23.03.2022

DIHK-Umfrage Russland-Ukraine-Krieg: Auswirkungen auf die Wirtschaft Baden-Württembergs

Die Wirtschaft spürt die Auswirkungen der russischen Invasion. Vor allem Industrie und Verkehr trifft der Kostenanstieg für Energie, Rohstoffe und Vorleistungen hart. 80 Prozent fordern politische Maßnahmen zur Energiepreissenkung.

Auswertung von 830 Antworten baden-württembergischer Unternehmen auf die DIHK-Blitzumfrage vom 15. bis 17. März 2022

1. Auf einen Blick

  • Betroffenheit der Unternehmen: 75 Prozent spüren die Folgen des Kriegs oder der Sanktionen.
  • Auswirkungen auf die Unternehmen: Vor allem steigende Kosten für Energie (88 Prozent) sowie für Rohstoffe und Vorprodukte (65 Prozent) machen den Unternehmen zu schaffen.  
  • Maßnahmen der Unternehmen: 64 Prozent müssen versuchen, (einen Teil der) Kostensteigerungen an Kunden weiterzugeben – viele ändern ihre Logistik und Investitionspläne oder denken über Personalanpassungen nach.
  • Wünsche an die Wirtschaftspolitik (Freitext): In rund 80 Prozent der Antworten werden Maßnahmen zur Energiekostensenkung gefordert
  • Anmerkungen zur eigenen Situation (Freitext): Die Unternehmen geraten in allen Bereichen unter Druck – von Nachfrage- und Produktionsausfällen, Kostenexplosionen bei der Leistungserbringung bis hin zu Spritgeldforderungen von Mitarbeitern.
Die Wirtschaft Baden-Württembergs spürt die Auswirkungen der russischen Invasion in die Ukraine deutlich.
Bereits vor Kriegsbeginn dämpften die coronabedingten Lieferkettenprobleme, Preissteigerungen, Inflation und wachsende Spannungen zwischen USA und Russland beziehungsweise China die Erholung der Südwestwirtschaft. Infolge des Angriffs auf die Ukraine haben Deutschland, die EU und weitere westliche Staaten umfangreiche Sanktionen gegen Russland verhängt. Luft- und Schifffahrt stehen vor großen logistischen Problemen und auch auf den Landwegen um und nach Russland gibt es kaum noch Möglichkeiten.
Die Folgen des russischen Angriffskriegs und der Sanktionen vervielfachen die bereits zu Jahrebeginn bestehenden Lieferketten- , Energie-, und Preisproblematiken und führen zu spürbaren Belastungen und Einbußen für die Wirtschaft. Vor allem die höheren Preise für Energie, Rohstoffe und Vorleistungsgüter und die Unsicherheit über die weitere Energieversorgung treffen die Unternehmen hart.  Denn Russland war 2021 der größte Energielieferant Deutschlands. Fast 40 Prozent des hiesigen Gas- und Ölbedarfs wurden aus russischen Lieferungen gedeckt. Daneben bezog die deutsche Wirtschaft in erheblichem Umfang Nichteisen-Metalle sowie Eisen und Stahl aus Russland.
Besonders betroffen von der aktuellen Lage sind die Industrie und die Unternehmen aus Transport und Verkehr: Jeweils 90 Prozent der Südwestunternehmen aus diesen beiden Branchen spüren die Folgen des Kriegs und der Sanktionen (Gesamtwirtschaft: 75 Prozent).

2. Betroffenheit der Südwestunternehmen

Drei Viertel der befragten Unternehmen in Baden-Württemberg geben an, vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder den verhängten Sanktionen betroffen zu sein (75 Prozent).
Davon sind 15 Prozent direkt durch Sanktionen oder wegen einer Geschäftstätigkeit vor Ort in Russland, der Ukraine oder Belarus betroffen. 60 Prozent sehen sich eher indirekt durch steigende Preise oder Lieferkettenprobleme betroffen.
Nur 25 Prozent sehen sich derzeit derzeit nicht betroffen.
Besonders betroffen von der aktuellen Lage sind die Unternehmen aus den beiden Branchen Industrie und Transport und Verkehr: Hier spüren jeweils 90 Prozent die Folgen des Kriegs und der Sanktionen.

