Wirtschaftsmagazin
Nr. 7187176
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Was tun im Zeitalter von Konsumkrise und Online-Shops?

Die Firmeninsolvenzen in Deutschland haben einen Höchststand erreicht. Besonders davon betroffen: der Einzelhandel. Bis zum Jahresende prognostiziert der Deutsche Handelsverband einen Rückgang auf 296.600 stationäre Geschäfte, das sind rund 70.000 weniger als noch vor zehn Jahren.
Die Leerstandsquote in deutschen Innenstädten ist im August dieses Jahres auf durchschnittlich 15 Prozent angestiegen. Dabei betreffen die Schließungen kleine wie große Betriebe, Traditionsgeschäfte wie Handelsketten. Durch diese dramatische Zunahme der Leerstände verlieren Innenstädte nicht nur ihren Charme, auch die Vielfalt des stationären Handels geht schrittweise verloren.
Schuld ist neben einer zunehmenden allgemeinen Kaufzurückhaltung bei nicht lebensnotwendigen Konsumgütern wie Bekleidung, Büchern, Möbeln oder Unterhaltungselektronik vor allem der Online-Handel, der nicht zuletzt durch Corona erheblich zugenommen hat. Gestiegene Energiekosten, höhere Mieten und die Inflation tragen dazu bei, dass die Gewinnmargen bei Einzelhändlern weiter sinken. Auch Unternehmen aus dem Bezirk der IHK Gießen-Friedberg sind davon betroffen. Wir haben mit zwei Vertretern gesprochen.

Schuh Bach:
Komfort-, Gesundheits- und Trendschuhe

Nach fast 30 Jahren haben Ute und Stefan Bach im Juni dieses Jahres ihr gleichnamiges Schuhgeschäft in der Friedberger Kaiserstraße für immer geschlossen. Ihre 1982 eröffnete Dependance in der Weiseler Straße in Butzbach hingegen bleibt weiter geöffnet. „Der Entschluss ist uns nicht leichtgefallen“, erklärt Stefan Bach, habe sich aber aus finanzieller Sicht nicht vermeiden lassen. „Der Kundenschwund war eine schleichende Entwicklung, die durch Corona weiter beschleunigt wurde.“ Unter anderem habe sich der Aufbau eines Internetverkaufs nicht einfach aus dem Stegreif realisieren lassen.
Als Hauptursache nennt Bach, der das Geschäft 2008 von seinen Eltern übernommen hat, Internetanbieter wie Zalando.
Wir müssen mit Geschäften konkurrieren, die rund um die Uhr geöffnet haben.
bedauert er. Er beobachtet aber auch eine sich abzeichnende Kaufzurückhaltung wegen der Energiekrise. Nun sucht er Nachmieter für das leerstehende Geschäft in Friedberg, das in Familienbesitz ist.

Die Lage ist sehr wichtig

Im Gegensatz dazu müssen die Bachs für ihr Schuhgeschäft in der Butzbacher Altstadt Miete zahlen. Dennoch sind sie zufrieden: „Hier stimmen die Umsätze.“ Zum einen sei die Lage unweit des belebten Marktplatzes besser, zum anderen wüsste die Kundschaft die „kleine, feine Auswahl“ und die persönliche Beratung zu schätzen. „Viele unserer Kunden kaufen seit Jahren ihre Schuhe bei uns.“

„Liebe Deine Füße wie Dich selbst“

Als Stefan Bachs Eltern in den 1960er-Jahren das Unternehmen gründeten, setzten sie mit „Quick Schuh“ auf das Niedrig-Preis-Segment. Da sich dieses auf Dauer als reklamationslastig herausstellte, schlug er selbst einen anderen Weg ein. „Parallel zu unserem neuen Motto ‚Liebe Deine Füße wie Dich selbst‘, haben wir unser Angebot auf Marken- und Komfortschuhe umgestellt.“ Eine Umstellung, die sich gelohnt habe. „Vor Corona konnten wir durch die Konzeptänderung eine Umsatzsteigerung von 30 Prozent erreichen“, betont der Geschäftsführer. Durch Corona habe man dann eine Viertel Million Umsatz verloren.
In Butzbach finden Kunden neben Marken wie Rieker, Gabor, Remonte, Tamaris und Sketchers auch Leguano Barfußschuhe und Laufschuhe von Brooks. Darüber hinaus habe man sich auf Schuhweiten bis hin zur Komfortweite M für kräftige oder zu Schwellung neigende Füße spezialisiert. „Rund 3.000 Schuhe sind bei uns in Butzbach erhältlich“, erzählt Bach. Während der Chef im Hintergrund arbeitet, sind seine Frau Ute sowie zwei weitere Mitarbeiter für die Kunden da. Um auf sich aufmerksam zu machen, ist das Schuhgeschäft auch auf Plattformen wie Facebook und Instagram präsent.

