IHK-Magazin WIMA
Nr. 6950376
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Verteidigung und Sicherheit

Zeitenwende heißt handeln: Die sicherheitspolitische Lage in Europa verändert sich rasant, mit spürbaren Folgen für Wirtschaft und Unternehmen. Beim IHK-Neujahrsempfang und auf der jüngsten Regionalkonferenz trafen strategische Analyse und unternehmerische Praxis aufeinander. Oberstleutnant Dr. Peter Schittenhelm ordnete die Bedrohungslage und ihre Konsequenzen für Betriebe ein, Florence Gaub zeigte, wie Szenarien helfen, handlungsfähig zu bleiben, und IHK-Präsident Volker Hasbargen warb für Mut, Resilienz und einen klaren Kurswechsel. Stimmen aus dem Publikum machen deutlich: Sicherheit, Vorbereitung und wirtschaftliche Widerstandskraft sind heute zentrale Führungsaufgaben.

8 Fragen an Dr. Florence Gaub - „Achtung, das könnte Wunschdenken sein“

Mit der Keynote Speakerin Dr. Florence Gaub, Direktorin am NATO Defense College in Rom, sprach Ute Kretschmer-Risché.
Florence Gaub: Ich teile es insofern, weil diese Flutung von Nachrichten nicht gut für einen ist. Es gibt Studien, die zeigen, wir nehmen heute an einem Tag mehr neue Informationen auf als ein Bauer im Mittelalter im ganzen Leben. Das überfordert das menschliche Gehirn. Wenn es einen nicht direkt betrifft, dann muss man eine Nachrichtenhygiene entwickeln. Man muss überlegen, zu welchem Zeitpunkt nehme ich welche Art von Nachrichten zu mir. Wichtig zu schauen, welche Quellen lese ich. Also scrolle ich mich zu Tode auf TikTok, Instagram und sonst wo, oder lese ich einen langen Artikel, der in die Tiefe geht und der viel erklärt. Ich empfehle natürlich letzteres, aber die meisten von uns machen eher ersteres und das führt dazu, dass das Gehirn dauernd im Alarmzustand ist.
Florence Gaub: Wissen ist wichtig, auch zu wissen, wie wir mit Wissen umgehen. In der Lage zu sein, kritisch zu analysieren, Quellen zu prüfen, zu schauen, ob es andere Meinungen gibt, bevor Sie ein Urteil fällen. Damit kommt man eher zu einem richtigen Ergebnis als eine Expertin oder ein Experte, die sagen, dass sie eh schon alles wissen. Je älter man wird, desto weniger stellt man sich selber in Frage. Ich habe eine Art Bauchgefühl, dann weiß ich durch meine Erfahrung: Achtung, das könnte jetzt Wunschdenken sein! Stell dich mal in Frage, warum möchtest du jetzt unbedingt, dass es dieses Ergebnis ist und nicht ein anderes. Dann schaue ich genauer hin. Es hilft, wenn man Werkzeuge dazu hat, analytisches und kritisches Denken. Auch wenn man ein großes Geschichtsverständnis hat. Ich denke, okay, meine Oma, mein Opa, was haben die alles überlebt! Das war zum Teil noch viel schlimmer. Das hilft auch.
Florence Gaub: Ich glaube, es war Albert Einstein, der gesagt hat, Intelligenz ist gar nichts wert ohne Humor. Und Humor ist, wenn man so will, die höchste Form von Intelligenz. Eine gewisse Leichtigkeit im Sein muss der Mensch haben, weil das Leben ist schon so schwer genug. Ich glaube, man braucht tatsächlich im 21. Jahrhundert noch mehr als früher die Fähigkeit, sich emotional zu regulieren. Von Meditation bis Spazierengehen, das sind Tricks, die kennt eigentlich jeder. Viele wissen es, aber machen es nicht.
Florence Gaub: Ich würde immer erstmal dazu einladen, sich die Selbstwirksamkeit bewusst zu machen, also, was kann man eigentlich leisten, als Individuum, aber auch als Gesellschaft. Wenn ich in Deutschland zum Beispiel höre, man kann ja nichts machen als Einzelperson. Natürlich kann ich jetzt nicht Putin anrufen. Aber wir leben in einer der größten Demokratien der Welt, mit den besten Wirtschaftskräften der Welt. Wir können wählen gehen, unsere Meinung äußern. Wir können unser Konsumverhalten verändern, an unsere Abgeordneten schreiben. Also wenn wir nicht das Gefühl haben, dass wir was verändern können, fragen Sie mal jemanden, der in Ghana wohnt. Was kann der oder die verändern? Aber sich das bewusst machen, was für einen Luxus wir da haben, das ist das eine. Das zweite ist, auch hier zeigen Studien, dass Menschen, die wissen, was die Menschheit in den letzten 30 Jahren geleistet hat, sei es Kindersterblichkeit reduzieren, Armut bekämpfen und so, die sind optimistischer für die Zukunft. Humor hilft immer ungemein.
Florence Gaub: Vieles wird, auch in den Medien, schlechter geredet, als es ist. Markus Lanz sagte kürzlich, überall, wo Zukunft draufsteht, ist Deutschland nicht mehr drin. Das stimmt nicht. Schauen Sie zum Beispiel das Biotechnologieunternehmen BioNTech aus München an. Ich würde immer erstmal schauen, was haben wir eigentlich alles schon geleistet. Und dann für sich selber entscheiden, welche Zukunft ist jetzt für mich am relevantesten. Mich stört es, dass wir die ganze Zeit in die USA starren, aber wir leben doch hier. Und hier können sie die Dinge verändern und es ist jetzt nicht so, als wären wir eben ein winziges Land ohne Macht. Auch in Deutschland kann man viel erreichen.
Florence Gaub: Mir ist es wichtiger, Dinge zu beeinflussen, als Recht zu haben. Ich werde oft gefragt, wie oft lagen sie schon daneben, wie oft lagen sie richtig. Das ist das falsche Messkriterium. Wenn ich meinen Job gut mache, dann werde ich ernst genommen und dann werden Entscheidungen getroffen, die ein Szenario eben vermeiden. Es ist wichtiger, dass ich zu guten Politikentscheidungen beitrage, als dass ich Recht habe und hinterher sagen kann, ich habe es kommen gesehen, aber mir hat halt keiner zugehört.