3. Auswirkungen auf die Südwestunternehmen

Vor allem höhere Energiepreise treffen die Unternehmen hart: 88 Prozent der baden-württembergischen Unternehmen geben an, dass sie hier bereits zusätzliche Belastungen verspüren oder diese erwarten. Die bereits durch die Pandemiefolgen gestiegenen Kosten für Rohstoffe und Vorleistungen nehmen nach Angabe von 65 Prozent der Unternehmen durch die aktuelle Situation weiter zu – ebenso wie die Störungen der bereits angeschlagenen Lieferketten (58 Prozent).
Knapp die Hälfte der Betriebe (46 Prozent) berichteten von fehlenden Rohstoffen und Vorprodukten für die Produktion. Bei knapp einem Viertel der Befragten (23 Prozent) kam es bereits zu Produktionsausfällen (Industrie: 38 Prozent).
Viele Unternehmen bringen diese Folgen in eine deutlich schlechtere Finanzlage bis hin zur Insolvenzgefahr. Rund acht von zehn der Befragten drängen im Freitext der Befragung auf Entlastung durch die Politik, um die höheren Kosten insbesondere durch die hohen Energiepreise, aufzufangen.

4. Maßnahmen der Südwestunternehmen

Alle genannten Auswirkungen erhöhen massiv die Kosten unternehmerischen Leistungserstellung. Sie erschweren es den Betrieben in vielen Fällen, überhaupt zu produzieren oder ihre Waren/Leistungen abzusetzen.
Wie immer in einer solchen Situation versuchen die Unternehmen, die Preissteigerungen bei Energie, Vorprodukten, Produktion und durch Handelshemmnisse an die Abnehmer ihrer eigenen Produkte weiterzugeben (64 Prozent). Doch oft ist dies, gerade für die Industriebetriebe, nur sehr eingeschränkt möglich. Um Produktionsausfälle zu vermeiden, kehren einige von der „Just-in-Time-Produktion“ vermehrt zurück zur „Just-in-Case-Produktion“ und bauen auf eine erhöhte Lagerhaltung (33 Prozent), trotz der beachtlichen Kosten.
Viele Unternehmen sehen sich genötigt, Kosten zu sparen:
30 Prozent planen eine Streichung oder den Aufschub von Investitionen, was direkte Folgen für ihre Aufträge bei anderen Unternehmen hat – und ihre eigenen künftigen Marktchancen und Produktivität verringert. 20 Prozent geben an, Personal anzupassen (zum Beispiel durch Kurzarbeit oder Verringerung des Personalbestands).

5. Wünsche der Südwestunternehmen an die Wirtschaftspolitik

Hier die meistgenannten Antworten bei der Möglichkeit zum Freitext:
  1. Energie: „Energiekosten schnell senken z. B Reduzierung der Energiesteuer oder Subventionierung (… auch bei privaten Haushalten, um deren Kaufkraft zu erhalten).“ [Anmerkung der Redaktion: Diese Forderung nach einem wirtschaftspolitischen Eingreifen zur Senkung der Energiepreise ist mit rund 80 Prozent der offenen Antworten die häufigste Nennung.]
  2. Energie: „Energiemarkt regulieren“
  3. Energie: „Zukünftig starke Abhängigkeiten, wie von russischem Öl und Gas, vermeiden.“
  4. Energie: „Vereinfachung von Genehmigungsverfahren zur leichteren Umsetzung von Bauvorhaben im Zusammenhang mit der Umstellung auf erneuerbare Energien.“
  5. Energie: „Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern forcieren und dabei die Kosten im Rahmen halten. Schnellere und strategische Umsetzung von diesen Großprojekten und dabei die nationale Wirtschaft profitieren lassen.“
  6. Finanzen: „Überbrückungskredite, gezielte unbürokratische Hilfen, Unterstützung für Kurzarbeit“,  „Umsatzausfall kompensieren.“
  7. Rohstoffe: „Import-Zölle auf Stahl aus China etc. reduzieren.“
  8. Export: „Vereinfachte Exportabwicklung.“
  9. Sanktionen: „Drastische Sanktionen gegen Russland zur schnellen Durchsetzung eines Waffenstillstands.“
  10. Schutz: „Investition in Cyberabwehr, da dieses Risiko bisher unterschätzt wird.“

