Wirtschaftsmagazin
Nr. 7104642
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Stabilität trotz Krise: Welche Chancen Saudi-Arabien deutschen Unternehmen bietet

Mit dem Iran-Krieg ist die Golfregion zum Schauplatz geopolitischer Spannungen geworden. Doch Großprojekte in Saudi-Arabien laufen weiter. Im Interview erklärt Najah Alkutbi von der AHK für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen, wie sich Lieferketten verändern, welche Branchen Chancen haben und wie der Markteinstieg gelingt.
Frau Alkutbi, wie beurteilen Sie aus Sicht der AHK für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen die aktuelle geopolitische Lage im Nahen Osten?
Die Situation vor Ort bleibt aufgrund der geopolitischen Umstände angespannt. Die Wirtschaft steht dadurch vor großen Herausforderungen. Saudi-Arabien hat sich im Rahmen des Konflikts widerstandsfähig gezeigt und sich als Logistik-Hub positioniert. Über die Ost-West-Pipeline konnte das Land einen Großteil seiner Ölexporte weiterhin abwickeln. Die bahrainische Wirtschaft hingegen war aufgrund zahlreicher Angriffe deutlich stärker betroffen. Insbesondere im Aluminium- und Petrochemiebereich gab es sehr starke Einschränkungen. Inzwischen ist dort jedoch wieder der Alltag eingekehrt. Im Jemen stehen wir seit vielen Jahren vor erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen. Dort sind deutsche Unternehmen vor allem in einzelnen Nischenbereichen aktiv, wie etwa im Gesundheitswesen, in den Bereichen Wasser- und Abwasserwirtschaft oder erneuerbare Energie und Stromversorgung.
Welche direkten Auswirkungen treffen die regionalen Unternehmen?
Besonders in den Bereichen Logistik und Transport sind die Folgen erheblich spürbar.
Spielen Sie damit auf Lieferketten an?
Ganz genau. Unternehmen berichten von längeren Transportzeiten, insbesondere bei Routen durch das Rote Meer. Saudi-Arabien liefert neben Energie auch zahlreiche weitere Güter, und hier kommen die Verzögerungen besonders zum Tragen. Hinzu kommen gestiegene Versicherungspreise. Deutsche Logistikunternehmen geben an uns weiter, dass diese teilweise um bis zu 300 Prozent erhöht wurden. Gleichzeitig haben viele Unternehmen ihre Lieferketten in den vergangenen Jahren diversifiziert und verfügen heute über deutlich robustere Risikomanagementstrukturen als noch vor wenigen Jahren.
Wie stark wird Ihrer Einschätzung nach dadurch das Vertrauen internationaler Investoren in die Region beeinflusst?
Kurzfristig erhöhen geopolitische Spannungen die Risikowahrnehmung. Trotzdem nehmen wir nach wie vor ein hohes Interesse ausländischer Investoren wahr. Aus wirtschaftlicher Sicht ist entscheidend, dass die meisten Investitions- und Infrastrukturprojekte trotz der Spannungen unverändert fortgeführt werden.
Beispielsweise die „Vision 2030“, mit der Saudi-Arabien die Diversifizierung seiner Wirtschaft vorantreibt …
Das ist das beste Beispiel. Das Land setzt auf unterschiedliche Wirtschaftssektoren, um nicht länger abhängig von Öl und Gas zu sein.
Welcher dieser Sektoren ist derzeit für deutsche Unternehmen besonders attraktiv?
Besonders in technologieintensiven Branchen bestehen hervorragende Marktchancen. Etwa bei erneuerbaren Energien und moderner Stadtentwicklung oder in der Medizintechnik und Mobilität kommen regelmäßig deutsche Firmen ins Land. Auch die Lebensmittelbranche ist ein wichtiger Bereich, da 80 Prozent der Lebensmittel in Saudi-Arabien importiert werden. Dazu haben wir mehrere Delegationsreisen angeboten.
Werden deutsche Maschinen und Ingenieurleistungen derzeit besonders gern angenommen?
Aufgrund des gestiegenen Bedarfs an modernen Energien bleibt die Nachfrage nach Produkten der deutschen Industrie auch trotz der Krisen auf einem sehr hohen Niveau. Deutsche Anbieter profitieren von ihrem hervorragenden Ruf und werden häufig als bevorzugte Partner für komplexe Projekte wahrgenommen. Besonders relevant ist in den vergangenen Jahren auch der Verteidigungssektor geworden. In Kürze veranstalten wir beispielsweise einen Roundtable in Saudi-Arabien, der deutsche Firmen im Verteidigungsbereich mit regionalen Betrieben vernetzt.
