Wirtschaftsmagazin
Nr. 7189142
3 min Lesezeit

Neue Motive für die Selbstständigkeit

Die Sehnsucht nach beruflicher Unabhängigkeit wächst, doch der Antrieb hat sich verschoben. Der aktuelle DIHK-Report Unternehmensgründung 2026 zeigt: Viele neue Betriebe entstehen nicht aus Euphorie, sondern aus Mangel an Jobalternativen. Auch in den Beratungen der IHK Gießen-Friedberg ist dieser Wandel zu spüren.
Der Schritt in die Selbstständigkeit gilt traditionell als Wagnis für Mutige mit einer bahnbrechenden Idee. Bundesweit melden die Industrie- und Handelskammern einen spürbaren Zulauf zu den Gründungsberatungen: Es gab 13 Prozent mehr Einstiegsgespräche und sogar 15 Prozent mehr vertiefte Beratungen.
DIHK-Report_grafik-gruendungsmotive-gruenderreport-2026-data
Doch die Motive für Unternehmensgründungen haben sich im Jahr 2026 verschoben. Denn die schwächelnde Konjunktur und die Transformation ganzer Branchen zwingen viele Menschen zum Umdenken. Wer um seinen Arbeitsplatz bangen muss, sucht nach Alternativen – eine davon ist die Existenzgründung.

Mehr Gründungsberatungen

Diesen Trend spürt auch Michael Mutz, Gründungsberater bei der IHK Gießen-Friedberg. Beim Blick auf die Zahlen der vergangenen Monate wird eine rasante Entwicklung deutlich: Die von der IHK ausgestellten fachkundigen Stellungnahmen zur Beantragung des Gründungszuschusses bei der Agentur für Arbeit haben sich von 2024 auf 2025 verdoppelt. „Im September dieses Jahres haben wir bereits das Niveau des gesamten Vorjahres erreicht“, berichtet Mutz aus seiner täglichen Praxis.

Defizite bei kaufmännischen Aspekten

Mutz beobachtet in den Beratungsgesprächen, dass viele Gründerinnen und Gründer mehr Unterstützung benötigen, insbesondere bei kaufmännischen Fragen und der Finanzplanung. Diese Einschätzung deckt sich mit den bundesweiten Daten des DIHK-Reports: Demnach bestehen bei knapp der Hälfte der eingereichten Geschäftskonzepte deutliche Lücken im kaufmännischen Bereich, 44 Prozent haben die Finanzierung noch nicht vollständig durchdacht.
„Eine sorgfältige Vorbereitung ist ein wichtiger Erfolgsfaktor auf dem Weg in die Selbstständigkeit“, sagt Mutz. „Wenn bei den Gründungswilligen ganz elementare Kenntnisse und Fertigkeiten fehlen, gebe ich ihnen aber auch den Rat, den eingeschlagenen Weg nochmals zu überdenken.“

DIHK-Präsident mahnt Reformen an

DIHK-Präsident Peter Adrian ordnet die bundesweite Lage kritisch ein: „Unser Report zeigt zwar ein steigendes Gründungsinteresse, aber keinen breiten unternehmerischen Aufbruch. Das passt leider zur weitgehend stagnierenden Wirtschaftsentwicklung.“
Für viele Betroffene stehe das Sichern des Lebensunterhalts im Vordergrund, so Adrian. „Die angestrebte Gründung ist in diesen Fällen eher eine Ausweichstrategie als der feste Wunsch, als Unternehmerin oder Unternehmer neue Marktchancen zu erschließen.“

Chancen durch technologischen Wandel

Trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage und vieler Hürden gibt es sie aber noch: die echten Erfolgsgeschichten und technologischen Treiber. Künstliche Intelligenz und neue Sicherheitsanforderungen eröffnen spannende Geschäftsfelder.
Adrian sieht hier enorme Chancen für die Zukunft: „KI erleichtert vielen nicht nur den Weg in die Selbstständigkeit, sondern eröffnet auch völlig neue Geschäftsmodelle. Das gilt beispielsweise für Robotik, Kommunikation und Raumfahrt. Gleichzeitig entstehen durch die veränderte geopolitische Lage zusätzliche Geschäftsfelder, etwa in der Sicherheitstechnologie.“
Neben diesen technologieorientierten Start-ups gibt es laut DIHK-Report einen weiteren Lichtblick: Der Anteil von Frauen in den IHK-Beratungen hat sich stabil bei 44 Prozent etabliert und bestätigt damit einen langfristigen strukturellen Wandel im Gründungsgeschehen.

Erfolg braucht verlässliche Spielregeln

Um den Gründungsstandort Deutschland zu sichern, muss die Politik an den richtigen Stellschrauben drehen. Neben digitalen Verfahren und schnelleren Steuernummern fordern die IHKs unter anderem Entlastungen im Steuerrecht und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Das Fazit des DIHK-Präsidenten fällt deutlich aus: „Die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland hängt wesentlich davon ab, ob wir Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes etwas unternehmen wollen, beste Bedingungen bieten. Bürokratieabbau, Steuervereinfachung, bessere Finanzierungszugänge und nicht zuletzt auch mehr gesellschaftliche Anerkennung für den Mut zur Selbstständigkeit sind zentrale Bausteine hierfür.“
Stand: 30.09.2026