31.03.2022

Regionale Wirtschaft wählt, entscheidet und diskutiert

Die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, das oberste Gremium der wirtschaftlichen Selbstverwaltung im Main-Kinzig-Kreis, wählte am 30. März in der Klosterberghalle Langenselbold den Gelnhäuser Unternehmer und Zeitungsverleger Oliver Naumann zum neuen IHK-Präsidenten. Sein Vorgänger Dr. Norbert Reichhold legte nach 13-jähriger Tätigkeit als IHK-Präsident das Amt aus Altersgründen nieder und wurde in Würdigung seiner herausragenden Verdienste für die Wirtschaft der Region zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Die Frühjahrssitzung stand unter dem Eindruck des russischen Überfalls auf die Ukraine und dessen Folgen für Menschen und Wirtschaft in der Region. Zum großen menschlichen Leid kommen die wirtschaftlichen Folgen: Die Unternehmen gehen von einer deutlich steigenden Inflationsrate über viele Monate hinweg aus sowie von immer größer werdenden Schwierigkeiten bei Materialversorgung und Logistik. Viele Unternehmen, von Maschinen- und Anlagenbauern bis zu den Großhändlern, sehen sich nicht mehr in der Lage, verlässliche Angebote zu kalkulieren, weil sie die künftigen Preise für ihre Vorprodukte nicht kennen oder überhaupt nicht wissen, ob diese noch lieferbar sein werden. Die gerade in Osteuropa sehr ausgeprägte Arbeitsteilung leidet aktuell unter dem Fehlen vieler ukrainischer Fachkräfte, die entweder jetzt als Soldaten ihr Land verteidigen oder vor dem Krieg geflohen sind. Erschwerend hinzu kommt, dass einige besonders wichtige Rohstoffe aus Russland und der Ukraine nicht mehr geliefert werden – mit spürbaren Folgen für viele Industriebetriebe in ganz Deutschland und darüber hinaus. Auch die logistischen Herausforderungen steigen – es fehlen die ukrainischen Lkw-Fahrer. Eine der konkreten Folgen: Die noch immer in der Westukraine produzierenden Zulieferer können ihre Waren nur noch mit Kleintransportern und Fahrern im Rentenalter über die Grenze nach Polen bringen. 
Da sich die Weltwirtschaft noch immer nicht von der weiter schwelenden Corona-Krise erholt hat, dürfte die erhoffte wirtschaftliche Erholung schwächer als noch zum Jahresanfang erwartet ausfallen. Erste Folgewirkungen wie Kaufzurückhaltungen bei hochwertigen Gütern sorgen bereits jetzt für negative Folgewirkungen auf der Nachfrageseite – auch im Main-Kinzig-Kreis und in Hanau.
Diese negativen Nachrichten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele hiesige Unternehmen bereit sind, ukrainische Flüchtlinge zu beschäftigen. Es handelt sich sehr oft um jüngere, qualifizierte Frauen mit Kindern, die auf eine Rückkehr hoffen und deswegen zeitlich befristete Arbeitsgelegenheiten suchen. Schon jetzt hat die Bundesagentur für Arbeit in Hanau besondere Ansprechpartner festgelegt. Wenn in den nächsten Wochen die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde eingespielt ist, sind die Arbeitgeber aufgerufen, nach Beschäftigungsmöglichkeiten für die Vertriebenen zu suchen. 
Darüber hinaus befasste sich die Vollversammlung mit Rechenzentren in Hanau und im Main-Kinzig-Kreis. Ihre Ansiedlung folgt dem stark steigenden Bedarf an sicheren Daten und ihrer schnellen und deswegen nahe gelegenen Verarbeitung. Benötigt werden neben Hochleistungsinternetverbindungen auch sehr viel Strom und Gewerbeflächen. Damit geraten diese Neuankömmlinge in Konkurrenz zu bereits bestehenden Unternehmen. Um die Abwägung zwischen den Interessen der verschiedenen Branchen zu erleichtern, verabschiedete die Vollversammlung ein Positionspapier.
Zu den weiteren Tagesordnungspunkten der Sitzung gehörte neben Neuigkeiten zur Berufsschulentwicklung und zu besseren Praktikumsmöglichkeiten für Schüler auch ein Dialog mit dem jungen Bundestagsabgeordneten Lennard Oehl aus Nidderau. Der 28-jährige Finanzmarkspezialist ist seit September Mitglied des Bundestages. Er berichtete über seinen Einstieg als Abgeordneter und über seine neue Arbeit im Ausschuss für Finanzwesen und Banken. Neben der wirtschaftlichen Lage stand auch die Bewertung der Corona-Politik im Zentrum der Diskussion mit ihm.