Sie haben soeben von der Stadtentwicklung gesprochen. Welche Rolle können dabei ausländische Unternehmen, insbesondere aus Deutschland, spielen?
Derzeit wird in Saudi-Arabien intensiv an Smart Cities gearbeitet. Ganze Stadtteile werden neu gebaut, damit junge Saudis ein Eigenheim haben. Daran sind Architekten aus aller Welt beteiligt.
Wie ist es aus der Sicht von importorientierten Unternehmen? Welche Rolle spielen die Länder, die Sie vertreten, heute für die deutsche Industrie?
Saudi-Arabien zählt zu den wichtigsten Lieferanten petrochemischer Grundstoffe und chemischer Vorprodukte für zahlreiche Industriezweige in Deutschland. Bahrain hingegen verfügt über eine starke Aluminiumindustrie und ist ein wichtiger Produzent hochwertiger Aluminiumprodukte. Der Jemen spielt aufgrund der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation derzeit nur eine sehr begrenzte Rolle im internationalen Handel.
Sprechen wir nun über die globalen Energie- und Rohstoffmärkte, die in der Krise besonders aufmerksam von vielen Unternehmen verfolgt werden. Inwieweit kann Saudi-Arabien als zentraler Lieferant dabei helfen, die Ölpreise und -mengen zu stabilisieren?
Als führendes Mitglied der OPEC+ verfügt das Königreich über erhebliche Produktionskapazitäten und trägt maßgeblich zur Stabilisierung von Angebot und Preisen bei. Der Ölpreis ist durch die Energiekrise gestiegen, aber ohne Saudi-Arabien wäre er noch höher. Als Reaktion auf die Sperrung der Straße von Hormus wurde vermehrt Energie über die Ost-West-Pipeline transportiert und die Transportkapazität auf sieben Millionen Barrel pro Tag erhöht. Dadurch konnte die Lieferfähigkeit insgesamt sichergestellt werden.
Profitiert ein auf Energieexporte ausgerichtetes Land wie Saudi-Arabien nicht auch kurzfristig von steigenden Ölpreisen?
Auch das können wir erkennen. Auf diese Weise ist es möglich, dass die erwähnten Megaprojekte trotz der Krise im Nahen Osten weiterlaufen.
Frau Alkutbi, Sie leiten die Abteilung Markteintritt der Auslandshandelskammer der Region. Welche Einstiegsszenarien empfehlen Sie denn insbesondere mittelständischen Unternehmen, die bislang keine oder nur geringe Erfahrung in der Golfregion haben?
Für die meisten mittelständischen Unternehmen empfiehlt sich zunächst der Markteintritt über lokale Vertriebspartner, Distributoren oder Handelsvertreter. Dadurch können erste Erfahrungen gesammelt und Kundenbeziehungen aufgebaut werden. Mit wachsender Geschäftstätigkeit kann anschließend eine eigene Niederlassung oder ein Joint Venture sinnvoll sein. Die optimale Strategie hängt dabei stark von Branche, Produkt und Geschäftsmodell ab.
Wie wichtig schätzen Sie persönliche Netzwerke und Präsenz vor Ort ein?
In der gesamten Golfregion wird sehr viel Wert auf die persönliche Verbindung gelegt. Deswegen empfehlen wir immer den persönlichen Kontakt statt digitaler Vertriebswege. Zum ersten Kennenlernen kann sich auch digital getroffen werden, doch bevor es zu einer Einigung kommt, muss genug Vertrauen durch ein persönliches Gespräch hergestellt sein.
Wie unterstützt die AHK für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen konkret deutsche Unternehmen?
Wir helfen entlang des gesamten Markteintrittsprozesses. Zu Beginn bieten wir einen Marktüberblick und unterstützen bei der Partnervermittlung. Das bedeutet, wir suchen passende Unternehmen vor Ort und begleiten sie dann zu den Treffen. Auch in möglichen Konfliktfällen vermitteln wir gern. Firmen, die sich vor Ort niederlassen möchten, bieten wir zudem passende Büros oder Firmengelände an.
Gibt es aktuelle Programme oder Delegationsreisen?
Wir organisieren regelmäßig Delegationsreisen, Unternehmerreisen, Fachkonferenzen, Messebeteiligungen und Webinare in unterschiedlichen Branchen. Von den Wirtschaftsbereichen Energie und Flughafenindustrie bis zum Lebensmittel- und Gesundheitssektor decken wir ein breites Spektrum ab. Derzeit sind 13 Delegationsreisen geplant.
Die Fragen stellte Joris Zielinski.
Stand: 02.07.2026