Top-Thema | Februar 2020

Wir stehen unter Zeitdruck

Welche Rolle der Klimaschutz in deutschen Unternehmen spielt und was die Wirtschaft von der Politik jetzt erwartet, erläutert DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben im Gespräch mit Christian Preiser.
Alle Welt redet momentan vom Klimaschutz – auch die deutsche Wirtschaft? Absolut. Die Debatte um Klimaschutz und Energieeffizienz ist in der Mitte der Unternehmen angekommen. Unser Energiewende-Barometer zeigt das ganz deutlich: 92 Prozent der Unternehmen sprechen sich für mehr Klimaschutz aus. Rund die Hälfte der Betriebe – in der Regel weniger energieintensive - nähmen sogar eine höhere Belastung in Kauf, wenn dadurch Klimaschutzziele erreicht würden.

Wer ist der Treiber hinter diesem Prozess?

Der Klimaschutz ist ein zentrales gesellschaftliches Thema geworden und wird das absehbar bleiben. Dass sich diese Haltung auch in den Unternehmen fortsetzt, ist kein Wunder. Mitarbeiter erwarten zunehmend ein solches Engagement, viele Kunden fordern das - und auch Zulieferer fragen danach. Energieeffizienz und Klimaschutz sind zu einem wichtigen Merkmal im Wettbewerb geworden. Und auch für die Attraktivität als Arbeitgeber ist es ein Faktor, wie sich ein Unternehmen in diesem Bereich positioniert.

Aber so richtig voran geht es in Deutschland nicht. Woran liegt das?

Vieles ist bereits in Bewegung. 2018 und 2019 sind die CO2-Emissionen deutlich gesunken. Für den Ausstieg aus der Kohleverstromung wurde ein tragfähiger Kompromiss verhandelt. Mit dem Klimapaket schließlich hat die Bundesregierung im letzten Jahr wichtige Weichen für den Klimaschutz im neuen Jahrzehnt gestellt. Allerdings ist es der Politik bislang nicht gelungen, das richtige Verhältnis zwischen Anreizen für mehr Klimaschutz und ausreichend Handlungsspielräumen für unternehmerische Investitionen zu schaffen. Nehmen Sie etwa die geplante nationale CO2-Bepreisung. Schon heute sind die Energiekosten in Deutschland enorm hoch, insbesondere für Strom. Wenn es für die Mehrkosten beim CO2 keinen angemessenen finanziellen Ausgleich gibt, werden viele Unternehmen mit ihren hier erzeugten Produkten und Dienstleistungen sowohl zuhause als auch international preislich nicht mehr mithalten können. Zudem fehlen dann schlichtweg die erforderlichen Mittel für Investitionen in innovative klimafreundliche Produktionsprozesse.

Das klingt dramatisch.

Das ist es auch. Wenn wir die Umweltziele erreichen wollen, kommt es vor allem auf eines an: Die Betroffenen müssen die Klimaschutzmaßnahmen akzeptieren. Das gilt für Wirtschaftsunternehmen ähnlich wie für Privatleute. Denken Sie nur an die Bürgerproteste gegen Stromtrassen oder Windräder. Akzeptanz erreichen Sie aber nicht, wenn Sie die Unternehmen ans Gängelband legen oder ihnen mit Sanktionen drohen. Sondern nur, wenn Sie den Betrieben unternehmerische Freiräume geben und so ihre Innovationskraft und -freude fördern.

An diesen Rahmenbedingungen fehlt es?

Richtig. Die Rahmenbedingungen stimmen eindeutig nicht. Das fängt schon damit an, dass die Energiewende zu teuer erkauft ist – mit der EEG-Umlage wälzt der Staat mehr Geld um als mit dem Solidaritätszuschlag. Weiter geht es bei den durch die Bürokratie verursachten Kosten. Planungs- und Genehmigungsverfahren beispielsweise dauern viel zu lange. Auch die hohe Unternehmensbesteuerung in Deutschland ist ein Hindernis. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Wenn wir unsere Wirtschaft umstellen wollen, brauchen wir qualifizierte Arbeitskräfte. Aus- und Weiterbildung müssen gestärkt werden. Kurz gesagt: Es kommt darauf an, gute Standortbedingungen in Deutschland zu haben. Damit bekommen wir mehr Innovationen und Investitionen für einen wirksamen Klimaschutz.
Mann steht mit verschränkten Armen vor Wand und lacht in die Kamera
DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben © DIHK

Ist das Klimaschutzpaket der Bundesregierung eher Chance oder Risiko für die deutsche Wirtschaft?

Es ist ja nicht so, dass die Unternehmen erst durch politische Aktivitäten mit Fragen wie Klimawandel und nachhaltiger Produktion konfrontiert werden. Im Gegenteil: In vielen Firmen gehören die Themen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Klimaschutz schon seit Langem zum festen Bestandteil der betrieblichen DNA. Dass die Bundesregierung jetzt umfangreiche Klimaschutzmaßnahmen beschlossen hat, ist richtig. Viele der Maßnahmen stehen schon lange in der Diskussion, die Unternehmen müssen aber oft lange auf konkrete Entscheidungen und Planungssicherheit warten. Zudem geht Energiewende zu langsam voran. Für den Bau von 1.000 Kilometern Stromleitungen haben wir zehn Jahre gebraucht. Das ist viel zu lang – zumal wir bis 2030 rund 13.000 Kilometer an neuen und verstärkten Stromleitungen benötigen, damit etwa Windstrom von der Nordsee in die Industrieregionen im Süden fließen kann. Der Ausbau der Windkraft an Land ist zuletzt fast zum Erliegen gekommen. Im Ergebnis passen der geplante Ausstieg aus konventioneller Stromerzeugung und die geringe Geschwindigkeit beim Netz- und Windkraftausbau überhaupt nicht zusammen. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung ist viel weiter als die reale Umsetzung.

Wie wird Deutschland im Jahr 2030 aussehen?

Ich habe die Hoffnung, dass wir in Sachen Klimaschutz überproportional weiter sein werden als heute. Wir können uns nicht mehr zehn Jahre für nur 1.000 Kilometer Stromkabel leisten.

Wie lautet das Erfolgsrezept für die Zukunft?

Wir müssen die Prozesse beschleunigen und den latenten Konflikt zwischen Wirtschaft und Politik auflösen. Wir dürfen nicht länger gegeneinander, sondern sollten gemeinsam kämpfen. In der Klimaschutzpolitik müssen wir endlich einen Rhythmus finden, der uns voranträgt. Wissen Sie, was ich mir wünsche? Dass alle Kunden rund um den Globus in nicht allzu ferner Zukunft mehr und nicht weniger Produkte „Made in Germany“ kaufen, weil sie wissen: Die Qualität ist top, der Preis bezahlbar - und beim Klimaschutz sind die deutschen Unternehmen auch spitze.

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Matthias Marquart
Matthias Marquart
Redakteur | Pressearbeit