Geld & Märkte | 02.08.2022

Unternehmen planen häufig, ihre Lagerhaltung zu erhöhen

Interview mit DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier zu Handelshemmnissen und Störungen in den Lieferketten. Von Andreas Kerzig

Rund 60 Prozent der deutschen Firmen haben mit Störungen in den Lieferketten und in der Logistik aufgrund des Ukraine-Krieges zu kämpfen; welche Branchen sind betroffen und was sind die Konsequenzen?

Schon vor dem russischen Krieg in der Ukraine und den erneuten pandemiebedingten Lockdowns in China war die deutsche Wirtschaft in der Breite von Lieferkettenstörungen betroffen. Die Gründe sind vielfältig: Handelshemmnisse, ein Mangel an Frachtkapazitäten auf Schiffen und Flugzeugen, Staus von Containerschiffen und nicht ausreichende Produktionskapazitäten – das alles zusammen hat dazu geführt, dass Unternehmen deutlich längere Lieferzeiten und höhere Preisen für bestellte Materialien in Kauf nehmen mussten. Die Verwerfungen in den internationalen Lieferketten haben sich mit Beginn des Krieges verstärkt. Die gesamte Wirtschaft ist betroffen, die Industrie allerdings im besonders starken Ausmaß.
Die Verwerfungen in den internationalen Lieferketten haben sich mit Beginn des Krieges verstärkt.

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier

Teilweise können die Unternehmen bestehende Aufträge nicht abarbeiten und müssen ihre Produktion drosseln oder gar stoppen. In manchen Fällen müssen Betriebe zudem neue Aufträge ablehnen, weil sie nicht abschätzen können, wann wieder genügend Material zur Produktion verfügbar sein wird. Viele Unternehmen haben dadurch Umsatzausfälle zu beklagen. Die Suche nach neuen Lieferanten ist oft schwierig, das gilt insbesondere für kritische Rohstoffe aus Russland: Relevante Vorkommen gibt es in den meisten Fällen nur in wenigen anderen Ländern.

Deutsche Unternehmen hatten schon vor dem Ukraine-Krieg immer öfter mit Handelshemmnissen zu tun, welche waren das?

Seit einigen Jahren nehmen die Unternehmen eine Zunahme von Protektionismus wahr. Im vergangenen Jahr haben laut unserer Umfrage Going International unter auslandsaktiven Unternehmen mehr als die Hälfte (54 Prozent) stärkere Handelshemmnisse in ihren internationalen Geschäften gespürt. Das sind noch einmal mehr als im Jahr 2020 (47 Prozent) mit seinen zahlreichen Corona-Lockdowns. Es ist zugleich der höchste Wert, den wir in den vergangenen zehn Jahren gemessen haben.
Jedes zweite Unternehmen ist von lokalen Zertifizierungsanforderungen betroffen. Ebenso viele Unternehmen sind mit verstärkten Sicherheitsanforderungen konfrontiert. Zusätzliche Prüfungen von Produkten oder international unübliche Sicherheitsvorschriften kosten die Betriebe Zeit und Geld und sorgen für mehr Bürokratie. Zudem haben die Unternehmen im vergangenen Jahr eine Zunahme von Zöllen registriert. Jedes dritte Unternehmen berichtet von einer intransparenten Gesetzgebung in seinen Zielmärkten. Wenn sich gesetzliche Regelungen vor Ort schnell ändern, kann dies für Unternehmen eine Herausforderung sein, sich schnell anzupassen.

Schon die Corona-Pandemie hat den Unternehmen heftig zugesetzt. Welche Lehren wurden daraus gezogen?

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Lieferketten schnell unterbrochen werden oder reißen können. Im Verlauf der letzten Monate versuchen die Unternehmen, ihre Lieferketten mit Hochdruck an die derzeit herausfordernden Gegebenheiten anzupassen. Laut einer Umfrage des DIHK hatten bereits im Herbst 2021 mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen an ihren internationalen Standorten Änderungen in ihren Lieferketten vorgenommen oder planten dies zu tun. Dies braucht allerdings Zeit.
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Lieferketten schnell unterbrochen werden oder reißen können.

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier

Mittels eines größeren und diversifizierten Lieferantennetzwerkes versuchen die Unternehmen, das Risiko von Lieferausfällen zu streuen. Dabei werden teilweise Lieferanten aus mehreren Ländern und Regionen oder vermehrt in der Nähe vom Produktionsstandort gesucht, um Lieferwege zu verkürzen und Problemen in der Logistik vorzubeugen. Häufig planen Unternehmen zudem, ihre Lagerhaltung zu erhöhen. Damit können sie bei künftigen Lieferverzögerungen flexibler agieren, als es mit „just in time“ möglich ist. Einige Unternehmen setzen vermehrt auf den Einsatz alternativer oder recycelter Materialien, um von Rohstofflieferungen unabhängiger zu werden.