Konjunkturumfrage Jahresbeginn

Stabilisierung ohne Aufbruch

Die Wirtschaft in Nordhessen und der Region Marburg zeigte zu Beginn des Jahres eine leichte Stabilisierung, ein spürbarer Aufschwung blieb jedoch aus. Dies war das zentrale Ergebnis der Konjunkturumfrage der IHK Kassel-Marburg.
Zwar stieg der gesamtwirtschaftliche IHK-Klimaindex auf 98,4 Punkte (Herbst 2025: 96,1 Punkte), er lag damit aber weiterhin unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Investitionen, Beschäftigung und Auslandsgeschäft bleiben insgesamt verhalten.
„Die Wirtschaft tritt auf der Stelle“, beschrieb IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes die Lage. Zwar gebe es in einzelnen Branchen Lichtblicke, insgesamt fehle es aber an Dynamik. In den Konjunkturdaten der Region spiegelte sich eine starke Verunsicherung der Unternehmen dar. Viele Unternehmen gingen kaum neue Risiken ein, was sich in der Investitionstätigkeit niederschlug. Kritisch bewertete der IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Klein-Zirbes die zaghaften Reformen der vergangenen Monate: „Wenn wir wieder Fahrt aufnehmen wollen, muss 2026 ein Jahr echter Reformen werden. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und ein klares Bekenntnis zur Wachstumspolitik gehören in den Mittelpunkt des politischen Diskurses.“
Der Branchenvergleich zeigte deutliche Unterschiede. In der Industrie verbesserte sich die aktuelle Lage: Der Klimaindex steigt auf 96,3 Punkte (Vorbericht: 90,4), blieb aber unter der Neutralmarke von 100 Punkten. Die Bauwirtschaft verzeichnete nach dem Herbst eine kräftige Gegenbewegung und erreichte einen Index von 118,6 Punkten (Vorbericht: 88,2). Dagegen standen der Einzelhandel mit 73,4 Punkten (Vorbericht: 77,8) und die Gastronomie mit 88,1 Punkten (Vorbericht: 68,0) weiter unter Druck. Vergleichsweise stabil präsentierten sich die unternehmensnahen Dienstleistungen mit 109,8 Punkten (Vorbericht: 109,3). Mit einem Index von 137,6 Punkten (Vorbericht: 132,2) bildeten Banken, Sparkassen und Volksbanken eine Ausnahme. Sie berichteten von einer sehr guten Geschäftslage, während die Nachfrage nach Krediten und Investitionen insgesamt zurückhaltend blieb.
IHK-Vizepräsident Alexander Starke sah insbesondere im Handel und auf dem Arbeitsmarkt anhaltende Belastungen: „Gerade der Einzelhandel steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Das Weihnachtsgeschäft hat vielerorts keine nachhaltige Belebung gebracht.“ Gleichzeitig wirkte sich die konjunkturelle Schwäche zunehmend auf die Beschäftigung aus. Nur 9,7 Prozent der Betriebe rechneten mit einem Beschäftigungsaufbau, während 21,1 Prozent von einem Abbau ausgingen. Der Fachkräftemangel verliere an Bedeutung – nicht wegen Entspannung, sondern mangels Wachstumsimpulsen. „Das bremst Einkommen, Konsum und die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt“, warnte der Geschäftsführer Starke + Reichert GmbH & Co. KG in Kassel.
Der Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen erwies sich als relativ stabil. Thomas Winzer, CEO der Inosoft AG in Marburg, berichtete, dass IT-Dienstleistungen und Beratungen weiterhin gefragt seien – allerdings unter veränderten Vorzeichen. Unternehmen investierten gezielt dort, wo Produktivität gesteigert, Prozesse automatisiert oder Kosten gesenkt werden könnten, so der stellvertretende Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung Region Marburg. Winzer betonte, Innovationen blieben ein entscheidender Wettbewerbsfaktor, würden aber deutlich selektiver nachgefragt. Es gehe weniger um Volumen, sondern um passgenaue, skalierbare Lösungen mit messbarem Nutzen. „Unternehmen, die technologisch führend sind und echten Mehrwert liefern, bleiben auch in einem schwierigen Umfeld wettbewerbsfähig“, ist Winzer überzeugt.
Auch das Auslandsgeschäft blieb herausfordernd.17,6 Prozent, der Unternehmen rechneten mit steigenden Ausfuhren, während 57,7 Prozent eine Stagnation erwarteten. Neben geopolitischen Risiken und Handelshemmnissen sorgte zunehmend auch die europäische Handelspolitik für Verunsicherung. „Dass das Mercosur-Abkommen weiterhin ausgebremst wurde, kann zu weiterer Verunsicherung, insbesondere der Exportorientierten Wirtschaft führen.“, kritisierte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Klein-Zirbes. Gerade jetzt brauche es neue Märkte und verlässliche Handelsabkommen statt zusätzlicher Unsicherheit.
Als größtes Risiko nannten die Unternehmen erneut die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Hohe Kosten, steuerliche Belastungen, unsichere Energieperspektiven und fehlende internationale Öffnung bremsen Investitionen, Beschäftigung und Exporte. Die Konjunkturumfrage zeigte: Die Unternehmen sind leistungsbereit, doch ohne klare Reformen und verlässliche Rahmenbedingungen bleibt die Stabilisierung fragil und ein Aufbruch aus.