, genauso wie Menschen mit Behinderung. Außerdem trifft es Auszubildende, wir haben derzeit allein drei Azubis. Der Großmarkt ist auch ein berufliches Sprungbrett für viele.