4 min
Lesezeit
Wir müssen gut für die Menschen im Unternehmen sorgen
Fehlzeiten, Fachkräftemangel und wirtschaftliche Unsicherheit erhöhen den Druck in vielen Betrieben. Kommunikationstrainer Boris Kimes erklärt, wie Führungskräfte Vertrauen schaffen, Überlastung früher erkennen und Beschäftigte langfristig binden können.
Herr Kimes, 14,6 Tage waren deutsche Arbeitnehmer im vergangenen Jahr krank – 8,1 Tage mehr als 2007. Wie kann man diesem Trend entgegenwirken?
Gelungene soziale Kontakte sind – noch vor Sport – ein wesentlicher Faktor für gesundes Altern und menschliches Wohlbefinden. Umso wichtiger ist es, für einen sozial intakten Alltag im Unternehmen zu sorgen, der den Mitarbeitern psychologische Sicherheit vermittelt. Dazu gehören Anerkennung, Vertrauen und das Gefühl, Probleme offen ansprechen zu können. Zu wenig Vertrauen und übermäßige Kontrolle können dauerhaft Stress erzeugen. Wer sich sicher fühlt und Verantwortung übernehmen kann, bringt sich eher mit eigenen Ideen ein, arbeitet konzentrierter und ist auch in schwierigen Situationen eher bereit, nach Lösungen zu suchen.
Hat der psychische Druck in Unternehmen durch die aktuelle wirtschaftliche Krise aus Ihrer Sicht zugenommen?
Ja, der Abbau von Stellen, wirtschaftliche Unsicherheit und der Fachkräftemangel haben eindeutig zu einem erhöhten psychischen Druck geführt. Das betrifft nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Unternehmer und Führungskräfte. Gerade Führungskräfte auf der mittleren Ebene befinden sich oft in einer schwierigen Position zwischen den Erwartungen der Unternehmensleitung und den Bedürfnissen der Mitarbeiter. Angst verändert nicht nur die Stimmung, sondern ist auch ansteckend. Hier gilt es, rechtzeitig Gegenmittel zu ergreifen. Entscheidend ist, die Mitarbeiter bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen einzubeziehen und ihnen zu vermitteln, dass ihre Erfahrung und ihre Ideen wichtig für die Lösungsfindung sind.
Gute Leute wachsen nicht auf Bäumen, wir müssen für sie sorgen.
Mit welchen Belastungen sehen sich Mitarbeiter besonders häufig konfrontiert?
Oftmals leiden Mitarbeiter unter Überlastung, beispielsweise wenn Kollegen langzeiterkrankt oder in Elternzeit sind und sie deren Aufgaben mitübernehmen müssen. Problematisch wird es, wenn zusätzliche Aufgaben verteilt werden, ohne gleichzeitig zu entscheiden, welche bisherigen Tätigkeiten entfallen könnten. Auch Ungleichbehandlung oder ein schlechtes Verhältnis zur direkten Führungskraft wirken sich negativ aus.
Werden Warnsignale für psychische Überlastung häufig übersehen?
Ja, denn Probleme sind für Außenstehende oftmals nicht eindeutig erkennbar, es sei denn, die betroffene Person spricht sie von sich aus an. Manche Menschen ziehen sich zurück, andere werden gereizter, machen häufiger Fehler oder verlieren die Eigeninitiative. Führungskräfte sollten deshalb Veränderungen im Verhalten wahrnehmen und frühzeitig das Gespräch suchen. Aus diesem Grund halte ich regelmäßige anonyme Befragungen der Mitarbeiter für eine gute Idee. Sie können sichtbar machen, an welchen Stellen im Unternehmen Probleme auftreten. Wichtig ist allerdings, dass die Ergebnisse anschließend ernst genommen und konkrete Maßnahmen daraus abgeleitet werden. Wer seine Belegschaft befragt und danach nichts verändert, riskiert zusätzliche Enttäuschung.
Was kann ein Unternehmen tun, um Mitarbeiter an sich zu binden und Fachkräfte dauerhaft zu sichern?
Mitarbeiter wollen gesehen werden. Ganz wichtig ist es, ihnen Wertschätzung entgegenzubringen, Vertrauen zu schaffen und ein gesundes Betriebsklima zu pflegen. Menschen bleiben dort, wo sie fair behandelt werden. An dieser Stelle möchte ich Friedemann Schulz von Thun zitieren, der gesagt hat: „Ehrlichkeit ohne Taktgefühl ist wertlos und Taktgefühl ohne Ehrlichkeit ist auch wertlos.“ Gute Führung braucht beides: Klarheit und einen respektvollen Umgang.
Wo sehen Sie die Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter?
Mitarbeiter müssen auch für sich selbst sorgen, indem sie ausreichend schlafen, sich gesund ernähren und Zeit für Bewegung und Erholung finden. Darüber hinaus ist ein respektvoller Umgang untereinander sehr wichtig. Das Unternehmen muss Rahmenbedingungen schaffen, unter denen Menschen ihre Arbeit dauerhaft bewältigen können. Gleichzeitig müssen Mitarbeiter ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und Überlastung möglichst frühzeitig ansprechen.
Herr Kimes, Sie sind studierter Sportwissenschaftler. Welche Parallelen sehen Sie zwischen Spitzensportlern sowie Führungskräften?
Ein guter Trainer ist Fan der eigenen Spieler und erkennt ihre Potenziale. Diesem Beispiel sollte auch eine gute Führungskraft folgen. Im Leistungssport ist dauerhafte Leistung nur möglich, wenn Belastung und Regeneration aufeinander abgestimmt werden. Und – um das Beispiel Fußball zu verwenden – ein guter Stürmer ist nicht immer auch ein guter Trainer. Fachliche Leistung allein reicht für eine Führungsaufgabe nicht aus.
Welche Gewohnheiten aus dem Sport lassen sich in den Arbeitsalltag übertragen?
Wichtig ist es, ausreichend zu trinken, das hilft beim Denken und bei der Konzentration. Die Pausen sollten entspannt sein. Ich rate zu einem kleinen Spaziergang, um den Kopf freizubekommen. Konzentration ohne Unterbrechung funktioniert nicht.
Noch ein letzter Tipp für unsere Leserinnen und Leser?
Gute Leute wachsen nicht auf Bäumen, wir müssen für sie sorgen.
Die Fragen stellte Petra A. Zielinski
Kontakt
Petra Zielinski
Stand: 03.09.2026