6. Südwestunternehmen: Anmerkungen zur eigenen Situation

Sehr typische Stimmen aus der Befragung bei der Möglichkeit zum Freitext (wegen der Fülle der Rückmeldungen stehen sie stellvertretend für ähnliche Berichte) :
  1. „Als Logistiker sind wir direkt und indirekt betroffen. Direkt, weil wir Transporte in die Ukraine/nach Russland nicht mehr oder nicht mehr ohne Beeinträchtigungen durchführen können. Direkt betroffen sind wir, da viele Aufträge unserer Kunden im Bereich der Exportaufträge (Russland) wegfallen. Weiter sind wir direkt durch die hohen Energiekosten betroffen.“
  2. „Große Probleme, da es zum Teil gar keine Vorprodukte (Stahl) mehr auf dem Markt gibt oder wenn zu extrem erhöhten Preisen. Eine Kostenweitergabe an die Kunden ist aber nur sehr bedingt möglich, da Angebote vom letzten/vorletzten Jahr auch noch im laufenden Jahr/nächsten Jahr ohne eine Möglichkeit zur Preisänderung gültig sind (VOB!).“
  3. „Grundlegendes Problem in unserem Falle – Corona gerade so überstanden, da wir unseren neuen Betriebssitz im Frühjahr 2020 bezogen – KEINE Hilfen erhalten, da zwingend Wachstum – Umsatz mehr, aber Verluste, wegen Corona ! Hier dann nun noch steigende Kraftstoffkosten, was zu zeitverzögert erst an die Kunden weitergegeben werden kann – Problem auch hier, ggf. Kunde nicht einverstanden, was bei einem dazu führte, von 4 LKW im Festeinsatz auf einen reduziert.“
  4. „Durch den Stopp der Handelsbeziehungen (Swift etc.) sind verschiedene Investmentfonds vom Handel ausgesetzt. Das betrifft einerseits die Liquidität von Kunden als auch das Vertrauensverhältnis der Kunden. Zudem entfallen sämtliche Erträge aus diesen Geschäften. Kunden brechen Geschäftsbeziehungen ab.“
  5. „Kaum ist die Pandemie einigermaßen im Griff, brach am 24.02. der Krieg aus. Konkret für die Reisebranche bedeutet dies weitere Unsicherheit für unsere Kunden. Ostseekreuzfahrten mit St. Petersburg fallen quasi weg, ebenso Reisen nach Russland (Transsib etc.), Baltikum wird schwieriger, auch in Ländern, die gern von Russen besucht werden wie Türkei und Zypern. Flugpreise werden massiv steigen.“
  6. „Es gibt bereits Mitarbeiter, die in Teilzeit arbeiten, welche mit Kündigung gedroht haben, wenn wir die Treibstoffkosten nicht bezuschussen. Es lohne sich nicht zu arbeiten.“
  7. „Wir erwarten von der Politik eine klare und unbürokratische Lösung, um die Energiekosten in den Griff zu bekommen. Jeder Unternehmer ist bestrebt eine Lieferantenstrategie in seiner Gesellschaft zu leben damit keine Abhängigkeit entsteht, die die Existenz der Firma bedroht. Dabei sollte bei einer Abhängigkeit ab 20-25 Prozent die Alarmglocken läuten und bereits da nach Alternativen gesucht werden. Unsere Politiker schauen zu wie die Abhängigkeit von russischer Energie auf 40 Prozent und mehr steigt. Das ist betriebswirtschaftlich der größte, aber vermeidbare, Fehler.“
  8. „Wir sind indirekt betroffen durch eine bereits deutlich spürbare Kaufzurückhaltung unserer Kunden. Die drastisch steigenden Kosten für Energie (Strom, Heizung, Benzin) belasten die privaten Haushalte, nicht notwendiger Konsum wird reduziert. Zudem belastet die latente Kriegsgefahr, die permanente Konfrontation mit furchtbaren Bildern aus dem Kriegsgebiet die Psyche der Menschen und vertreibt jegliche Kauflaune, die wir nach zwei Coronajahren mit erheblichen Einschränkungen dringend gebraucht hätten.“
  9. „In Sachen Energie sehe ich eine MwSt.- Senkung oder sonstige Unterstützung nicht als förderlich, besser: Anreize zum Energiesparen geben. Ich fahre gerne sehr schnell,  jedoch Tempo 130 km/ auf Autobahnen und 80 km/h würde ohne weiteres erheblich Energie und Kosten einsparen. Ebenso z. B. die Tagesbaustellen auf den Autobahnen in die Nacht verlegen. (viele andere Branchen  müssen auch nachts arbeiten, sodass dies im Straßenbau auch möglich sein muss). Die Folgen sind erheblich weniger Staus, weniger Unfälle, weniger Energieverbrauch. Und kommt sogar noch dem Umweltschutz entgegen.“
  10. „Aluminium wird unbezahlbar. Rostfreie Stähle sind rar.“
  11. „Wir bilden Baumaschinenführer aus, die Spritkosten übersteigen die gemachte Kalkulation.“
  12. „Die größten Probleme sind: Ich kann nicht nach Asien Reisen (Corona Beschränkungen), Vertrieb liegt flach. Die Lieferzeiten und Preise für Waren gehen durch die Decke. Viele Kunden und Lieferanten haben den Laden dicht gemacht. Die Kosten in Deutschland (Steuern, Gebühren, Overhead) steigen immer weiter. Die Frage, ob sich Arbeit überhaupt noch lohnt, ist wieder im Zentrum.“
  13. „Starke Umsatzrückgänge seit Beginn des Krieges in Verbindung mit vielen höheren Gehaltsforderungen (als üblich) haben Potential unser Geschäft stark zu schädigen und die Betriebsergebnisse ins Negative zu drehen. Eine kurzfristige Krise mit Kaufzurückhaltung bei den Kunden und vorübergehenden Kostensteigerungen können wir auffangen/überleben. Je länger das geht, umso schwieriger wird es aber.“

