Wirtschaftsmagazin
Nr. 7188836
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Wie Lovedis den Mittelstand mit Start-ups verbindet

Die Start-up-Fabrik Lovedis bringt Mittelstand, Universitäten und Gründer zusammen, um systemverändernde Lösungen zu pilotieren. Geschäftsführerin Mara Steinbrenner erläutert, welche Chancen sich für etablierte Unternehmen und Start-ups ergeben und warum ein Engagement zu schnellen Ergebnissen führen kann.
Frau Steinbrenner, beginnen wir mit dem Namen: Was bedeutet Lovedis?
Lovedis steht für „We love disruption“. Denn wir glauben nicht an das nächste kleine Update. Wir wollen die großen Ideen fördern, bei denen sich Geschäftsmodelle wirklich verändern und Innovation entsteht. Wir verstehen Disruption, also tiefgehende Veränderungen, positiv – als eine Chance, neue Geschäftsmodelle und Technologien einzuführen, die langfristig Wettbewerbsvorteile bringen. Operativ setzen wir diese Vision seit Juni 2025 um.
Wie finanziert sich Lovedis?
Lovedis ist als Public-Private-Partnership organisiert: Privatwirtschaftliche Unternehmen halten 70 Prozent der Anteile. Die Hochschulen und regionale Einrichtungen haben 30 Prozent inne. Wir sind hauptfinanziert durch Partnerbeiträge, ergänzt durch Fördermittel des Hessischen Wirtschaftsministeriums.
Und wie funktioniert das Prinzip?
Wir formulieren mit unseren Partnern konkrete, zukunftsgerichtete Bedarfe – Challenges genannt. Hier analysieren wir einerseits, für welche Herausforderungen bestehende Start-ups Antworten anbieten können; und andererseits denken wir in Zukunftshypothesen, um disruptive Innovation zu fördern. Wir schreiben diese Challenges aus, wählen im nationalen und internationalen Umfeld passende Start-ups aus und lassen sie vor Unternehmenspartnern präsentieren. Danach folgt in einem zwölfwöchigen Zeitfenster eine erste Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Start-up. Die dort erfolgreichen Teams vertiefen ihre Zusammenarbeit mit den Partnerunternehmen, indem sie eine tiefere Pilotierung umsetzen, ihr Produkt ausrollen oder in die Co-Entwicklung gehen.
Wie läuft die Auswahl ab?
Wir durchsuchen Start-up-Ökosysteme und sprechen gezielt mit Teams, die technologisch passen könnten. Theoretisch können mehrere Start-ups mit einem Partner arbeiten, wenn sie unterschiedliche Aspekte adressieren. Oder ein Start-up ist bei mehreren Partnern aktiv. Für diese Phase sind tiefe Kenntnisse und Vernetzung im Start-up-Ökosystem entscheidend.
Was bieten Ihre Programme den Start-ups?
Mentoring durch Experten, Unterstützung bei der strategischen Ausrichtung und Hilfe bei der Schärfung von Produkt und Geschäftsidee. Für Start-ups ist es sehr wichtig, frühzeitig den Markt zu verstehen. Der frühe Zugang zu Ressourcen, in Form von Expertise, Maschinen und Infrastruktur, kann die Entwicklung signifikant beschleunigen. Die Start-ups erhalten unmittelbares Kundenfeedback aus dem Partnernetzwerk, Zugang zu Ressourcen für Tests und erste Pilotversuche sowie Sichtbarkeit. Wir begleiten sie natürlich thematisch bei ihren Fragen und setzen unabhängig von der Unternehmenszusammenarbeit Formate für sie um, aber der größte Mehrwert ist der Zugang zu potenziellen Kunden.
Und welche Vorteile haben etablierte Unternehmen?
Sie erhalten schnellen Zugang zu externem Innovations-Know-how, neuen Technologien wie KI und Deep-Tech aus Universitäten sowie marktreifen Start-ups. Da wir die gesamte Bewertung und Prüfung der Start-ups im Vorfeld übernehmen, können die Partner mit kuratierten Teams sprechen und müssen sich selbst nicht durch das Ökosystem kämpfen. Darüber hinaus koordinieren wir den Innovationsprozess für sie: vom ersten Innovationsworkshop, um Anwendungsfälle zu identifizieren, bis hin zur Begleitung von Pilotierungen. So kommen wir oft bei Lösungen und Start-ups raus, die sie so nicht auf dem Schirm hatten oder rein von deren Außenauftritt nicht gesehen hätten, dass die Lösung relevant ist.
Lovedis ist eine Innovationsplattform für Mittelhessen. Die Organisation bringt Start-ups, Mittelstand, Hochschulen und Investoren zusammen, um technologie- und forschungsbasierte Ideen in marktfähige Lösungen zu überführen. Das Unternehmen ging aus der StartMiUp Factory hervor. Der Firmensitz befindet sich in Dillenburg; eine zentrale Veranstaltungs- und Netzwerkadresse ist der Lokschuppen in Marburg.

