Wirtschaftsmagazin
Nr. 7162950
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Likes und Follower-Zahlen sind selten harte Erfolgskennzahlen

Melanie Treppenhauer ist selbstständige Social-Media-Beraterin mit einem Büro in Friedberg und Mitglied der Wirtschaftsjunioren Wetterau. Sie begleitet Unternehmen dabei, Social Media als strategischen Wachstumstreiber aufzubauen – von der Zieldefinition über die Kanalauswahl bis zur Content-Planung.
Frau Treppenhauer, welche typische Ausgangssituation erleben Sie in Unternehmen, wenn es um Social Media geht?
Sehr häufig ist es der berühmte Montagmorgen: Es heißt „Wir sollten mal wieder etwas posten“ oder: „Auf LinkedIn könnten wir den neuen Mitarbeiter vorstellen“. Man geht direkt in den Inhalt, ohne vorher zu klären, welchen Zweck Social Media überhaupt erfüllen soll. Es wird motiviert gepostet, teilweise sogar regelmäßig – aber ohne strategischen Rahmen.
Welche Folgen hat es, Social Media ohne klare Strategie zu nutzen?
Unternehmen investieren Zeit und Geld – und stellen dann fest: „Wir bekommen kaum Anfragen, es entsteht kein messbarer Umsatz, und Bewerbungen kommen über Social Media auch nicht.“ Die Schlussfolgerung lautet schnell: „Social Media funktioniert für uns nicht.“ In den meisten Fällen stimmt das so aber nicht. Es fehlt nicht der richtige Kanal, sondern eine klare Strategie.
Wie gelingt der Einstieg sinnvoller?
Indem sich ein Unternehmen zunächst auf ein bis zwei Kanäle fokussiert, die wirklich relevant sind. Die wenigsten Betriebe haben die Ressourcen, viele Plattformen professionell zu bespielen. Dann wird definiert, welche Ziele Social Media konkret unterstützen soll: Geht es um mehr Sichtbarkeit, mehr Anfragen, mehr Bewerbungen? Auf dieser Basis entsteht ein realistischer Redaktionsplan, den das Team im Alltag auch umsetzen kann – gerne mit Unterstützung von KI-Tools, etwa zur effizienten Inhaltserstellung und Auswertung.
LinkedIn ist stark im Fokus von Unternehmen. Wie schätzen Sie diesen Kanal ein?
LinkedIn wird im Mittelstand noch häufig unterschätzt. Viele haben ein Profil, nutzen es aber eher passiv. Gerade für B2B-Unternehmen bietet der Kanal großes Potenzial. Die Mitarbeiter können zu sichtbaren Gesichtern des Unternehmens werden – das schafft Vertrauen, wie es klassische Anzeigen kaum leisten können. Zudem lässt sich LinkedIn für den Vertrieb nutzen – mit Struktur, Prozess und messbaren Ergebnissen.
Und was ist mit Instagram und Facebook?
Trotz des berechtigten Hypes um LinkedIn bleiben auch Instagram und Facebook wichtig, insbesondere für regional tätige Unternehmen mit lokalem Einzugsgebiet und für gezielte Werbeanzeigen. Für junge Zielgruppen sollte die Bedeutung von TikTok nicht unterschätzt werden.
Welche Ziele können Unternehmen mit Social Media konkret verfolgen?
Im Kern geht es um drei Stoßrichtungen: Sichtbarkeit und Marke aufbauen, qualifizierte Kundenanfragen und Umsatz generieren sowie Mitarbeiter gewinnen. Für Sichtbarkeit und Marke steht die Reichweite im Vordergrund, um Bekanntheit und Positionierung zu stärken. Für Anfragen und Umsatz braucht es Experten-Content, konkrete Problemlösungen und einen nachvollziehbaren Verkaufstrichter, der Interessierte Schritt für Schritt zur Anfrage oder zum Kauf führt. Für die Mitarbeitergewinnung müssen Unternehmenskultur, Werte, Einblicke in den Alltag und offene Stellen sichtbar gemacht werden, um passende Bewerberinnen und Bewerber anzuziehen.
