Wirtschaftsmagazin
Nr. 7039350
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Fit für die Zukunft durch nachhaltiges Wirtschaften

Rüdiger Senft
Rüdiger Senft, Esturion Nachhaltigkeitsberatung in Bad Nauheim © privat
Nachhaltigkeit geht über den bloßen Klimaschutz hinaus. Wie Unternehmen durch geeignete Maßnahmen Kosten einsparen und Risiken minimieren können, verrät Rüdiger Senft von der Esturion Nachhaltigkeitsberatung in Bad Nauheim.
Herr Senft, wie definieren Sie Nachhaltigkeit?
Da Nachhaltigkeit ein politisch stark aufgeladener Begriff ist, spreche ich viel lieber von Zukunftsfähigkeit. Darin sind die drei zentralen Dimensionen der Nachhaltigkeit, nämlich Umwelt, Soziales und Geschäftsführung, enthalten. Oft wird hierfür auch das Kürzel ESG verwendet, das für „Environmental, Social and Governance“ steht.
Also Themen, die die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sichern und gemanagt werden müssen …
Richtig. Es gehören auch Dinge wie der Schutz vor Cyberkriminalität, Schulungen zur Vermeidung von Korruption und eine transparente Berichterstattung gegenüber der Öffentlichkeit dazu.
Wer ist im Mittelstand von Nachhaltigkeitsmaßnahmen betroffen?
Im Prinzip alle Unternehmen, die ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell haben wollen – auch wenn sie formal nicht berichtspflichtig sind. Die EU‑Berichtspflichten wurden für viele Mittelständler zwar entschärft, aber große Kunden, Banken und Fachkräfte erwarten trotzdem, dass Unternehmen das Thema ernst nehmen. Betriebe mit wenigen Mitarbeitern stehen weniger im Fokus, sind aber indirekt über Lieferketten und Finanzierungen betroffen.
Wenn die Berichtspflicht für viele Mittelständler wegfällt – warum sollten sie sich dennoch mit Nachhaltigkeit beschäftigen?
Weil der Bericht nur das Ende der Kette ist. Es geht auch um solche Fragen: Wie nachhaltig ist mein Geschäftsmodell, und welche Risiken können von außen auf mein Unternehmen zukommen? Also: Wo kann ich Kosten sparen, wo drohen Klimarisiken, wo verliere ich Fachkräfte? Der Bericht dokumentiert lediglich den systematischen Umgang mit diesen Themen.
Symbolbild
© Adobe Stock
Was sind die größten Risiken in puncto Nachhaltigkeit im Mittelstand?
Das sind drei große Blöcke: Erstens geht es um Klimarisiken wie Hitzeperioden, Überschwemmungen oder sinkende Grundwasserspiegel. Ein Beispiel: Wie halte ich meine Produktions- oder Bürogebäude bei 40 Grad arbeitsfähig? Was bedeutet Trockenheit für Landwirtschaft, Obstbau oder Getränkehersteller? Zweitens: Lieferketten- und Reputationsrisiken. Kinderarbeit, problematische Rohstoffe oder Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten können zum Risiko werden, wenn große Kunden oder NGOs genauer hinschauen. Drittens: die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells. Passt mein Produkt in fünf bis zehn Jahren noch zur Nachfrage? Stichworte sind hier Energie und Mobilität, der Wertewandel der jungen Generation oder der Wegfall von Bestäubern in der Landwirtschaft.
Wie kann ich da als Unternehmer den Überblick behalten?
Mit einer Wesentlichkeitsanalyse. Man sollte sich genau anschauen, welche Themen strategisch wirklich entscheidend für das Geschäft sind. Wo liegen die größten Risiken und Chancen? Was treibt meine wichtigsten Stakeholder – Banken, Kunden, Mitarbeiter – an? Am Ende bleiben idealerweise drei bis fünf Top-Themen übrig, auf die man sich konzentrieren sollte.
Wie können Mittelständler ganz konkret von mehr Nachhaltigkeit profitieren?
Am häufigsten über drei Effekte: Energie- und Ressourcenkosten senken. Risiken steuern – wie Klimarisiken, IT‑Sicherheit, Lieferketten, Personal. Und schließlich Zugang zu Kapital und Märkten sichern, um bessere Konditionen bei Banken zu erhalten und mehr Chancen bei Ausschreibungen großer Kunden zu haben.