Buchhandlung Bindernagel:
Seit fast 200 Jahren in Familienbesitz

„Im Buchhandel haben wir den Vorteil, dass Bücher preisgebunden sind. Jeder, der mit Büchern handelt, ist an den von den Verlagen vorgeschriebenen Verkaufspreis gebunden. Jedoch kann man selbst mit einem eigenen Online-Shop gegen Anbieter wie Amazon nicht viel ausrichten“, bestätigt auch Friederike Herrmann, Geschäftsführerin der Buchhandlung Bindernagel. Ihre Filiale in Butzbach musste die Buchhändlerin am 18. Juli dieses Jahres schließen. Ein weiterer Grund für die Schließung war der Mangel an Laufkundschaft. „Unser Standort in der Wetzlarer Straße 25 hat sich ungünstig entwickelt. Auch hat die lange Sperrung des nahegelegenen Parkdecks zu Umsatzeinbußen geführt, nach Ende der Baumaßnahmen gab es kaum Erholung.“ Wie auch Stefan Bach ist sie auf der Suche nach einem Nachmieter für das 280 Quadratmeter große Geschäft, das zur Hälfte ihr gehört.
In Friedberg auf der Kaiserstraße 72 hingegen laufe es gut für die Traditionsbuchhandlung, die 1834 von Carl Christian Bindernagel gegründet wurde. Als alleinige Inhaberin leitet Friederike Herrmann seit 2016 das Geschäft. Unterstützt wird sie dabei von 15 Mitarbeitern – darunter zwei Auszubildende – und seit vergangenem Jahr von ihrer Tochter Lea. „Zwei unserer Butzbacher Mitarbeiterinnen sind zu uns nach Friedberg gekommen, ebenso wie der Butzbacher Azubi“, sagt die Buchhändlerin.

Verändertes Freizeitverhalten:
Es wird weniger gelesen

„Unser Standort in Friedberg ist gut“, betont Friederike Herrmann. „Neben der Laufkundschaft haben wir etwa 70 Prozent Stammkunden. In unserem Team haben wir für jede Sparte Spezialisten und wir tauschen uns untereinander über gelesene Bücher aus“, erklärt sie. So ist Lea Herrmann beispielsweise zuständig für Fantasy-Literatur. Neben Belletristik, Sach- und Kinderbüchern verkaufen Friederike Herrmann und ihr Team auch Reiseliteratur, Mangas und Ratgeber. Doch kostet es viel Energie, das rund 300 Quadratmeter große, auf zwei Etagen verteilte Geschäft am Laufen zu halten. Die Corona-Pandemie war ein massiver Einschnitt: „In den ersten Monaten boomte das Buch, dann haben viele Leute das Streamen für sich entdeckt“, erinnert sie sich. „Das Freizeitverhalten hat sich dauerhaft verändert, es wird weniger gelesen.“
Die Zukunft von Buchhandlungen liegt in dem Wunsch nach Nicht-Digitalem. Das Bedürfnis, sich mit Menschen über Literatur auszutauschen und nicht nur Vorschlägen von Algorithmen zu vertrauen, ist groß,
ist sich Friederike Herrmann sicher. Neben Literatur mit besonders schönen Einbänden bietet sie in ihrem Geschäft auch Geschenke rund ums Buch an. Hierzu gehören unter anderem Kalender, Notizbücher und „Book Nooks“ – Miniaturdioramen, die in der Regel ihren Platz zwischen Büchern im Regal finden und sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Um das Lesefieber zu entfachen, lädt die Buchhändlerin mit der Lesereihe „Friedberg lässt lesen“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Friedberg, der Ovag und der Sparkasse Oberhessen zu Lesungen in ihr Geschäft ein. So wird beispielsweise Julia Wolf mit ihrem Erzählband „Du, hier“ am 21. Oktober zu Gast sein.
Wenn es nach Friederike Herrmann ginge, würde es die Buchhandlung Bindernagel in Friedberg noch lange geben, „die 200 Jahre wollen wir schon feiern!“ Dass es in Butzbach nun keine Buchhandlung mehr gibt, bedauert sie. „Es wäre schön, wenn dort jemand den Mut fände, eine neue zu eröffnen.“
Buchtipp von Friederike Herrmann:
„Troja, später Nachmittag“ von Gregor Sander
Der Roman begleitet den Archäologen Heinrich Schliemann (1822–1890) von seiner Kindheit in Ankershagen (Mecklenburg) über seine Weltreisen als Kaufmann bis hin zur Entdeckung Trojas.
Stand: 29.09.2026