7. Hintergrund und Anhang

Fragebogen
1.) Ist Ihr Unternehmen direkt oder indirekt vom Krieg oder von den verhängten Sanktionen betroffen?
  • Ja, direkt betroffen durch Sanktionen / Gegensanktionen oder Geschäftstätigkeit mit/in Russland, Ukraine oder Belarus
  • Ja, indirekt betroffen (z. B. wegen steigender Preise, Transportproblemen oder Lieferengpässen)
  • Nein, nicht betroffen
2.) Welche wirtschaftlichen Folgen des Krieges oder der Sanktionen spüren Sie oder erwarten Sie für Ihr Unternehmen? (Mehrfachnennungen möglich)
  • Höhere Energiekosten
  • Höhere Kosten für Rohstoffe und Vorleistungen
  • Fehlende Rohstoffe und Vorleistungen
  • Störungen in der Lieferkette und Logistik
  • Zunahme von Handelshemmnissen
  • Erhöhte Rechtsunsicherheit
  • Produktionsstopp / Geringere Produktion
  • Verlust von Geschäftspartnern, Abbruch von Geschäftsbeziehungen
  • Zahlungsausfall von bereits gelieferter Ware
  • Hindernisse im Zahlungsverkehr
  • Deutlich verschlechterte Finanzlage bis hin zur Insolvenzgefahr
  • Keine
  • Sonstiges (Freitext)
3.) Welche unternehmerischen Maßnahmen ergreifen oder planen Sie? (Mehrfachnennungen möglich)
  • Suche nach neuen Lieferanten
  • Verlagerung von Niederlassungen/Produktion an neue Standorte
  • Erhöhung der Lagerhaltung
  • Weitergabe von Preissteigerungen an Kunden
  • Verstärkte Investitionen in erneuerbare Energien
  • Streichung oder Verschiebung von Investitionen
  • Personalanpassung (z.B. Kurzarbeit, Reduzierung des Personalbestands)
  • Keine Maßnahmen geplant oder umgesetzt
  • Nicht betroffen
  • Sonstiges (Freitext)
4.) Was wünschen Sie sich von der Politik? Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen würden Ihnen in der aktuellen Situation am meisten helfen? (Freitext)
5.) Falls Sie Ihre Situation ausführlicher schildern möchten, haben Sie hier die Gelegenheit. (Freitext)

8. Methodik

  • An der Unternehmensbefragung haben sich 830 Unternehmen aus Baden-Württemberg und insgesamt 3.763 Betriebe aus allen Regionen Deutschland beteiligt.
  • Die Umfrage wurde vom 15. bis zum 17. März 2022 durchgeführt.
  • Die Antworten aus Baden-Württemberg setzen sich nach Branchen wie folgt zusammen: Dienstleister 34 Prozent, Industrie 33 Prozent, Großhandel und Handelsvermittlung 10 Prozent, Einzelhandel mit KFZ 10 Prozent, Baugewerbe 8 Prozent, Verkehr 6 Prozent.
  • Nach Unternehmensgrößenklassen ist die Verteilung wie folgt: 45 Prozent mit 1-19 Beschäftigten, 39 Prozent mit 20-249 Beschäftigten, 6 Prozent mit 1.000 und mehr Beschäftigten, 5 Prozent mit 250-499 Beschäftigte, 4 Prozent mit 500-999 Be-schäftigten.