Florence Gaub: Auf jeden Fall. Unternehmen sollten nicht dem Irrglauben verfallen, dass sie einfach einen Zukunftsforscher einladen, der soll ihnen was erzählen und dann setzen sie es um. Ich sage immer: Zukunft ist wie eine Zahnbürste, jeder braucht seine eigene. Nur die Wirtschaftsvertreterinnen und-vertreter selber wissen, was in ihrem Unternehmen möglich ist. Sie können sagen, was sind ihr Ziele, was wurde schon versucht und hat nicht geklappt. Jedes Unternehmen sollte für sich zwei Variablen in Szenarioanalyse machen. Natürlich kann man sich dazu Expertinnen und Experten holen, aber der Prozess sollte immer unternehmensintern bleiben.
Florence Gaub: Ich glaube, ja. Die meisten von uns haben auf jeden Fall eine Schwäche dafür. Wir mögen vor allem die utopische Dimension, dass man in der Science Fiction Sachen ausloten kann, die es noch nicht gibt. Sie haben viel mehr Spielraum. Sie können viel mehr neue Elemente einfügen. Sie können Ängste und Hoffnungen aufgreifen, als wenn Sie in der Gegenwart wären. Ich habe schon ein bisschen die Ambition, mal einen Science-fiction-Roman zu schreiben.
Dr. Florence Gaub ist Direktorin am NATO Defense College in Rom. Zuvor war sie Foresight-Beraterin im Generalsekretariat des Rates der Europäischen Union, Sonderberaterin des EU-Kommissars für Strategische Vorausschau sowie stellvertretende Direktorin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien. Davor arbeitete sie dort als festangestellte Nahost-Analystin. Florence Gaub ist zudem Mitglied des Global Future Council on Geopolitics des World Economic Forum. Sie ist Autorin u.a. vom EU-Bericht „Global Trends to 2030“ und der Bücher „Zukunft – eine Bedienungsanleitung“ und „Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel“. Florence Gaub promovierte an der Humboldt-Universität Berlin und verfügt über Abschlüsse von Sciences Po Paris, der Sorbonne und der Universität München. Sie besitzt die französische und deutsche Staatsangehörigkeit und diente als Reserveoffizierin in der französischen Armee.

