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Gemeinsam aus der Krise kommen
Deutschland leidet unter strukturellen wirtschaftlichen Problemen, die vor allem auf eine übermäßige Bürokratie sowie eine sehr ambitionierte und zugleich sprunghafte Energie- und Klimapolitik zurückzuführen sind. Welche Wege aus der Krise führen könnten, diskutierten rund 900 Gäste aus dem In- und Ausland auf dem Jahresempfang der IHK Gießen-Friedberg.
Die Frage darf nicht lauten, ob, sondern wie wir aus der Krise kommen. Darin waren sich die rund 900 Besucher des diesjährigen Jahresempfangs der IHK Gießen-Friedberg in der Gießener Kongresshalle einig. Die hohe Beteiligung zeigte, wie wichtig es den regionalen Unternehmen ist, gemeinsam die Herausforderungen anzugehen, um die wirtschaftliche Krise zu meistern und einem andauernden politischen Reformstau effektiv zu begegnen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der wissenschaftlich fundierte und pointierte Festvortrag von Hans-Werner Sinn, Präsident a. D. des ifo Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. Das Interesse war über die Region hinaus groß: „Heute Abend trifft sich die Welt in Gießen“, hieß IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Leder Gäste aus 26 Nationen willkommen. Die internationalen Gäste nahmen an den Folgetagen auch an der IHK-Konferenz „The World meets in Giessen“ teil.
Standort stärken, nicht belasten
„Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd“, stellte IHK-Präsident Rainer Schwarz gleich zu Beginn seiner Begrüßungsrede fest. Die jüngste Konjunkturumfrage habe gezeigt, dass fast 60 Prozent der Unternehmen hohe Energie- und Arbeitskosten, eine schwache Inlandsnachfrage sowie eine wachsende Bürokratie als die „größten Bremsklötze“ ansehen. Umso mehr werde eine Politik gebraucht, die den Standort stärke, statt ihn zu belasten.
Klare Worte zum Standort: Rainer Schwarz, Präsident der IHK Gießen-Friedberg, unterstreicht in seiner Ansprache die Notwendigkeit von Bürokratieabbau, wettbewerbsfähigen Energiepreisen und der Fachkräftesicherung.
„Wir brauchen eine Energiepolitik, die Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit im Gleichklang sieht“, unterstrich Schwarz im Hinblick auf die deutschen Energiepreise, die im internationalen Vergleich an der Spitze liegen. Eine Fortführung der bisherigen Politik führe zu starken Mehrbelastungen. Dabei gehe es nicht nur um die Kosten der Stromproduktion, sondern darum, was es koste, Strom jederzeit verlässlich bereitzustellen. „Der geplante massive Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2030 wird ohne ausreichende Netze, Speicher und steuerbare Kraftwerke zu weiter steigenden Netzentgelten führen. Die Frage ist, ob wir uns diese Parallelität der beiden Systeme leisten können.“ Eine von den hessischen IHKs beauftragte Stromstudie habe deutlich gezeigt, dass sich der Strombedarf in Hessen bis 2045 mehr als verdoppeln werde.
Gewinnung qualifizierter Fachkräfte aus dem In- und Ausland
Ein weiteres zentrales Thema sei der Bürokratieabbau. Noch immer wachse die Zahl der Gesetze, Verordnungen und EU-Regelungen. „Als IHK werden wir der Politik weiterhin den Spiegel vorhalten und konkrete Beispiele liefern, wo Regelungen über das Ziel hinausschießen“, versprach der IHK-Präsident und verwies auf das nordrhein-westfälische Vorbild. Dort tritt zum 1. Januar 2027 ein neues Gesetz in Kraft, nach dem allen landesseitigen Berichts- und Dokumentationspflichten, die zulasten der Wirtschaft gehen, die rechtliche Grundlage entzogen werden soll.
Als weiteren entscheidenden Faktor nannte Schwarz den Fachkräftemangel, der durch die demografische Entwicklung verschärft werde.
Die duale Ausbildung ist eine Stärke des Standorts Deutschland, die es attraktiv zu gestalten gilt.
Gleichzeitig würden qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland dringend benötigt, was aktuell vor allem an komplexen Verfahren scheitere. Hier unterstütze die IHK ihre Mitgliedsunternehmen, beispielsweise durch die Fachkräfte-Messe am 11. August 2026 in der Gießener Kongresshalle.
IHK-Präsident fordert Senkung der Unternehmenssteuern
Darüber hinaus sprach sich der IHK-Präsident für eine Senkung der Unternehmenssteuern und Lohnnebenkosten, auch durch eine Reform der Sozialsysteme, sowie für eine aktive, diversifizierte Handelspolitik mit neuen Abkommen und einer starken europäischen Einbindung aus. „Die Herausforderungen sind groß, aber lösbar“, fügte er hinzu.
„Das Herz der deutschen Wirtschaft ist krank“
Einen umfassenden Einblick in die Zusammenhänge der wirtschaftlichen Krise gab Hans-Werner Sinn in seiner Festrede, in der er klar und kritisch gegenüber der Bundesregierung und der EU-Politik auftrat. Während beispielsweise in Indien das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent gestiegen sei, habe der Anstieg in Deutschland lediglich 0,2 Prozent betragen. Als Schlüsselsektor für Deutschland bezeichnete Sinn die Industrie. „Das verarbeitende Gewerbe macht zwar nur ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung aus, aber hier wird unser Wohlstand definiert.“ Das Problem: Seit 2018 sei genau da „der Wurm drin“.