Der nächste Termin mit starkem KI-Fokus ist das Festival „Disrupt from the Core“ am 20. und 21. Oktober.
Können auch kleine Mittelständler mitmachen?
Selbstverständlich. Kleinere Firmen können mit einem kleinen zeitlichen und finanziellen Einsatz einsteigen, ohne die Rolle des Treibers zu übernehmen. Unsere Veranstaltungen sind offen für Interessierte. Viele nutzen daher unsere Live-Events als Einstieg, um ein Gefühl für die Zusammenarbeit zu bekommen.
Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?
Ein Beispiel ist die Zusammenarbeit des Bauunternehmens Lupp und PreserviTec. Das Start-up fliegt Drohnen und erfasst so Daten verschiedener Infrastrukturen. Im gemeinsamen Projekt geht es um die Dokumentation von Schäden, Maßen und Mängeln von Tiefgaragen. Eine erste Pilotierung findet derzeit statt, und wir werden sehen, ob daraus eine Co-Entwicklung wird. Für PreserviTec hat sich so zunächst ein potenziell neuer Geschäftszweig aufgetan.
Wie viele Challenges bearbeiten Sie pro Jahr?
Zurzeit betreuen wir drei Bereiche: Bau, Industrie und Gesundheitstechnologie. Im Bau-Programm waren es bisher sechs Challenges, im Industrie-Bereich vier, und in der Gesundheitstechnologie sind es aktuell ebenfalls vier. Die Anzahl ergibt sich aus der Nachfrage und Größe der Partner. Große Partner setzen eher auf mehrere, koordinierte Challenges, kleinere Partner fokussieren sich tendenziell auf eine Challenge. Es kommen jeweils mehrere Start-ups in die Auswahl, sprich der Partner muss mit mehreren Teams sprechen und auch interne Ressourcen zur Verfügung stellen. Diese Ressourcen müssen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gegeben sein, ansonsten wird auch das beste Start-up scheitern.
Bleiben Sie innovativ: Das Beraterteam von IHK Hessen innovativ bietet Ansprechpartner für neue Produktentwicklung und rechtliche Rahmenbedingungen, Methoden und Prozesse, Fördermittel, Kooperationspartner und Expertennetzwerke und vieles mehr. Alles in Form von persönlicher Beratung oder in Veranstaltungen wie Webinaren, Seminaren und Zertifikatslehrgängen.
Wie beeinflusst die Branchenstruktur die Offenheit der Partner?
Unternehmen können natürlich viel offener über Herausforderungen sprechen, wenn sie keine direkten Konkurrenten sind. In der Industrie können wir gemeinsame, sehr starke Challenges fahren, weil die Partner nicht in direktem Wettbewerb stehen. Im Baubereich sind die Challenges der Branche entsprechend individueller und partnerbezogener, aber auch hier haben wir keine direkte Konkurrenz im Partnerumfeld.
Wie deckt Ihr Team die drei Technologiefelder ab?
Wir sind breit aufgestellt: Zu unserem Team zählen ein KI-Spezialist für Softwarelösungen, ein Maschinenbauer für Bau- und Engineering-Themen sowie Start-up-Experten aus dem Venture-Capital-Umfeld. Gleichzeitig haben einige aus dem Team bereits selbst gegründet. Das erlaubt uns, schnell in verschiedene Branchen einzusteigen. Fachliches Insiderwissen bringen die Partner mit; je spezifischer die Challenge, desto notwendiger ist deren Input.
Planen Sie eine Erweiterung der Schwerpunkte?
Es ist in jedem Fall sinnvoll, die Ökosysteme weiter auszubauen und zu stärken. Im Bau-Bereich definieren wir gemeinsam mit den Partnern und den Start-ups, welche Akteure eine sinnvolle Ergänzung wären. Im Industrie-Bereich könnte eine Aufspaltung mit stärkerem Fokus auf Branchen sinnvoll sein. Die Erweiterung muss mit Partnerinteressen und -beteiligungen einhergehen. Kämen andere Branchen dazu, würden wir die Bedarfe prüfen und schauen, ob sie beispielsweise in eine unserer Rubriken passen könnten. Generell lehnen wir niemanden ab. Im Zweifel finden wir eine Lösung innerhalb unserer bestehenden Struktur oder bauen das Netzwerk bedarfsorientiert aus.
Warum lohnt sich ein Einstieg bei Lovedis?
Weil man bei uns nicht über Innovation redet, sondern sie ausprobiert und risikoarm ins Tun kommt. Wir bieten einen eng betreuten Prozess, um mit Start-ups zusammenzuarbeiten und Innovation hier in Mittelhessen voranzutreiben. Elementar für Start-ups ist der schnelle Zugang zu Entscheidern, Pilotierungen und potenziellen Kunden. Unternehmen unterstützen damit einerseits den Start-up-Standort Mittelhessen, andererseits profitieren sie direkt von der Innovation, die durch Start-ups vorangetrieben wird.
Die Fragen stellte Gabriele Reinartz.
Stand: 30.09.2026