5 min
Lesezeit
"Der Wetteraukreis könnte als Arbeits- und Gründungsort noch stärker punkten“
Im Gespräch mit Stefan Hennemann, Professor für Wirtschaftsgeographie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, der die Ergebnisse der Standortumfrage 2025 für die Wetterau im Regionalausschuss Wetterau vorstellte.
Herr Professor Hennemann, der Wetteraukreis gilt als dynamische Wachstumsregion am Rand des Agglomerationsraums Frankfurt/Rhein-Main. Wie zeigte sich das in der Standortumfrage 2025?
Der Wetteraukreis profitiert deutlich von seiner Lage. Die Unternehmen bewerten besonders die Anbindung an das Fernstraßennetz und die Erreichbarkeit der Absatzmärkte positiv. Auch Mobilfunknetz, Lebensqualität und Nahversorgung zählen zu den Standortmerkmalen mit hoher Zufriedenheit. Das sind typische Vorteile einer Region, die nah am Wirtschaftsraum Frankfurt/Rhein-Main liegt und zugleich eigene Qualitäten mitbringt.
Dennoch ist die Gesamtzufriedenheit der Unternehmen von 69 Prozent im Jahr 2021 auf 61 Prozent im Jahr 2025 gesunken. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Der Rückgang ist deutlich und sollte ernst genommen werden. 2019 lag die Gesamtzufriedenheit im Wetteraukreis bei 68 Prozent, 2021 bei 69 Prozent, nun sind es 61 Prozent. Der Standort wird damit nicht grundlegend schlecht bewertet, doch die Stimmung hat sich merklich eingetrübt. Viele Unternehmen spüren steigende Belastungen durch Bürokratie, Fachkräftemangel, regulatorische Anforderungen und Kosten. Das beeinflusst die Gesamtbewertung spürbar.
Auch einige der weichen Faktoren werden seit 2019 schwächer bewertet. Was fällt dabei besonders auf?
Die Standortgemeinden werden zwar weiter mit positiven Begriffen verbunden, die Werte gehen aber zurück. „Heimat“ verbanden 2019 noch 75 Prozent der Unternehmen mit ihrer Standortgemeinde, 2025 sind es 69 Prozent. Die Bewertung der Umweltqualität sank von 70 auf 64 Prozent, der Sicherheit von 71 auf 63 Prozent und der Familienfreundlichkeit von 68 auf 60 Prozent. Auch Wirtschaftskraft, Zukunft und Dynamik sowie Innovationskraft werden schwächer bewertet. Die Region darf ihre Stärken daher nicht als selbstverständlich betrachten.
Die Verwaltung wird in der Umfrage ebenfalls kritisch betrachtet. Was wünschen sich die Unternehmen konkret?
Unternehmen erwarten von Politik und Verwaltung vor allem Verlässlichkeit bei Wirtschaftsfragen und -entscheidungen. Hinzu kommen kürzere Bearbeitungsdauern von Anliegen und Verfahren sowie nachvollziehbare, transparente Begründungen von Entscheidungen. Auch gute Erreichbarkeit, digitale Angebote und ein offenes Ohr für Wirtschaftsfragen bleiben wichtig. Die kommunale Verwaltung ist ein direkter Standortfaktor – besonders bei Investitionen, Erweiterungen oder Genehmigungen.
Was sind laut Umfrage die größten Herausforderungen für die Unternehmen im Wetteraukreis?
An erster Stelle steht die Bürokratie: 62 Prozent der Unternehmen nennen sie als eine der größten Herausforderungen. Danach folgen Fachkräftemangel mit 55 Prozent, regulatorische Anforderungen mit 38 Prozent, Wettbewerbsdruck mit 24 Prozent, Kundenakquise mit 21 Prozent, Finanzierungsfragen mit 19 Prozent und technologischer Wandel mit 18 Prozent. Bei den Handlungsprioritäten rücken zudem Energiekosten, Steuern und Abgaben sowie Personalkosten stark in den Vordergrund. Es geht also zum einen um weniger Bürokratie und mehr Verlässlichkeit und zum anderen um Kosten- und Fachkräftethemen.
Auch das Erfahrungswissen älterer Beschäftigter wurde im Regionalausschuss thematisiert. Warum ist das wichtig?
Viele Regionen stehen vor dem Problem, dass erfahrene Beschäftigte in den kommenden Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Dieses Wissen darf nicht verloren gehen. Der Ansatz von „Senior Experts“ kann helfen, Erfahrungswissen für Unternehmen, Gründungen oder Bildungsprojekte nutzbar zu machen. Das ist keine einzelne Kennzahl aus der Standortumfrage, passt aber gut zu den sichtbaren Herausforderungen am Arbeitsmarkt. Gleichzeitig muss der Wetteraukreis jungen Menschen Perspektiven als Arbeitsort bieten. Es geht um beides: vorhandenes Wissen sichern und neue Fachkräfte entwickeln.