Zeitenwende - Auswirkungen für Unternehmen

Die aktuelle Lage: Die zunehmende Bedrohung Europas durch Russland zwingt auch Deutschland dazu, Krisenvorsorge und Verteidigungsplanungen zu intensivieren und zu konkretisieren. Immer deutlicher zeichnet sich ab, welche Auswirkungen dies auf Unternehmen hat. Vor allem aber wird immer klarer, welche Herausforderungen auf Unternehmen im Fall der Bündnis- oder Landesverteidigung zukommen.
Parallel dazu gefährdet die zunehmend aggressiver auftretende VR China eine Vielzahl kritischer Lieferketten von Magneten über Computerchips bis hin zu Medikamenten.
Russland hat mittlerweile komplett auf Kriegswirtschaft umgestellt und treibt die eigene Aufrüstung ebenso nachdrücklich voran, wie seine verdeckte und offene hybride Aggression in Vorbereitung eines möglichen Krieges gegen die NATO. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass sich Russland bis spätestens zum Ende des Jahrzehnts in die Lage versetzen will, militärisch weiter nach Westen auszugreifen. Durch die unklare Haltung der Trump-Administration ist die Gefahr eines russischen Angriffs in Europa, z.B. im Baltikum, beträchtlich gestiegen. In diesem Fall wird Deutschland aufgrund seiner Bündnisverpflichtungen Kriegspartei und aufgrund seiner geographischen Lage zu der logistischen Drehscheibe für Aufmarsch und Versorgung der NATO-Streitkräfte. Es bleiben also für alle Akteure – Staat, Wirtschaft, Gesellschaft – ein bis drei Jahre, um sich vorzubereiten. Angesichts der komplexen Aufgaben, die anstehen, ist dies ein extrem kurzer Zeitraum. Es gilt also, mit kühlem Kopf zu analysieren und rasch und entschlossen zu handeln.
  • Belastung der (Verkehrs-)Infrastruktur
  • Arbeitskräftemangel
  • Cyberattacken und Sabotage
  • Anschläge und Luftangriffe
  • Staatliche Eingriffe in das wirtschaftliche Handeln
  • Es gibt also dringenden Anlass, geeignete Vorkehrungen für das eigene Unternehmen zu identifizieren und auf den Weg zu bringen. Zum Beispiel:
    Wenn hunderttausende NATO-Soldaten mit Fahrzeugen, Ausrüstung und Nachschub durch Deutschland hindurch transportiert werden, werden zivile Transportleistungen nur eingeschränkt verfügbar sein. Hinzu kommt, dass 70 Prozent der LKW-Fahrerinnen und -fahrer in Deutschland aus osteuropäischen Ländern stammen. Viele von ihnen werden im Ernstfall dann in ihren Heimatländern sein.
  • Machen Sie sich also Gedanken über eine angemessene Bevorratung kritischer Vorprodukte.
  • Wie sichern Sie die Verfügbarkeit von Transportleistungen? Ist es für Sie ratsam, über Mitarbeitende mit LKW-Führerschein zu verfügen?
  • Durch Einberufungen zum Wehr-, Sanitäts- oder Zivilschutzdienst werden bis zu fünf Prozent der Belegschaften zeitweise oder dauerhaft abwesend sein.
  • Schulen Sie Mitarbeitende, um eine gegenseitige Vertretung zu ermöglichen.
  • Identifizieren Sie wichtige Aufgaben, die heute nur ein einziger Mitarbeiter oder eine einzige Mitarbeiterin beherrscht und sorgen Sie hier für ausreichend Backup.
  • Cyber-Attacken, Spionage, Sabotage und physische Angriffe werden eine permanente Bedrohung für alle Unternehmen und für die Verkehrs-, Kommunikations- und Energie-Infrastruktur darstellen. Viele sinnvolle Maßnahmen zur Reduzierung der Auswirkungen solcher Ereignisse sind auch im normalen betrieblichen Alltag hilfreich:
  • Aktualisieren Sie Ihre Notfallpläne zur betrieblichen Gefahrenabwehr.
  • Intensivieren Sie die Aus- und Weiterbildung Ihrer Mitarbeitenden in IT-Sicherheit, Erster Hilfe und Brandschutz.
  • Wo immer sinnvoll möglich, verteilen Sie kritische Anlagen und Prozesse auf mehrere Standorte.