Wie wichtig ist dabei die Zielgruppe?
Sie ist entscheidend. „Entscheider 40 bis 50 Jahre im Mittelstand“ ist keine ausreichende Zielgruppendefinition. Es geht nicht nur um den Kanal, sondern auch um Nutzungsmomente und Erwartungshaltung. Eine Marketing-Leiterin nutzt Instagram vielleicht abends zur Urlaubs- oder Fitnessinspiration – in diesem Kontext hat eine Anzeige für eine B2B-Software wenig Chancen. Für Geschäftskontakte ist LinkedIn in diesem Fall deutlich naheliegender. Wer Social Media plant, muss also verstehen, wo und wann die Zielgruppe wie unterwegs ist.
Können Sie ein Muster skizzieren, wie Unternehmen mit Social Media messbare Ergebnisse erzielen?
Ein mittelständisches Unternehmen mit einem spezialisierten Produkt ist zu Beginn auf LinkedIn quasi unsichtbar. Daher werden zunächst die Geschäftsführung und zwei Mitarbeiter als Stimmen des Unternehmens aufgebaut. Sie teilen regelmäßig Einblicke in den Betrieb, Positionen zu Branchenthemen und kurze Beiträge zu realen Kundenlösungen. Dahinter steckt kein großes Marketingbudget, sondern Struktur. Nach drei bis vier Monaten zeigen sich die ersten Effekte: Vertriebskontakte sind vorgewärmt, die Marke ist in der Zielgruppe bekannter und erste qualifizierte Anfragen kommen direkt über LinkedIn. Wichtig sind dabei ein realistischer, an den Ressourcen orientierter Redaktionsplan und klare Leitplanken: Was kann und darf gepostet werden? Wenn der Prozess einmal steht, wird er schnell zur Routine und braucht nicht mehr so viel Zeit wie zu Beginn.
Wie beurteilen Sie Aufwand und Budget für Social Media?
Social Media wird oft als „kostenlos“ wahrgenommen – und dann nebenbei erledigt. Das ist fatal. Es handelt sich um Kommunikationskanäle wie Print, Messe oder Online-Werbung und sollte genauso professionell geplant werden – mit Zuständigkeiten, Zeitkontingenten und einem klaren Budget, gerade wenn bezahlte Anzeigen eingesetzt werden. Der Vorteil: Richtig aufgesetzt, ist Social Media kontinuierlich, skalierbar und gut messbar. Die Kanäle ersetzen klassische Maßnahmen nicht, können aber wichtige Lücken schließen, etwa zwischen Messeauftritt und späterer Nachfrage.
Welche Kennzahlen sind für Unternehmen wirklich relevant?
Das hängt vom Ziel ab und sollte verständlich formuliert sein. Wer Sichtbarkeit aufbauen möchte, schaut auf Reichweite und Impressions, also darauf, wie viele Menschen einen Beitrag gesehen haben. Für Kundenanfragen und Umsatz sind Conversions entscheidend: Wie viele Personen haben über Social Media aktiv Kontakt aufgenommen oder gekauft – etwa über ein Kontaktformular, Direktnachrichten oder einen Web-Shop? Diese Zahlen sollten ins Verhältnis zum eingesetzten Zeit- und Werbebudget gesetzt werden. Für die Mitarbeitergewinnung ist die Anzahl qualifizierter Bewerbungen wichtig, die über Social Media kommen. Likes und Follower-Zahlen sehen gut aus, sind aber selten harte Erfolgskennzahlen – außer für Influencer, die genau dafür bezahlt werden. Für klassische Unternehmen gilt: Entscheidend ist am Ende nicht der Applaus, sondern die konkrete Anfrage.
Die Fragen stellte Tobias Bunk.
Stand: 03.09.2026