Thema der Woche vom 22.06.2022

Mehr Pioniergeist in unsicheren Zeiten – Vorschläge aus der IHK-Praxis

Gerade in unsicheren Zeiten braucht es unternehmerischen Mut und Weitsicht, um Impulse für Innovationen und Wachstum zu setzen. Erfolgreiche Unternehmensgründerinnen und -gründer sind Vorbilder, die auch Wege aus Krisen aufzeigen. Es ist daher eine erfreuliche Nachricht, dass wieder mehr größere Betriebe gegründet werden. Zudem berichten die Industrie- und Handelskammern (IHKs) aus ihren Beratungsgesprächen von mehr Menschen, die zunächst nebenberuflich in die Selbstständigkeit starten wollen. Die IHKs sehen aber auch eine Reihe von Entwicklungen, die Grund zur Besorgnis sind.

Weniger Gründungsinteresse bei Dienstleistungen, Handel und Gastronomie 

Vor allem in Bereichen, die auch in den Regionen das Unternehmertum prägen, ist das Gründungsinteresse 2021 gesunken. So haben im vergangenen Jahr die Lockdown-Phasen infolge der Pandemie besonders im Einzelhandel und in der Gastronomie zu großen Unsicherheiten geführt. Auch langfristige Trends wirken sich hier aus – wie etwa die Demografie: Die besonders gründungsaktiven jüngeren Jahrgänge werden immer kleiner. Und: Aufgrund des Fachkräftemangels gibt es viele Möglichkeiten für lukrative Beschäftigungsverhältnisse. Zudem berichten die Gründerinnen und Gründer von vielen Hürden wie etwa komplizierten Anträgen und schwierigen Finanzierungszugängen, die schon im Vorfeld abschrecken. Insgesamt sank aus diesen Gründen die Zahl der persönlichen IHK-Gespräche mit Gründerinnen und Gründern 2021 nochmals deutlich um 10 Prozent gegenüber 2020 auf knapp 160.000 – und damit auf ein historisches Tief in der seit 2002 geführten IHK-Statistik.

Nebenerwerbsgründungen werden beliebter 

Erfreulich: Gegen den Trend wuchs das Interesse an Nebenerwerbsgründungen – 4 Prozent mehr Gründerinnen und Gründer wollten sich ein zweites Standbein aufbauen. Um das Thema Nebenerwerbsgründung ging es 2021 in 40 Prozent der IHK-Gründungsberatungen (2020: 34 Prozent), auch infolge der Unsicherheiten während der Corona-Pandemie. Einen Zuwachs vermelden die IHKs auch bei ihren Seminaren zu betriebswirtschaftlichen Themen wie Marketing oder Planrechnungen: Hier stieg die Teilnehmerzahl um 5 Prozent auf gut 24.000. Dabei fanden vor allem Online-Formate wie Webinare oder virtuelle Sprechstunden steigendes Interesse. Auch niederschwellige Events wie Gründertage waren stärker besucht und verzeichneten mit rund 17.500 Teilnehmenden ein Plus von 13 Prozent.

Jetzt gefragt: vor allem Bürokratieabbau und besserer Finanzierungszugang 

Aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie lassen sich Lehren ziehen, um gute Bedingungen für Unternehmensgründungen zu schaffen. Der DIHK hat bundesweit Gründerinnen und Gründer nach den drängendsten Herausforderungen befragt und über 250 Antworten ausgewertet. Ganz oben auf der Agenda stehen dabei weniger Bürokratie (von 79 Prozent der Teilnehmenden gewünscht), Vereinfachungen im Steuerrecht (63 Prozent) und ein besserer Zugang zu öffentlichen Fördermitteln (36 Prozent).
 
• Gut ist, dass der Koalitionsvertrag wichtige Maßnahmen zum Bürokratieabbau aufgreift – etwa die Einführung des Once-only-Prinzips, nach dem bei Genehmigungs- und Meldeverfahren Daten nicht doppelt anzugeben sind. Auch das Ziel, die Gründung eines Unternehmens innerhalb von 24 Stunden zu ermöglichen, sollte rasch angegangen werden.
• Für eine Vereinfachung des Steuersystems gibt es nach Einschätzung der IHK-Organisation viele Anknüpfungspunkte wie die Abschaffung oder zumindest deutliche Vereinfachung des von vielen Kleinunternehmen anzuwendenden Formulars „Einnahme-Überschussrechnung“.
• Nebenerwerbsgründungen gewinnen nach den IHK-Erfahrungen immer mehr an Bedeutung, gerade in Krisenzeiten. Bund und Länder sollten daher ihre Förderinstrumentarien systematisch auf ihre Eignung für Nebenerwerbsgründungen hin überprüfen.
• Gerade innovative Start-ups fordern einen besseren Zugang zu Beteiligungskapital (bezogen auf sämtliche Befragten mahnen dies 11 Prozent an). Der Koalitionsvertrag enthält hierfür gute Maßnahmen – etwa den Einsatz öffentlichen Kapitals als Anker. Auch der Entwurf der Start-up-Strategie der Bundesregierung sieht Maßnahmen für mehr Beteiligungskapital vor. Gründerinnen und Gründer wünschen sich zudem Anpassungen von im internationalen Vergleich sehr restriktiven Regelungen. So können Verluste in Deutschland lediglich unter Einhaltung bestimmter Vorgaben vorgetragen werden. Eine einschränkende Bedingung dafür ist, dass das Geschäftsmodell nicht verändert wird – gerade für Start-ups in einem hoch innovativen Umfeld eine praxisferne Regel.
 
In seinem aktuellen DIHK-Report Unternehmensgründungen fasst der DIHK die Erkenntnisse aus der Praxis zusammen und unterbreitet konkrete Vorschläge.