  • Prüfen Sie Möglichkeiten der autarken Energieversorgung für kritische Einrichtungen und Prozesse.
  • Schaffen Sie physische Redundanzen bei Internet-Zugängen, Strom-Anschlüssen und anderen kritischen Versorgungsleitungen.
  • Im Verteidigungsfall kann es zu weitreichenden staatlichen Eingriffen in das Handeln von Unternehmen und in den Arbeitsmarkt kommen. Dies kann u.a. die Rationierung von Waren, die Zuweisung von Arbeitskräften, oder die Anordnung der Produktion bestimmter Produkte betreffen. Dies wird zu einer erheblichen Belastung der betrieblichen Abläufe und der Lieferketten führen. Konkrete Vorbereitungen sind mangels Kenntnis der zu erwartenden Maßnahmen kaum möglich. Flexibilisierung der Mitarbeitenden, die Schaffung von Redundanzen (intern wie extern) und die Diversifizierung von Lieferketten sind aber zielführende Ansätze zur Abmilderung der Auswirkungen, die zugleich die Resilienz von Unternehmen auch außerhalb eines kriegerischen Konfliktes deutlich erhöhen.
Krieg ist ein „low probability – high impact“ Szenario. Allerdings ist durch die aggressive Politik des russischen Regimes die Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich gestiegen. Der Zeithorizont bis zu einem möglichen Eintritt hat sich auf maximal drei Jahre verkürzt. Unternehmen können durch geeignete Maßnahmen ihre Resilienz gegenüber den zu erwartenden Auswirkungen signifikant erhöhen. Die Vorlaufzeiten für die Planung und Umsetzung solcher Maßnahmen sind allerdings teilweise erheblich. Umso wichtiger ist es, jetzt aktiv zu werden.
Autor: Oberstleutnant Dr. Peter Schittenhelm vom Landeskommando Baden-Württemberg

5 Fragen an Oberstleutnant Dr. Peter Schittenhelm vom Landeskommando Baden-Württemberg der Bundeswehr

…zu seinem Vortrag bei der 52. Regionalkonferenz der TechnologieRegion Karlsruhe: „Zeitenwende – Auswirkungen auf Bundeswehr, Gesellschaft und Wirtschaft“.
Peter Schittenhelm: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“ ist die Grundidee der Abschreckung. In der heutigen Zeit ist das weiter zu fassen, als dass es nur um Panzer und Maschinengewehre geht. Je resilienter, je verteidigungsbereiter eine Gesellschaft insgesamt ist. Je stabiler ein Unternehmen, der Staat und die Gesellschaft da stehen, je stabiler der einzelne Bürger Vorsorgemaßnahmen ergreift, desto glaubwürdiger kann ein Staat nach außen klar machen: Es ist keine gute Idee, sich mit uns anzulegen.
Peter Schittenhelm: Wenn man nach Ländern schaut wie Finnland oder Schweden, findet man dort ein ganz anderes Selbstverständnis. Für Finnen ist das sehr klar, es kann früher oder später zu einem kriegerischen Konflikt kommen. Für 95 % der Finnen gibt es öffentliche Schutzplätze. Nahezu jeder erwachsene Finne weiß, was er im Notfall zu tun hat. Das stürzt die Finnen aber nicht in Depressionen. Gerade die Finnen stehen im Glücksindex ganz weit oben. Dieses Bewusstsein, ja es gibt eine Gefahr, ein Risiko, aber wir sind dafür so gut gewappnet, dass das nach außen sichtbar und glaubwürdig ist. Das reduziert die Eintrittswahrscheinlichkeit des Risikos ganz erheblich. Diesem Grundgedanken müssen wir uns als Gesellschaft in Deutschland ein ganzes Stück weit nähern.
Peter Schittenhelm: Im Wesentlichen sind es drei große Handlungsstränge, auf die sich ein Unternehmen vorbereiten kann: Erstens sich die Frage stellen, was sind für das jeweilige Unternehmen kritische Rohstoffe und kritische Materialien? In welcher Form kann ich die geeignet und wirtschaftlich vertretbar bevorraten. Ob bei sich selbst oder entlang der Wirtschaftskette.

