3. November 2026

Wirtschaft gewinnt wieder Zuversicht – doch Investitionen und Arbeitsplätze bleiben unter Druck

Die Wirtschaft in Nordhessen und der Region Marburg schöpft wieder Hoffnung. Nach dem massiven Stimmungseinbruch im Frühsommer steigt der IHK-Klimaindex deutlich von 83,4 auf 95,5 Punkte. Doch die Erholung bleibt fragil: Die Investitionsbereitschaft ist weiterhin schwach, mehr als jedes vierte Unternehmen plant Personalabbau und der Einzelhandel blickt mit großen Sorgen auf das Weihnachtsgeschäft. Das sind zentrale Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg.
„Die regionale Wirtschaft hat sich aus ihrem Stimmungstief herausgearbeitet. Doch bessere Stimmungswerte sind noch keine wirtschaftliche Trendwende. Solange private Investitionen und Beschäftigung schwach bleiben, fehlt der Erholung ein tragfähiges Fundament“, erklärt Thomas Rudolff, Bereichsleiter und Konjunkturexperte der IHK Kassel-Marburg.
Inzwischen bewerten 23,2 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftslage als gut, nach 17,7 Prozent im Frühsommer. Der Anteil negativer Einschätzungen sinkt von 24,5 auf 17,0 Prozent. Auch die Erwartungen hellen sich auf. Dennoch rechnen weiterhin 27,1 Prozent mit einer Verschlechterung ihrer Geschäfte, während lediglich 13,0 Prozent optimistisch sind.

Industrie übertrifft hessischen Durchschnitt

Besonders deutlich verbessert hat sich die Stimmung in der Industrie. Ihr Klimaindex steigt von 90,3 auf 102,8 Punkte und liegt damit über dem hessischen Wert von 97 Punkten. Auch die unternehmensbezogenen Dienstleistungen (106,3 Punkte) und die Kreditwirtschaft (129,8 Punkte) zeigen sich stabil.
Eine bemerkenswerte Stimmungswende zeichnet sich im Auslandsgeschäft ab. Während im Frühsommer noch vier von zehn exportierenden Unternehmen sinkende Ausfuhren befürchteten, ist es inzwischen nur noch knapp jedes fünfte. Der Anteil der Betriebe, die steigende Exporte erwarten, hat sich auf 20,5 Prozent mehr als verdoppelt. Der regionale Exportsaldo dreht von minus 31,0 auf plus 1,3 Punkte und liegt damit auch über dem hessischen Wert von minus drei Punkten. Allerdings rechnen sechs von zehn Unternehmen weiterhin lediglich mit gleichbleibenden Exportgeschäften. „Die Exportwirtschaft schöpft wieder Hoffnung. Doch hohe Standortkosten und internationale Handelskonflikte bremsen weiterhin ihre Wettbewerbsfähigkeit“, betont Rudolff.

Einzelhandel geht mit großen Sorgen ins Weihnachtsgeschäft

Besonders angespannt bleibt die Lage im Einzelhandel. Zwar steigt der Klimaindex von 60,5 auf 69,5 Punkte, doch nur noch 4,4 Prozent der Händler bewerten ihre Geschäftslage als gut – vor einem Jahr waren es 19,6 Prozent. Fast ein Drittel bezeichnet die Lage als schlecht. Lediglich 4,5 Prozent erwarten eine Verbesserung ihrer Geschäfte, während 38,6 Prozent mit einer Verschlechterung rechnen.
Für die Marburger Einzelhändlerin Gabriele Mensing, Inhaberin von Baltzer est.1968, sind die Zahlen ein Warnsignal: „Das Weihnachtsgeschäft ist für viele Einzelhändler von entscheidender Bedeutung. Doch angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten schauen die Kunden sehr genau auf ihre Ausgaben. Gerade bei Bekleidung spüren wir die Kaufzurückhaltung. Umso wichtiger ist, dass die Politik unsere Innenstädte stärkt. Sie müssen attraktiv, sicher und gut erreichbar bleiben. Denn wenn inhabergeführte Geschäfte aufgeben, verlieren unsere Städte wirtschaftliche Vielfalt, Lebensqualität und Identität.“
Auch Martin Wimberger, Center-Manager der ECE für den City-Point und das dez in Kassel, fordert bessere Rahmenbedingungen: „Das Weihnachtsgeschäft ist für unsere Händler eine der wichtigsten Phasen des Jahres. Doch hohe Besucherzahlen garantieren noch keine guten Umsätze. Die Kunden sind preissensibler geworden. Gerade deshalb müssen die Einkaufsstandorte attraktiv und gut erreichbar bleiben. Wer Parkmöglichkeiten einschränkt oder den Zugang erschwert, riskiert Kaufkraftverluste. Außerdem brauchen wir mehr Flexibilität bei verkaufsoffenen Sonntagen. Während der Onlinehandel jederzeit erreichbar ist, sollten auch Innenstädte und Einkaufszentren mehr Möglichkeiten erhalten, zusätzliche Kunden anzuziehen.“
Die wieder gestiegene Inflation belastet die Kaufkraft zusätzlich. Gleichzeitig stehen die Händler unter erheblichem Kosten- und Wettbewerbsdruck. Auch Baugewerbe und Großhandel bleiben mit Klimaindizes von 77,5 beziehungsweise 81,0 Punkten deutlich unter der 100-Punkte-Marke.

Mehr als jedes vierte Unternehmen plant Personalabbau

Die größte Schwachstelle der wirtschaftlichen Erholung bleibt die Beschäftigungsentwicklung. Zwar verbessert sich der Beschäftigungssaldo von minus 23,3 auf minus 15,9 Punkte. Dennoch planen 27,4 Prozent der Unternehmen Personalabbau, während lediglich 11,5 Prozent zusätzliche Mitarbeiter einstellen wollen. Auch die Investitionsbereitschaft bleibt verhalten. Der Investitionssaldo steigt von minus 12,9 auf minus 5,6 Punkte, bleibt damit aber negativ. Weiterhin wollen mehr Unternehmen ihre Investitionen reduzieren als erhöhen. „Wenn mehr als jedes vierte Unternehmen Personalabbau plant, kann von einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung keine Rede sein. Wir brauchen wieder mehr Betriebe, die investieren und Arbeitsplätze schaffen“, warnt Rudolff.

Energiepreise und Standortkosten belasten die Wirtschaft

Die größten Geschäftsrisiken sehen die Unternehmen bei den Energie- und Rohstoffpreisen (75,2 Prozent), den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (64,2 Prozent), der schwachen Inlandsnachfrage (57,9 Prozent) und steigenden Arbeitskosten (50,8 Prozent). Rudolff fordert deshalb einen konsequenten Reformkurs: „Staatliche Ausgaben können die Konjunktur stützen, aber keine privaten Investitionen ersetzen. Wir brauchen niedrigere Standortkosten, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen. Entscheidend ist nicht, was angekündigt wird, sondern was bei den Unternehmen tatsächlich ankommt.“ Die Herbstumfrage markiere damit zwar eine deutliche Stimmungswende, aber noch keine gesicherte wirtschaftliche Trendwende.