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Gießener Start-up macht aus Abfallprodukt ein nachhaltiges Geschäft
Bei der Gewinnung von Seidengarn bleiben Seidenraupen-Puppen übrig. Was lange Zeit als wertloses Abfallprodukt galt, erkannte die Gründerin Fabiola Neitzel als ungenutzte Ressource. Sie verwandelt mit ihrem Unternehmen Prombyx die Puppen der Seidenraupe in ein Protein für nachhaltiges Tierfutter.
Aus dieser Erkenntnis wurde eine Geschäftsidee, die 2021 zur Gründung von Prombyx führte – einem Kunstwort aus „Protein“ und „Bombyx mori“, dem lateinischen Namen der Seidenraupe. Neitzel wollte dieses bisher kaum genutzte Nebenprodukt der Seidengewinnung als Proteinquelle für Haustierfutter erschließen – nachhaltig, fleischfrei und hypoallergen.
Doch bevor diese Vision Realität werden konnte, musste sie eine Frage klären: Fressen Tiere das überhaupt? In ihrer WG-Küche kochte die Pionierin deshalb Testfutter in Einmachgläsern. Der erste Testhund jedoch verschmähte jede Rezeptur.
Ich hatte wirklich schlaflose Nächte, weil ich dachte, oh Gott, der schnüffelt da nicht mal dran.
erinnert sie sich. Erst weitere Tests mit anderen Hunden hätten gezeigt: Die nachhaltige Idee hat auch geschmacklich Potenzial.
Ein mutiger Appell für eine grüne Innovation
Der Einstieg in die etablierte Futtermittelbranche sei jedoch steinig gewesen, blickt Neitzel zurück. Das Thema Nachhaltigkeit sei zwar in aller Munde gewesen und die Industrie habe nach Alternativen zu Fleisch gesucht. Doch der Schritt zu einem so neuartigen Produkt sei vielen zu gewagt erschienen. Obwohl Prombyx zahlreiche Innovationspreise gewonnen und viel Zuspruch erhalten habe, habe sich zunächst kein Hersteller gefunden.
Der Frust wuchs, bis Neitzel bei einer Preisverleihung alles auf eine Karte setzte. „Wir gewinnen hier Preise über Preise, aber viel wichtiger wäre es für uns noch, wenn mal jemand von Ihnen sich trauen würde, dann auch was damit zu machen“, erklärte sie dem Publikum provokant. Der Mut zahlte sich aus. Noch am selben Abend sei ein Hersteller auf sie zugekommen, beeindruckt von ihrer Direktheit, und habe versprochen, das erste Produkt mit dem nachhaltigen Protein auf den Markt zu bringen.
Kreislaufwirtschaft mit sozialem Mehrwert
Die Vision von Prombyx reicht weit über den Futternapf hinaus. Das Unternehmen bezieht die Puppen aus Indien, wo die Seidenraupenzucht für über zehn Millionen Menschen die Lebensgrundlage sichert. Anstatt die Puppen wie früher einfach zu entsorgen – was ein lokales Umweltproblem darstellte – werden sie nun zu einer wertvollen Ressource veredelt.
Vor allem in Asien werden Seidenraupen zur Gewinnung von Seidengarn gezüchtet.
Ein zentrales Anliegen für Neitzel ist dabei die Förderung des pestizidfreien Anbaus der Maulbeerbäume, von denen sich die Seidenraupen ernähren, die sich dann in einem Seidengespinst, dem Kokon, verpuppen. „Wir können nur Puppen verwenden, die ohne Pestizide im Anbau gezüchtet wurden“, erklärt sie. Indem Neitzels Betrieb den Bauern einen finanziellen Anreiz für pestizidfreien Anbau biete, schaffe das Start-up ein Zusatzeinkommen und trage zur Reduzierung von Umweltgiften bei, die andernfalls das Grundwasser und die Gesundheit der Farmer gefährden würden.
Ein robustes Modell in einem volatilen Markt
Prombyx hingegen erweise sich als widerstandsfähig, erläutert Neitzel. Das Geschäftsmodell, ein ohnehin vorhandenes Nebenprodukt zu nutzen, dessen „Futter“ (Maulbeerblätter) bereits für die Seidenproduktion angebaut werde und in einem Klima wachse, das keine zusätzliche Heizenergie erfordere, sei von Grund auf ressourcenschonend und ökonomisch robust.
Dass sich dieses Konzept durchsetzt, zeigt sich heute im Handel: Die ersten Futterlinien für Hunde und Katzen, die Prombyx-Protein enthalten, sind europaweit beim Heimtierbedarfshändler Fressnapf erhältlich. Doch die Vision der Gründerin ist damit noch nicht am Ende. Langfristig ist der Schritt in den Nutztierbereich geplant, etwa für die Aquakultur sowie die Schweine- und Geflügelzucht, wo der Bedarf an nachhaltigen Proteinquellen immens ist. „Da sind wir auch mit der Forschung dran“, so Neitzel, die dafür eng mit der Gießener Universität kooperiert.
Das Ökosystem in Mittelhessen als Erfolgsfaktor
Dass sie nach ihrem Masterstudium in Gießen geblieben ist, war für Fabiola Neitzel ein Glücksfall. „In Hessen gibt es ein sehr gutes Umfeld für Start-ups“, betont die Gewinnerin des Hessischen Gründerpreises 2025. Die Nähe zur Universität und zum Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie sowie die Unterstützung durch Förderprogramme und Institutionen wie das Technologie- und Innovationszentrum Gießen (TIG) hätten ein ideales Fundament geboten.
Die kurzen Wege und das starke Netzwerk haben Forschungskooperationen ermöglicht und mir wichtigen Rückhalt in schwierigen Phasen gegeben.
sagt Neitzel. Ihr Beispiel zeigt: Aus einer cleveren Idee in Mittelhessen kann eine globale Erfolgsgeschichte mit nachhaltiger Wirkung werden.
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Ann-Kathrin Oberst
Stand: 02.07.2026