Zweitens geht es um die Infrastruktur, wie Verkehr, Strom, Internet- bzw. Nachrichtenzugänge: Wie habe ich die Möglichkeiten, Redundanzen zu schaffen? Für Privatmenschen wäre das zum Beispiel das stromunabhängige Kurbelradio. In Unternehmen wäre das die Frage: Schaffe ich mir Satellitentelefone an? Brauche ich für kritische Prozesse eine autarke Stromversorgung, dass ich meine Energieversorgung geordnet runterfahren kann, bevor Schaden entsteht? Oder dass wie in der Pharmazeutischen Herstellung Kühlketten aufrecht gehalten werden können.

Drittens geht es um Mitarbeitende. Da ist es unerheblich, ob es sich um einen Fall wie bei Corona handelt oder im Extremfall um einen Verteidigungsfall. Das große Zauberwort lautet Flexibilisierung. Dass ich Mitarbeitende ständig so schule, dass sie möglichst flexibel eingesetzt werden können. Dass ich für wichtige Bereiche nicht nur einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin einsetzen kann. Wenn der aus welchem Grund auch immer ausfällt, wird es eng. Dazu gehört natürlich auch Erste Hilfe, Brandschutz und anderes, was auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Das wird aber nicht überall konsequent umgesetzt, weil es mit dem Kerngeschäft nichts zu tun hat.
Peter Schittenhelm: Nach meiner Erfahrung tun sich selbst erfahrene Führungskräfte in Krisensituationen schwer, zu einer klaren Lagefeststellung zu kommen. Mit kühlem Kopf und hoher Geschwindigkeit, Entscheidungen zu treffen und diese in klare Maßnahmen umzusetzen. Da erlebe ich oft, dass Führungskräfte in Schockstarre verfallen oder durcheinander rennen. Beides ist nicht zielführend. Das ist Handwerk, das kann man lernen. Dafür braucht man keine Uniform tragen. Das lässt sich trainieren und immer wieder üben.
Es gibt aus meiner Sicht zwei gewichtige Argumente, warum es für ein Unternehmen von Vorteil ist, gerade auf solche Leute zu setzen. Das unternehmerische Argument ist: Mitarbeitende, die in diesen Organisationen ehrenamtlich unterwegs sind, zeigen, dass sie sich über das normale Maß hinaus engagieren. Das zeigt auch, wie sie sich im Unternehmen einsetzen. Das ist meine Erfahrung als Führungskraft in einem Unternehmen: Auf diese Mitarbeitenden kann man sich auch im betrieblichen System verlassen. Zweitens ist jeder Unternehmer natürlich darauf erpicht, dass bei einem Notfall Feuerwehr und Rettungsdienste sofort da sind. Das sind alles Organisationen, die auf Ehrenamt basieren. Deshalb darf man als Unternehmer diesem Ehrenamt kein Personal verweigern. Das ist der gesellschaftliche Aspekt. In vielen Fällen wird leider nicht gerne gesehen, dass Mitarbeitende bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Rettungsdienst oder in der Reserve der Bundeswehr unvorhergesehen weg sind. Das ist kurzfristig und mit rein ökonomischen Scheuklappen gesehen.

Das Interview führte Ute Kretschmer-Risché, Agentur exakt

KI-Experte Sven Schmidt-Rohr nennt Chancen und Risiken

Ist der Militärbereich eine Chance für die Wirtschaft in der Region?


