28. Juli 2026

Fast jeder zweite Betrieb kann Ausbildungsplätze nicht besetzen

Zum Start des neuen Ausbildungsjahres zeigt sich erneut: Viele Unternehmen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg haben Schwierigkeiten, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen.
Im vergangenen Jahr betraf dies fast jeden zweiten Ausbildungsbetrieb. Das ist das Ergebnis der regionalen Auswertung der Ausbildungsumfrage 2026 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). 47,5 Prozent der Unternehmen, die diese Frage beantworteten, gaben an, ihre Ausbildungsplätze nicht vollständig besetzt zu haben. An der Befragung, die zwischen dem 11. und 29. Mai stattfand, beteiligten sich 262 Unternehmen aus dem IHK-Bezirk Kassel-Marburg. Bundesweit nahmen 14.058 Unternehmen teil.
Die regional befragten Betriebe boten für das Ausbildungsjahr 2025 insgesamt 1.869 Ausbildungsplätze an. Davon blieben nach Angaben der Unternehmen 282 unbesetzt. Als häufigsten Grund nannten die Betriebe fehlende geeignete Bewerbungen. 59,8 Prozent der betroffenen Unternehmen gaben an, keine passenden Bewerberinnen und Bewerber gefunden zu haben. Bei 28,7 Prozent gingen überhaupt keine Bewerbungen ein.
Hinzu kommt, dass vereinbarte Ausbildungsverhältnisse nicht immer zustande kommen oder vorzeitig enden. 19,5 Prozent der betroffenen Unternehmen berichten, dass angehende Auszubildende ihre Stelle nicht angetreten haben. Bei 20,7 Prozent lösten Auszubildende den Vertrag innerhalb der Probezeit auf.
„Die duale Ausbildung ist für unsere Unternehmen nach wie vor der wichtigste Weg, um den eigenen Fachkräftenachwuchs zu sichern“, sagt IHK-Präsidentin Désirée Derin-Holzapfel.
„Umso besorgniserregender ist es, dass viele Betriebe ihre Ausbildungsplätze trotz ihres großen Engagements nicht besetzen können. Wir müssen Jugendlichen und ihren Eltern noch deutlicher zeigen, welche beruflichen Perspektiven eine Ausbildung in unserer Region eröffnet.“
Unternehmen sehen Defizite bei Schlüsselkompetenzen
Die Herausforderungen beginnen für viele Betriebe bereits vor dem Ausbildungsstart: 93,4 Prozent der antwortenden Unternehmen sehen bei Bewerberinnen und Bewerbern in mindestens einem der abgefragten Bereiche Defizite. Besonders häufig betrifft dies die Belastbarkeit. 50,4 Prozent der Unternehmen geben an, hier häufig oder immer Defizite festzustellen. Bei den Mathematikkenntnissen liegt der entsprechende Anteil bei 48,6 Prozent, bei den Wirtschaftskenntnissen bei 43 Prozent und beim schriftlichen Ausdrucksvermögen bei 42,3 Prozent.
Die Unternehmen reagieren darauf mit zusätzlichen Förderangeboten. So bieten 40,7 Prozent Nachhilfe im eigenen Betrieb an. 18,9 Prozent nutzen die assistierte Ausbildung einschließlich ausbildungsbegleitender Hilfen. 17,3 Prozent ermöglichen längerfristige Schülerpraktika. 16 Prozent setzen auf zweistufige Ausbildungsmodelle und jeweils 14,8 Prozent bieten Einstiegsqualifizierungen oder Vorbereitungskurse an. Gleichzeitig erklären 22,2 Prozent der Betriebe, dass sie leistungsschwächere Schulabgänger derzeit nicht zusätzlich fördern und integrieren können. Als Gründe werden unter anderem fehlende personelle Kapazitäten und schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen genannt.
Unternehmen leisten weit mehr als Fachausbildung
„Viele Unternehmen leisten heute deutlich mehr als die reine Vermittlung beruflicher Fachkenntnisse“, betont Thomas Rudolff, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer. „Sie investieren zusätzliche Zeit und personelle Ressourcen, um schulische Grundlagen zu stärken und junge Menschen individuell zu begleiten.
Dieses Engagement verdient Anerkennung und braucht verlässliche Unterstützung.“ Aus Sicht der IHK müssen Berufsorientierung und Praxiskontakte während der Schulzeit weiter gestärkt werden. Dazu gehören frühzeitige Praktika, eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Unternehmen sowie eine stärkere Einbindung der Eltern. Zugleich müssen grundlegende Kenntnisse in Mathematik, Deutsch und Wirtschaft verlässlich vermittelt werden.
Künstliche Intelligenz gewinnt an Bedeutung
Auch Künstliche Intelligenz gewinnt für die betriebliche Ausbildung zunehmend an Relevanz. 64,7 Prozent der Unternehmen messen dem Thema inzwischen eine mittlere, hohe oder sehr hohe Bedeutung bei. 27,5 Prozent bewerten die Bedeutung hingegen als gering oder nicht vorhanden und 7,8 Prozent können sie derzeit noch nicht einschätzen.
In der praktischen Anwendung zeigt sich ein gemischtes Bild. 39,7 Prozent der befragten Unternehmen setzen KI bislang in keinem Ausbildungsbereich ein. Am häufigsten wird KI beim Lehren, Lernen und bei der Prüfungsvorbereitung genutzt. Dies geben 34,9 Prozent der Betriebe an. 18,3 Prozent nutzen KI zur Gewinnung von Bewerbern, 17,1 Prozent zur Dokumentation und 14,7 Prozent für das Onboarding.
Auch bei der Vermittlung von KI-Kompetenzen besteht noch Entwicklungspotenzial. So bereiten bislang nur 68,1 Prozent der Unternehmen ihre Auszubildenden gezielt auf das Arbeiten mit KI vor. 44,6 Prozent ermöglichen hingegen den selbstständigen Einsatz entsprechender Anwendungen. 23,5 Prozent nutzen Lernsoftware, Internetangebote oder Onlinekurse. 19,9 Prozent bieten eine Anleitung durch eine Lehr- oder Ausbildungsperson an.
„KI kann die betriebliche Ausbildung sinnvoll ergänzen. Junge Menschen müssen jedoch lernen, Ergebnisse kritisch zu prüfen, Quellen zu bewerten und verantwortungsvoll mit Daten umzugehen. Dazu benötigen die Ausbildungsbetriebe selbst praxisnahe Informationen und geeignete Qualifizierungsangebote“, sagt Dr. Thomas Fölsch, IHK-Bereichsleiter Bildung.
Rufen Sie die vollständige Auswertung der DIHK-Ausbildungsumfrage 2026 ab.