10. Februar 2026
Stabilisierung ohne Aufbruch
Die Wirtschaft in Nordhessen und der Region Marburg zeigt zu Beginn des Jahres eine leichte Stabilisierung, ein spürbarer Aufschwung bleibt jedoch aus. Dies ist das zentrale Ergebnis der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg.
Zwar steigt der gesamtwirtschaftliche IHK-Klimaindex auf 98,4 Punkte (Herbst 2025: 96,1 Punkte), er liegt damit aber weiterhin unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Investitionen, Beschäftigung und Auslandsgeschäft bleiben insgesamt verhalten.
„Die Wirtschaft tritt auf der Stelle“, beschreibt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes die aktuelle Lage. Zwar gebe es in einzelnen Branchen Lichtblicke, insgesamt fehle es aber an Dynamik. In den Konjunkturdaten der Region spiegelt sich eine starke Verunsicherung der Unternehmen dar. Viele Unternehmen gingen kaum neue Risiken ein, was sich in der Investitionstätigkeit niederschlägt. Kritisch bewertet der IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Klein-Zirbes die zaghaften Reformen der vergangenen Monate: „Wenn wir wieder Fahrt aufnehmen wollen, muss 2026 ein Jahr echter Reformen werden. Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und ein klares Bekenntnis zur Wachstumspolitik gehören in den Mittelpunkt des politischen Diskurses.“
Der Branchenvergleich zeigt deutliche Unterschiede. In der Industrie verbessert sich die aktuelle Lage: Der Klimaindex steigt auf 96,3 Punkte (Vorbericht: 90,4), bleibt aber unter der Neutralmarke von 100 Punkten. Die Bauwirtschaft verzeichnet nach dem Herbst eine kräftige Gegenbewegung und erreicht einen Index von 118,6 Punkten (Vorbericht: 88,2). Dagegen steht der Einzelhandel mit 73,4 Punkten (Vorbericht: 77,8) und die Gastronomie mit 88,1 Punkten (Vorbericht: 68,0) weiter unter Druck. Vergleichsweise stabil präsentieren sich die unternehmensnahen Dienstleistungen mit 109,8 Punkten (Vorbericht: 109,3). Mit einem Index von 137,6 Punkten (Vorbericht: 132,2) bilden Banken, Sparkassen und Volksbanken eine Ausnahme. Sie berichten von einer sehr guten Geschäftslage, während die Nachfrage nach Krediten und Investitionen insgesamt zurückhaltend bleibt.
IHK-Vizepräsident Alexander Starke sieht insbesondere im Handel und auf dem Arbeitsmarkt anhaltende Belastungen: „Gerade der Einzelhandel steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Das Weihnachtsgeschäft hat vielerorts keine nachhaltige Belebung gebracht.“ Gleichzeitig wirke sich die konjunkturelle Schwäche zunehmend auf die Beschäftigung aus. Nur 9,7 Prozent der Betriebe rechneten mit einem Beschäftigungsaufbau, während 21,1 Prozent von einem Abbau ausgingen. Der Fachkräftemangel verliere an Bedeutung – nicht wegen Entspannung, sondern mangels Wachstumsimpulsen. „Das bremst Einkommen, Konsum und die wirtschaftliche Entwicklung insgesamt“, warnt der Geschäftsführer Starke + Reichert GmbH & Co. KG in Kassel.
Der Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen erweist sich als relativ stabil. Thomas Winzer, CEO der Inosoft AG in Marburg, berichtet, dass IT-Dienstleistungen und Beratungen weiterhin gefragt seien – allerdings unter veränderten Vorzeichen. Unternehmen investierten gezielt dort, wo Produktivität gesteigert, Prozesse automatisiert oder Kosten gesenkt werden könnten, so der stellvertretende Vorsitzende der IHK-Regionalversammlung Region Marburg. Winzer betont, Innovationen blieben ein entscheidender Wettbewerbsfaktor, würden aber deutlich selektiver nachgefragt. Es gehe weniger um Volumen, sondern um passgenaue, skalierbare Lösungen mit messbarem Nutzen. „Unternehmen, die technologisch führend sind und echten Mehrwert liefern, bleiben auch in einem schwierigen Umfeld wettbewerbsfähig“, ist Winzer überzeugt.
Auch das Auslandsgeschäft bleibt herausfordernd.17,6 Prozent, der Unternehmen rechnen mit steigenden Ausfuhren, während 57,7 Prozent eine Stagnation erwarten. Neben geopolitischen Risiken und Handelshemmnissen sorgt zunehmend auch die europäische Handelspolitik für Verunsicherung. „Dass das Mercosur-Abkommen weiterhin ausgebremst wurde, kann zu weiterer Verunsicherung, insbesondere der Exportorientierten Wirtschaft führen.“, kritisiert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Klein-Zirbes. Gerade jetzt brauche es neue Märkte und verlässliche Handelsabkommen statt zusätzlicher Unsicherheit.
Als größtes Risiko nennen die Unternehmen erneut die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Hohe Kosten, steuerliche Belastungen, unsichere Energieperspektiven und fehlende internationale Öffnung bremsen Investitionen, Beschäftigung und Exporte. Die Konjunkturumfrage zeigt: Die Unternehmen sind leistungsbereit, doch ohne klare Reformen und verlässliche Rahmenbedingungen bleibt die Stabilisierung fragil und ein Aufbruch aus.