Ein Großteil des dringend notwendigen Wirtschaftswachstums kommt aus der Privatwirtschaft und nicht vom Staat.
Vor allem in der Autoindustrie – „dem Herz der deutschen Wirtschaft“ – sei das Volumen im Vergleich zu 2018 um 23 Prozent dramatisch zurückgegangen. „Es ist offenkundig: Deutschland ist herzkrank“, diagnostizierte Sinn. „Ein drohender Krieg, Aufrüstung und Trumps Wirtschaftspolitik stellen den Standort Deutschland vor zusätzliche Herausforderungen.“ Im Branchenvergleich halte sich der Tiefbau mit 19 Prozent Plus seit 2018 noch am besten, was unter anderem auf die staatlichen Investitionen zurückzuführen sei. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sei gesamtwirtschaftlich erheblich angestiegen, habe aber noch nicht das sehr hohe Niveau aus dem Jahr 2003 erreicht. Insofern sei es jetzt höchste Zeit für die Politik, notwendige Reformen umzusetzen.
Kritik an „Brüsseler Zentralplanungswirtschaft“
Für die aktuelle Lage führte der renommierte Professor unterschiedliche Ursachen an: Zum einen schlage die über Jahrzehnte gewachsene Ressourcenabhängigkeit von Russland und die nun komplette Einstellung des Gas- und Ölbezugs von dort zu Buche. Zum anderen nannte Sinn die „Brüsseler Zentralplanungswirtschaft“, die unter anderem die Lieferkettenrichtlinie zu verantworten habe und von „wirtschaftsfremden Weltverbesserern“ entworfen worden sei. Zudem verwies er auf die aus seiner Sicht „utopische Energiewende“: „Wir sind gut in Ideologien, machen uns gerne zum Vorreiter und hoffen, dass andere uns folgen“, kritisierte Sinn im Hinblick auf die Energiepolitik. Der Ökonom bemängelte auch den Ausstieg aus der Atomenergie:
Deutschland ist das einzige Land der Welt, das 2023 diesen Schritt gemacht hat.
Das Energieeffizienz-Gesetz, ebenfalls aus dem Jahr 2023, sei ein „Deindustrialisierungs-Gesetz“. Ein Abbau der CO₂-Emissionen vom Referenzjahr 1990 bis 2045 auf null sei nicht realisierbar, denn der Anteil erneuerbarer Energie am Bruttoendenergieverbrauch liege aktuell gerade mal bei knapp 24 Prozent. In diese Berechnung würden alle Arten des Energieverbrauchs einfließen, von Strom über Fernwärme, Kraftstoffe und Brennstoffe bis hin zur Wärmeerzeugung. Die erste Etappe – ein Rückgang des Kohlendioxidausstoßes um 40 Prozent bis 2020 – sei nur „dank des Untergangs der DDR-Industrie“ möglich gewesen.
„Richtige Reformen kosten nicht immer Geld“
„Ein Großteil des dringend notwendigen Wirtschaftswachstums kommt aus der Privatwirtschaft und nicht vom Staat“, erklärte Sinn. Hierfür seien vor allem unternehmerische Investitionen notwendig. Diese müsse der Staat fördern. Er sprach sich außerdem dafür aus, in erster Linie den Markt wirken zu lassen und dass der Staat so wenig wie möglich eingreifen solle.
Richtige Reformen kosten nicht immer Geld.
Es gelte unter anderem, bessere Anreize auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen und die Arbeitszeit zu erhöhen, auch indem zum Beispiel die Zahl der Feiertage verringert werde. Weil die Generation der Babyboomer in Rente gehe und eine große demografische Lücke entstehe, sei es unumgänglich, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen. Darüber hinaus sprach er sich angesichts von nur 654.000 Geburten im Jahr 2025 in Deutschland – dem niedrigsten Stand seit 1946 – für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus.
Podiumsdiskussion beim Jahresempfang 2026 (v.l.): Moderatorin Lis Blume spricht mit IHK-Vizepräsident Christian Eichenberger, IHK-Präsident Rainer Schwarz und Festredner Hans-Werner Sinn darüber, wie Deutschland aus der wirtschaftlichen Krise und dem Reformstau herausfinden kann.
Dass die Politik in der Pflicht ist, Lösungen zu schaffen – darin waren sich Hans-Werner Sinn, Rainer Schwarz, Christian Eichenberger, Vorstandsvorsitzender der Rent.Group und IHK-Vizepräsident, sowie die Moderatorin des Abends, Lis Blume, in einer anschließenden Diskussion einig.
Wir Mittelständler müssen versuchen, das vorhandene Potenzial zu nutzen. Als eine Möglichkeit sehe ich die Kreislaufwirtschaft, die durch mehrmalige Nutzung hochwertiger Produkte für mehr Wertschöpfung in unseren Unternehmen sorgt.
Christian Eichenberger befürwortete neue Geschäftsmodelle. „Die Kreislaufökonomie bietet viel Potenzial“, hob er hervor. Diese Form des Wirtschaftens könne für mehr Wertschöpfung bei den Unternehmen sorgen.
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Stand: 02.07.2026