Wie kann intelligente, vernetzte Software die Industrie transformieren? Das ist das Thema von Dr. Ing. Sven Schmidt-Rohr. Auch mit Blick auf den Militärbereich und welche Chancen und Herausforderungen sich für Unternehmen ergeben. Darüber sprach der KI-Spezialist bei der 52. Sitzung der Regionalkonferenz der TechnologieRegion Karlsruhe.
Andere Regionen als die IHK Karlsruhe sind bei dem Thema Rüstungssysteme bereits viel präsenter. Ich sehe große Chancen. Aber man muss schauen, was sind jetzt die spezifischen Anforderungen im Bereich Rüstung. Deswegen haben wir beim CyberForum die Initiative für Sicherheit und Verteidigung ins Leben gerufen. Es geht darum, wo die Bedarfe hingehen für Forschung und Technologien, auch für Unternehmen. Nicht nur im Bereich Produktion. Das ist oft ein langer Weg und kann nicht kurzfristig erfolgen.
Im Rüstungsbereich wird es problematisch, weil die Anforderungen hoch sind und oft kleine Stückzahlen gebraucht werden. Das stellt die Automatisierung, was maschinell zu lösen ist, vor geballte Herausforderungen. Es ist ein grundsätzliches Thema, dass man in Mitteleuropa halbmanuelle Arbeit nicht mehr bezahlen kann. Das Verhältnis von Output und Kosten ist in fast allen Bereichen nicht mehr gegeben. Die Verlagerungen von Standorten nach Osteuropa und weiter weg in die Welt, auch von Ingenieurleistungen hängen indirekt daran, dass die ordentlich vorhandene manuelle Arbeit nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Das ist ein Wirtschaftlichkeitsproblem und ein grundsätzlich strukturelles Problem unserer Wirtschaft. Aber das ist auch die Chance der Technologieregion Karlsruhe, denn jetzt kommt die IT ins Spiel, beispielsweise bei cyber-physischen Systemen mit oder ohne KI. Man kann die IT mit Maschinenbau verbinden und bei Produktionstechniken Impulse setzen. Wir können weiterhin Arbeitsplätze erhalten und diese skalieren. Da sehe ich Chancen, Firmen der Old Economy und der New Economy in der TechnologieRegion Karlsruhe zusammenzubringen. Damit können wir unseren Beitrag für die gesamte europäische Verteidigung leisten.
Das ist im Moment ein schwieriges Umfeld, wenn man kein Netzwerk hat und keine große Erfahrung. Am Anfang braucht man viel Geld, um Erfahrung sammeln zu können. Da bleibt das Feld den Erfahreneren, Etablierteren.
Das größte Problem liegt leider wieder in den Beschaffungsketten, wie bei fast allem im Moment. Dass diese Beschaffungsketten eine geschlossene Gesellschaft sind. Da ist nicht viel echter Wettbewerb. Dahinter steckt viel Geld. Für die Volkswirtschaft ist das eine Katastrophe. Das Thema des Beschaffungswesens müsste komplett reformiert werden. Das ist wahrscheinlich der allerwichtigste Hebel. Wenn das passiert, greifen wieder die marktwirtschaftlichen Mechanismen. Dahin müssen sich Lieferanten und Anbieter orientieren. Im Moment ist der Schmerz ganz offensichtlich noch nicht groß genug an der militärischen Front, weil der Krieg noch so weit weg ist. Zum Glück! Und das hoffentlich auch bleibt. Aber wenn das doch näher rückt, ist wohl auch die Reformfähigkeit da. Es wäre natürlich besser, wenn die Reformen früher kämen, weil sie dann oft besser wirken und man mehr Manövrierraum hat.
Das hat sich in den letzten drei, vier Jahren extrem geändert. Zumindest die jüngere Generation hat da eine sehr starke Wandlung hingelegt. Ich habe mir von vielen Jüngeren sagen lassen: „Vor zwei Jahren hätte ich nicht an Rüstungsproduktion mitgewirkt. Aber jetzt gib es einen Grund, warum das nötig ist.“ Ich glaube, Jüngere sind schneller, sich umzuorientieren, sind flexibler. Das Thema Geld ist natürlich wieder was anderes. Wenn man jetzt sagt, man steckt Unsummen in den Militärhaushalt und gleichzeitig fehlt es an vielen Ecken und Enden, dann werden die Verteilungskämpfe größer. Wir dürfen das nicht einfach lösen, indem wir immer mehr Geld draufwerfen, sondern müssen schauen, wie kommen wir ökonomisch ans Ziel. Gerade mit unserem technologischen Vorsprung und nicht nur mit dem Goldsäckel, das vielleicht bald auch nicht mehr in der Form vorhanden ist.
Es geht darum, wie kann man mit digitalen Instrumenten Qualität, Wertschöpfung, Flexibilität der Produktion erhöhen und das Thema Kosten in den Griff bekommen. Das fängt damit an, Daten zu erheben von Sensoren und Maschinen zu vernetzen, die Daten zusammenzubringen. Diese Daten müssen Optimierungen berechnen, Wartungen vorhersagen und zu komplett selbstlernenden Systemen werden. Die kann ein Mensch vielleicht noch bruchstückhaft aus der Ferne betreuen, aber ansonsten stellen sie sich komplett selbst ein, optimieren und warten sich selber und sind dabei sehr flexibel. Die Herausforderung ist immer, wie fängt man an, wie macht man kleine Schritte, die kontrollierbar und wirtschaftlich sind. Es ist nicht so, dass Menschen nicht wollen oder dass es grundsätzlich nicht funktioniert. Da muss Geld in die Hand genommen werden, Das ist immer mit Risiko und Zeitvorlauf verbunden.
Die neuesten Technologien versprechen schrittweise hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, über die bisher nur der Mensch verfügte. Jetzt durch mechanische Systeme verbunden mit KI. Mit einer Laserschneidemaschine, einem Roboter, mit Kamerasystemen, die alles von links und rechts anschauen. Dann kann gestern dies gemacht werden, heute das und morgen wieder etwas anderes. Das ist die Vision. Bei zivilen Gütern sind wir bei Millionen Stückzahlen. Das hat man in der Rüstung fast nie, da geht es um tausende oder zehntausende Stückzahlen. Das müssen wir für kleine Stückzahlen automatisiert bekommen. Es ist eine Zeit, in der man sich wieder breiter aufstellen muss.
Das Interview führte Ute Kretschmer-Risché

