26. Mai 2026
Wirtschaft in großer Sorge
Die wirtschaftliche Stimmung in Nordhessen und der Region Marburg hat sich deutlich verschlechtert. Dies geht aus der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg hervor. Demnach sind die Investitionen, die Beschäftigungserwartungen und das Zukunftsvertrauen massiv eingebrochen. Der gesamtwirtschaftliche IHK-Klimaindex fällt von 98,4 auf 83,4 Punkte und entfernt sich damit deutlich von der Wachstumsschwelle von 100 Punkten.
Die konjunkturelle Schwäche erreicht inzwischen auch den Arbeitsmarkt. Nur noch 7,4 Prozent der befragten Unternehmen planen zusätzliche Einstellungen, rund 31 Prozent rechnen mit einem Personalabbau.
„Die Wirtschaft ist auch in unserer Region im Krisenmodus“, sagt Dr. Arnd Klein-Zirbes, Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg. „Wir haben es nicht nur mit einer konjunkturellen Schwäche zu tun. Es handelt sich auch um eine strukturelle Vertrauens-, Investitions- und Wachstumskrise. Viele Unternehmen verlieren spürbar das Vertrauen in die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen am Standort Deutschland. Seit unserer Herbstumfrage 2024 nennen die Unternehmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen durchgehend als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens“ Besonders besorgniserregend seien die Zukunftserwartungen der Unternehmen. Nur noch 8,5 Prozent der Betriebe rechnen mit einer besseren Geschäftsentwicklung. Gleichzeitig steigt der Anteil der Unternehmen mit pessimistischen Erwartungen massiv auf 33,8 Prozent. Viele Betriebe fahren inzwischen auf Sicht, verschieben Investitionen und stellen Einstellungen zurück.
„Selbst wenn Deutschland 2026 wieder ein leichtes Wirtschaftswachstum von bis zu 0,5 Prozent erreichen sollte, wäre dies aus Sicht vieler Unternehmen viel zu wenig. Ein derart schwaches Wachstum reicht nicht aus, um die Herausforderungen bei Transformation, Digitalisierung, Infrastruktur und internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu bewältigen. Die deutsche Wirtschaft verliert zunehmend an Dynamik, während andere Industriestandorte schneller und entschlossener handeln,“ betont Dr. Klein-Zirbes.
Die Schwäche zieht sich durch nahezu alle Branchen. Besonders drastisch ist die Entwicklung im Baugewerbe. Der Klimaindex stürzt dort von 118,6 auf 60,0 Punkte ab. Aktuell erwartet kein einziges der befragten Bauunternehmen eine bessere Entwicklung. Auch der Großhandel sendet massive Warnsignale. Der Klimaindex fällt auf 64,3 Punkte. Stockende Bauprojekte, eine schwache Nachfrage und ausbleibende Investitionen treffen die Branche unmittelbar.
Im Einzelhandel hat sich die Lage ebenfalls weiter verschärft. Mehr als die Hälfte der Händler rechnet inzwischen mit einer weiteren Verschlechterung der Geschäftslage. Neben Kaufzurückhaltung und hohen Kosten belasten sinkende Frequenzen in den Innenstädten, Erreichbarkeitsprobleme und zunehmender Wettbewerbsdruck die stationären Betriebe. Auch die unternehmensbezogenen Dienstleistungen verlieren deutlich an Dynamik. Vor allem projektbezogene Dienstleister, Marketing- und Beratungsunternehmen sowie Teile der IT-Wirtschaft spüren die zunehmende Zurückhaltung vieler Kunden.
Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen entwickelt sich besonders negativ. So bricht der Investitionssaldo massiv auf minus 12,9 Punkte ein. Viele Unternehmen investieren nur noch, wenn es unbedingt notwendig ist. Zukunftsprojekte, Erweiterungen und Transformationsvorhaben werden zunehmend verschoben oder gestrichen. „Die Wirtschaft verwaltet vielerorts nur noch den Bestand, statt aktiv Zukunft zu gestalten“, sagt Jörg Diehl, Mitglied des Präsidiums der IHK Kassel-Marburg und Geschäftsführer der SW-MOTECH GmbH & Co. KG in Rauschenberg bei Marburg. „Wenn Investitionen dauerhaft ausbleiben, verliert der Standort Schritt für Schritt an Innovationskraft, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Genau diese Entwicklung beobachten wir derzeit mit großer Sorge.“
Auch das Auslandsgeschäft entwickelt sich zunehmend zum Belastungsfaktor. Aktuell rechnen nur noch 9,5 Prozent der Unternehmen mit steigenden Exporten, während bereits 40,5 Prozent rückläufige Ausfuhren erwarten. Der Kasseler Unternehmer Sven Stehl sieht darin auch Auswirkungen auf die Reise- und Dienstleistungswirtschaft: „Hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie steigende Mobilitätskosten belasten inzwischen viele Unternehmen erheblich. Gleichzeitig beobachten wir eine zunehmende Zurückhaltung bei Geschäftsreisen, Veranstaltungen und projektbezogenen Ausgaben“, so der Geschäftsführer der Wimke Reisewelt GmbH & Co. KG weiter.
Die konjunkturelle Schwäche macht sich inzwischen auch am Arbeitsmarkt bemerkbar. Während nur noch 7,4 Prozent der Unternehmen zusätzliche Einstellungen planen, gehen bereits 30,7 Prozent von Personalabbau aus. Der Beschäftigungssaldo stürzt damit deutlich auf minus 23,3 Punkte ab.
Die Unternehmen nennen als größte Risiken wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen (69,7 Prozent), hohe Energie- und Rohstoffpreise (68,6 Prozent), eine schwache Inlandsnachfrage (59,9 Prozent) sowie steigende Arbeitskosten (52,2 Prozent). IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes fordert deshalb ein umfassendes wirtschaftspolitisches Reformpaket, „das jetzt dringend umgesetzt werden muss“.
Beispielhaft nennt er folgende Punkte:
- Die bereits beschlossenen Steuersatzsenkungen für Unternehmen sollten auf den 1. Januar 2027 vorgezogen werden.
- Die längst versprochene Senkung der Stromsteuer für alle sollte ganz oben auf der Agenda stehen.
- Die Einkommenssteuer sollte zügig reformiert werden; kleine und mittlere Einkommen sollten entlastet werden, ohne dass dies durch eine stärkere Besteuerung höherer Einkommen ausgeglichen wird.
- Bei der Gesundheitsreform sollte die Bundesregierung versicherungsfremde Leistungen vollständig über den Bundeshaushalt finanzieren.
- Das Infrastrukturgesetz muss jetzt verabschiedet werden, damit das milliardenschwere Investitionspaket wirken kann.
Hintergrund: An der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Kassel-Marburg haben sich rund 300 Unternehmen aus Nordhessen und der Region Marburg beteiligt.