Was sind die wichtigsten Gründe, wenn Unternehmen über einen Standortwechsel nachdenken?
Die meisten Unternehmen planen keinen Standortwechsel. Allerdings ist der Anteil der Betriebe gestiegen, die bei unzureichender Gewerbeflächenverfügbarkeit einen Wechsel in Betracht ziehen. 2025 sagen 67 Prozent nein, 30 Prozent würden innerhalb der Region wechseln und drei Prozent deutschlandweit. Wird ein Standortwechsel erwogen, ist bessere Flächenverfügbarkeit mit 59 Prozent der wichtigste Grund. Danach folgen bessere Infrastruktur mit 32 Prozent, Kosteneinsparungen mit 31 Prozent und bessere Verkehrsanbindung mit 26 Prozent. Steuerliche Vorteile spielen für 17 Prozent eine Rolle, der Zugang zu Fachkräften für 13 Prozent. Die Kundennähe wird nur von acht Prozent und damit deutlich seltener genannt.
Wie bewerten die Befragten die Infrastruktur des Wetteraukreises insgesamt?
Die Infrastruktur ist ein wichtiger Vorteil des Wetteraukreises, aber nicht überall gleichermaßen. Sehr positiv bewertet werden die Anbindung an das Fernstraßennetz, die Erreichbarkeit der Absatzmärkte, das Mobilfunknetz und die Nahversorgung. In der Stärkenanalyse treten zudem die Anbindung an den Flugverkehr, Logistikzentren und das Radverkehrsnetz positiv hervor. Handlungsbedarf gibt es bei Gewerbeflächen und -immobilien, Wohnraum, Ladeinfrastruktur und der Anbindung an den Schienengüterverkehr, die bei der Zufriedenheit besonders schwach abschneidet. Der Kreis punktet also mit Lage und Erreichbarkeit, muss aber bei Flächen, Wohnen und einzelnen Infrastrukturbereichen nachlegen.
Welche Chancen hat die Wetterau als Innovationsregion?
Der Wetteraukreis sollte seine Rolle als Arbeits- und Gründungsort stärker in den Blick nehmen. Die statistischen Daten zeigen, dass Arbeitsmarkt, Bildung und Gründungsdynamik wichtige Entwicklungsthemen sind. Sinnvoll ist ein stärker strukturierter Wissens- und Technologietransfer mit der Technischen Hochschule Mittelhessen sowie weiteren Hochschulen in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet. Durch die Lage zwischen Mittelhessen und Rhein-Main kann die Region Brücken bauen. Daraus können Innovationsimpulse für Unternehmen, Gründungen und Kooperationen entstehen.
Welche Bedeutung haben die weichen Standortfaktoren für die künftige Entwicklung?
Sie sind ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Die Lebensqualität zählt zu den Standortmerkmalen mit hoher Zufriedenheit. Auch die Nahversorgung sowie Betreuungsangebote für Senioren und Pflegebedürftige werden positiv wahrgenommen. Gleichzeitig zeigen rückläufige Imagewerte bei Heimat, Umweltqualität, Sicherheit und Familienfreundlichkeit, dass die Region aufmerksam bleiben muss. Für Fachkräfte zählt nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch das Umfeld: Wohnen, Betreuung, Versorgung, Freizeit, Sicherheit und Aufenthaltsqualität spielen bei Standortentscheidungen eine wichtige Rolle. Kommunen sollten daher nicht nur Gewerbeflächen und den Verkehr im Blick haben, sondern auch die Lebensqualität und das Standortprofil.
Welche Perspektive sehen Sie für den Wetteraukreis in den kommenden Jahren?
Der Wetteraukreis hat gute Voraussetzungen: Er ist gut angebunden, verfügt über attraktive Lebensbedingungen und profitiert von seiner Lage zwischen Mittelhessen und Rhein-Main. Entscheidend wird sein, diese Vorteile mit einer klaren Standortstrategie zu verbinden. Dazu gehören weniger Bürokratie, eine serviceorientierte und verlässliche Verwaltung, die Fachkräftesicherung, eine bessere Gewerbeflächenverfügbarkeit, der Ausbau relevanter Infrastruktur und ein stärkerer Wissens- und Technologietransfer. Wenn diese Punkte zusammengeführt werden, kann der Wetteraukreis seine Rolle als starke Wirtschaftsregion weiter ausbauen.
Die Fragen stellten Finja Linnemann und Christian Thiel.
Kontakt
Christian Thiel
Stand: 03.09.2026