Umfrage unter Gästen beim IHK-Neujahrsempfang


Martina Detering, Finanzen, CSR-Manager bei Vollack archiTec GmbH & Co. KG, Karlsruhe:
Zuversicht gibt mir, dass wir mit Menschen zusammenarbeiten, die immer wieder neu darüber nachdenken, was kommt morgen, und wie gehen wir es an. Dass wir gemeinsam eine gute kommunikative Basis haben, die wir sowohl im Innen- wie im Außenverhältnis umsetzen.

Oliver Klemm, MO Ventures UG, Bretten:
Meine Zuversicht kommt aus Begegnungen mit Menschen, die den Mut haben, ihr Leben neu zu denken und ihre Zukunft bewusst zu gestalten. Genau dafür schaffen wir Räume.

Kurt Nachbargauer, Geschäftsführer IHT GmbH, Baden-Baden:
Ich bin zuversichtlich, weil ich die Nachfolge bei IHT Automation gut geregelt habe. Auch weil wir in Baden-Württemberg sind, und ich hier viel Unterstützung habe, gerade für uns als ein kleines Unternehmen im Exportbereich. Das wäre in anderen Gebieten nicht so möglich. In unserem Team weiß jeder, was zu tun ist, und dass wir zusammenhalten, um
aus dieser Krise, in der wir uns jetzt befinden, auch rauskommen.
Corona Feederle, Geschäftsführerin feco-feederle, Karlsruhe:
Zuversicht für die Zukunft gibt mir, dass wir selbst was tun können. Dass wir in jeder Situation und auch bei allen Herausforderungen, die uns das Jahr 2026 bringt, nachdenken können und miteinander im Team Lösungen finden werden, die uns weiterhelfen.
Thomas Herrmann, CEO Herrmann Ultraschalltechnik GmbH & Co. KG, Karlsbad:
„Zuversicht kommt bei mir aus dem christlichen Glauben, aus der Beziehung zu Jesus. Ganz pragmatisch gesehen: Wir haben in Deutschland tolle Unternehmen, sogenannte Hidden Champions, die auch weiterhin in der Welt eine sehr wichtige Rolle spielen werden. Wir haben außerdem großartige Universitäten mit wegweisender Forschung. Wir sind letztendlich sehr gut aufgestellt. Es wäre gut, wenn Unternehmer ihre Kräfte gebündelt wieder einsetzen können, ohne die überladene Bürokratie. Ich denke, wir werden weiterhin eine der wichtigen Nationen in der Welt sein. Als Deutschland und vor allem auch als Baden-Württemberg.“
Matthias Hümpfner, Vorstandsvorsitzender Volksbank pur eG:
Das Wichtigste ist Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und einfach anpacken. In vielerlei Hinsicht. Das haben wir selber in der Hand.

Auf der Internetseite der IHK Karlsruhe finden sie viele Informationen zu dem Thema Sicherheit und Verteidigung. Zum Beispiel:
- Hinweise auf besondere Vorschriften bei Bundeswehraufträgen
- Strategie der EU-Kommission für Krisenvorsorge
- Leitfaden und Checkliste zu Vorsorgemaßnahmen für Unternehmen.
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Info: www.ihk.de/karlsruhe/fachthemen/sicherheit-und-verteidigung,
marc.muehleck@karlsruhe.ihk.de, Telefon (07 21) 174-438



Dr. Marc Mühleck
IHK Karlsruhe