Wirtschaftsmagazin
Nr. 7105472
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Internationale Talente bieten große Chancen für Unternehmen

Wie können Unternehmen neue Wege in der Fachkräftesicherung gehen? IHK-Vizepräsidentin und Unternehmerin Constanze von Alvensleben spricht im Interview über ihre Erfahrungen mit internationalen Fachkräften und darüber, warum es sich lohnt, offen für neue Lösungen zu sein. Informationen dazu bietet das Forum Internationale Rekrutierung am 11. August in Gießen.
Frau von Alvensleben, wann war für Sie klar, dass Sie neue Wege gehen und sich auch für Fachkräfte aus dem Ausland öffnen müssen?
Für mich war das kein spontaner Entschluss, sondern eine logische Konsequenz aus der Realität im Mittelstand: Wir wollen wachsen, wir wollen Qualität liefern – aber ohne Menschen geht das nicht. Als wir trotz aller Bemühungen keine passenden Bewerberinnen und Bewerber mehr fanden, wurde deutlich: Wenn wir weiterwachsen wollen, müssen wir mutiger werden und international denken. Vielfalt ist für mich kein Risiko, sondern eine Chance. Erste positive Erfahrungen hatten wir bereits mit Geflüchteten gesammelt.
Was hat Sie überzeugt, diesen Weg konsequent weiterzugehen?
Der entscheidende Moment, mich intensiver mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) zu beschäftigen, kam nach Corona. Die Krise war überstanden – doch dann begann die eigentliche Herausforderung: die Sinnsuche vieler Menschen. Mitarbeiter, die jahrelang verlässlich im Team waren, gingen plötzlich neue Wege. Unser Lagerleiter zum Beispiel wechselte nach 25 Jahren in ein Bestattungsunternehmen. Wir haben geschmunzelt, er wolle nun „nur noch einlagern“ – aber der Verlust war enorm. Fast 20 Prozent des Teams orientierten sich damals neu. Das reformierte FEG, insbesondere mit Blick auf die Berufsausbildung, wurde für mich in dieser Situation ein wichtiger Anker. Ich sah: Es gibt weltweit junge, hoch motivierte Menschen, die eine Perspektive suchen – und wir haben die passenden Ausbildungsplätze.
Konnten Sie beides zusammenbringen?
Ja, von unseren heute insgesamt acht Auszubildenden sind vier über das FEG zu uns gekommen. Unsere erste Auszubildende aus Marokko hat soeben ihre IHK-Abschlussprüfung zur Groß- und Außenhandelskauffrau mit sehr guten Ergebnissen bestanden und ist nun ein festes Mitglied unserer Buchhaltung – das macht mich unglaublich stolz. Drei weitere internationale Talente, zwei aus Indien und eines aus Russland, sehen ebenso ihre berufliche Zukunft im Groß- und Außenhandel in Deutschland und in unserem Unternehmen.
Was waren zu Beginn Ihre größten Fragen oder Zweifel?
Am meisten beschäftigte mich die Unsicherheit bei den Abläufen. Und leider hat sich das bestätigt: Für unsere beiden indischen Azubis warteten wir fast zehn Monate auf einen Termin bei der Botschaft. Der Grund ist klar: Indien ist inzwischen der größte Herkunftsmarkt für internationale Fachkräfte; allein für Deutschland werden jährlich 90.000 Visa ausgestellt. Gerade rund um den Start von Berufsschulen und Hochschulen im Herbst sind die Botschaften schlicht überlastet. Das sollte aber kein Hinderungsgrund für Unternehmen sein, sich mit der Fachkräfteeinwanderung zu beschäftigen, sondern nur dazu anspornen, nicht zu lange mit der Suche zu warten. Internationale Talente sind keine Notlösung. Sie sind eine enorme Chance für Unternehmen, für den Mittelstand und für unser Land.
Wie liefen die Suche und die Integration der ausländischen Fachkräfte in der Praxis ab? Welche Schritte waren besonders wichtig?
Wesentlich waren drei Faktoren: eine gute Vermittlungsagentur, klare Strukturen im Verfahren und ein offenes Team. Wenn man den Prozess einmal verstanden hat, liegt die Blaupause in der Schublade. Aber das richtige Talent zu finden, schaffen Agenturen im Ausland einfach besser, weil sie dort vernetzt und etabliert sind. Die finale Auswahl haben wir in Videotelefonaten mit den Bewerberinnen und Bewerbern getroffen. Später bei der Integration gilt: Orientierung ist alles. Wir erklären viel, zeigen viel und begleiten intensiv – das zahlt sich aus.
Welche Erfahrungen haben Sie im Arbeitsalltag gemacht? Was bringen die internationalen Fachkräfte fachlich und menschlich ein?
Internationale Fachkräfte bringen Mut, Motivation und eine beeindruckende Lernbereitschaft mit. Sie denken anders, handeln lösungsorientiert und bringen neue Perspektiven ein. Sie wissen einfach, was es bedeutet, für eine Chance alles hinter sich zu lassen. Sie geben ihr ganzes Leben für eine Ausbildung, weit entfernt von Heimat und Familie, auf. Das spürt man jeden Tag.
Welche Herausforderungen gab es – und wie sind Sie damit umgegangen?
Natürlich ist nicht alles einfach. Zähe Bürokratie, sprachliche Barrieren, kulturelle Unsicherheiten – ja, das gehört dazu, so ehrlich muss man sein. Es braucht Geduld, Offenheit und Mut – auf beiden Seiten. Die größte Herausforderung ist tatsächlich die extrem lange Bearbeitungszeit im Visumprozess. Unsere indischen Azubis konnten erst im Januar 2026 einreisen – viel zu spät für das laufende Berufsschuljahr. Aber wir haben das Beste daraus gemacht, die Zeit intensiv zur Integration genutzt und freuen uns nun, die beiden gestärkt in den Berufsschulstart zu schicken.
Was raten Sie Unternehmen, die morgen den ersten Schritt gehen möchten?
Warten Sie nicht auf den perfekten Moment. Fangen Sie einfach an! Man muss nicht jedes Detail kennen, bevor man losgeht, aber man muss bereit sein zu lernen und insgesamt offen sein für Neues. Mit erfahrenen Partnern wie der IHK Gießen-Friedberg, Beratungsstellen oder spezialisierten Agenturen wird der Weg deutlich leichter. Mut, Offenheit und ein gutes Netzwerk – mehr braucht es für den Anfang nicht.
Im August findet das „Forum Internationale Rekrutierung. Weltweit Fachkräfte finden.“ statt. Warum lohnt es sich, diese Messe zu besuchen?
Weil man dort sieht, wie viel Potenzial in internationalen Talenten steckt – und weil man konkrete Wege aufgezeigt bekommt, wie Fachkräfteeinwanderung in der Praxis funktionieren kann. Die Messe bietet Unternehmen nicht nur Inspiration, sondern vor allem Wissen, Austausch und Unterstützung, um die nächsten Schritte selbst anzugehen. Gerade in der aktuell schwierigen wirtschaftlichen Lage gerät der Fachkräftemangel bei manchen vielleicht etwas in den Hintergrund. Aber das Problem ist nicht verschwunden – im Gegenteil: In den kommenden Jahren werden viele erfahrene Beschäftigte aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Umso wichtiger ist es, sich frühzeitig mit neuen Wegen der Fachkräftesicherung zu beschäftigen. Das Forum Internationale Rekrutierung ist dafür eine sehr gute Gelegenheit, sich zu informieren, Fragen zu stellen und den Einstieg in das Thema zu finden.
Stand: 06.07.2026