Bleiben wir beim Thema Kosten: Wie funktioniert das bei der Energie?
Ein klassischer Einstieg ist ein Energieaudit, das vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, kurz BAFA genannt, derzeit sogar noch gefördert wird. Man geht systematisch durch den Betrieb, identifiziert die größten Energiefresser und leitet Maßnahmen ab. Beispiele hierfür könnten die Umstellung auf effizientere Antriebe und Maschinen sein, die Einführung eines Energiemanagementsystems, das Lastspitzen vermeidet oder auch das schrittweise Ersetzen der fossilen Energie durch eigene erneuerbare Erzeugung wie Photovoltaik (PV). Solche Maßnahmen sparen oft spürbar Kosten ein – und verbessern gleichzeitig die CO₂‑Bilanz.
Ist das nur für Industrieunternehmen relevant oder auch für Dienstleister und Händler?
Die Industrie hat meist den größten Hebel, weil dort der Energieverbrauch hoch ist. Aber auch Dienstleister und Händler profitieren, besonders wenn sie eigene Immobilien mit PV‑Anlagen auf den Dachflächen oder gut gedämmte beziehungsweise sanierte Gebäude haben – Stichwort: bedarfsgerechte Heizungs- und Lüftungssteuerung. Hier lassen sich laufende Kosten senken und der Wert der Immobilie steigern, was auch für die Bewertungen durch Banken relevant ist.
Apropos Banken: Welche Rolle spielen sie bei der Frage, wie nachhaltig ein Unternehmen wirtschaftet?
Banken müssen künftig stärker berücksichtigen, wie nachhaltig ihre Kreditkunden sind. Das fließt in die Kreditentscheidung und in den Zinssatz ein. Schon heute fragen Sparkassen und Genossenschaftsbanken in ESG‑Fragebögen ab, wie Unternehmen mit Umwelt, Sozialthemen und Governance umgehen. Wer hier schlecht aufgestellt ist, bezahlt in Zukunft voraussichtlich mehr für Kredite oder bekommt sie schwieriger.
Wie wirkt sich Nachhaltigkeit auf die Zusammenarbeit mit großen Kunden aus?
Große Unternehmen bleiben berichtspflichtig und müssen ihre gesamten Wertschöpfungsketten in Klimabilanzen und Nachhaltigkeitsberichten abbilden – inklusive der Lieferanten. Ein Mittelständler, der zum Beispiel einen Automobilkonzern beliefert, muss daher Daten zu CO₂‑Emissionen, Menschenrechten, Arbeitssicherheit und Governance präsentieren. Wer hier keine Antworten hat, läuft Gefahr, durch einen besser aufgestellten Wettbewerber ersetzt zu werden.
Viele Mittelständler schrecken vor umfangreichen Berichten zurück. Gibt es einfachere Formate?
Ja. Für KMU zum Beispiel den neuen VSME‑Standard (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs, Anm. der Redaktion), einen freiwilligen EU‑Berichtsstandard. In der Basisvariante sind es rund 30 Angaben – von Stammdaten über Beschäftigte bis zu ein paar Kernthemen. Der Vorteil ist, dass so die meisten Anfragen von Banken, Großkunden oder Ratingagenturen gebündelt werden können, statt immer neue Fragebögen ausfüllen zu müssen.
Was empfehlen Sie einem mittelständischen Unternehmen zum Einstieg in das Thema Nachhaltigkeit?
Am Beginn steht immer eine kurze Wesentlichkeitsanalyse mit Blick auf Klimarisiken, Energie, Personal und IT‑Sicherheit. Dann gilt es, zwei bis drei Top-Themen auszuwählen und konkrete Maßnahmen mit Verantwortlichkeiten und Zeitplan festzulegen – und dabei gezielt an den größten Hebeln anzusetzen, etwa Energieeffizienz, Fachkräftesicherung und Cyber-Security. Schließlich: den Fortschritt bei der Umsetzung in einem kompakten VSME‑Bericht dokumentieren. Wer so vorgeht, gewinnt Transparenz, reduziert Kosten, wird robuster gegen Krisen und verbessert seine Position bei Banken und Großkunden – ohne das Thema unnötig zu verkomplizieren.
Die Fragen stellte Gabriele Reinartz.
Stand: 02.07.2026