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Die Welt zum vierten Mal zu Gast in Mittelhessen
Am 9. und 10. Juni 2026 war Gießen Schnittstelle zwischen Afrika, Lateinamerika, Nordamerika, Asien und Europa: Auf der vierten internationalen B2B-Konferenz „The World meets in Giessen“ trafen sich Unternehmer, Botschafter, Verbands- und Kammervertreter sowie Wirtschaftsförderer, um Brücken zu bauen und Geschäftsbeziehungen anzubahnen.
Die Konferenz „The World meets in Giessen“ (TWmiG) verfolgte das Ziel, Brücken zwischen Kontinenten zu bauen und eine Plattform für den internationalen Austausch zu schaffen. Oder, wie es der Teilnehmer Calvin Murungi von „East African Pioneers“ formulierte: „Relationship comes before contract.“ Erst wenn man sich kenne und Vertrauen entstanden sei, könnten tragfähige Verträge folgen. Dafür versammelten sich am 9. und 10. Juni 180 Teilnehmer in der Gießener Kongresshalle.
„Mit ‚The World meets in Giessen‘ wollen wir die notwendigen Verbindungen schaffen, eine Plattform bieten und Türen öffnen“, begrüßte Matthias Leder, Hauptgeschäftsführer der IHK Gießen-Friedberg, die Besucher. Er verwies auf zunehmende Unsicherheiten im internationalen Handel. „Daher setzen wir uns für offene Märkte und internationale Zusammenarbeit zum Vorteil der Unternehmen ein.“
Kooperation mit globalem Süden aus strategischer Überzeugung
In der Eröffnungsrede betonte Petra Warnecke, Bereichsleiterin Afrika bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), dass die Zeit des Abwartens vorbei sein müsse. Dynamische Entwicklungen in Afrika, Asien und Lateinamerika schafften neue Industrie- und Innovationszentren.
Deutschland und Europa sind dort bisher oft zu wenig präsent, obwohl diese Märkte bereits heute wachsen.
Sie führte weiter aus: „Hohe Wachstumsraten, die junge Bevölkerungsstruktur und eine schnell wachsende Mittelschicht machen Afrika zu einer der wichtigsten Zukunftsregionen.“ Zudem gewinne Afrika wegen der Debatten und Konflikte um Rohstoffe, Energie und Lieferketten an geopolitischer Bedeutung. Warnecke sprach sich für Kooperationen mit dem globalen Süden aus: „Das reduziert Abhängigkeiten, stärkt die Resilienz und schafft beiderseitigen Wohlstand – nicht als Entwicklungshilfe ‚aus Wohltätigkeit‘, sondern aus strategischer Überzeugung.“
„Less aid, more trade“
Warneckes Vorlage nahmen die afrikanischen Vertreter auf und forderten Deutschland und Europa zum Ausbau der Handelsbeziehungen mit ihrem Kontinent auf. Sie gaben das Motto aus: „less aid, more trade“, sprich: „weniger Hilfe, mehr Handel“. Segun H. Olugbile von der Nigerianischen Vereinigung der Handels-, Industrie-, Bergbau- und Landwirtschaftskammern (NACCIMA) stellte die Wirtschaftsvereinigung der westafrikanischen Staaten ECOWAS vor. 400 Millionen Konsumenten, eine durchschnittlich junge Bevölkerung und das Vorkommen strategisch wichtiger Rohstoffe sprechen aus seiner Sicht für die wachsende Bedeutung der Region.
Claudia Voß, Geschäftsführerin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, macht darauf aufmerksam: „Wir haben es in Afrika nicht mit einem, sondern mit 54 Märkten zu tun.“ Links von ihr: Ruandas Botschafter Igor César.
In der ersten Podiumsdiskussion der Konferenz forderte Igor César, Ruandas Botschafter in Deutschland, die Europäer auf, in Afrika mehr Präsenz zu zeigen: „Come and don’t wait!“ Die Konkurrenz sei groß. Andere Länder wie China seien beispielsweise bereits sehr aktiv. Die Runde, an der auch Vertreter der Türkei, Südkoreas und Hongkongs teilnahmen, machte deutlich, dass das Ausland und insbesondere der globale Süden nicht auf Europa warteten.
Auch Claudia Voß, Geschäftsführerin des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, forderte mehr europäisches Engagement, gab aber auch zu bedenken: „Wir haben es in Afrika nicht mit einem, sondern mit 54 Märkten zu tun.“ Diesen Punkt griff am zweiten Konferenztag Mark Heinzel, Referatsleiter Nord- und Lateinamerika bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), auf. Um sich bei der Europäischen Union mehr Gehör zu verschaffen, riet er den afrikanischen Konferenzteilnehmern: „Tun Sie sich zusammen und sprechen Sie mit einer Stimme.“
Von A wie Auslandsinvestitionen bis Z wie Zertifizierung
An den beiden Vormittagen standen folgende Fokusthemen im Mittelpunkt:
- Erfolgreiche Strategien für direkte Auslandsinvestitionen
- Chancen und Herausforderungen in afrikanischen Märkten – mit den Schwerpunktländern Nigeria und Elfenbeinküste
- Lateinamerika und das Mercosur-Abkommen als strategische Partnerregion für Deutschland und Europa
- Die Rolle von Standards, Zertifizierungen und Visa-Regimen als Wettbewerbsfaktoren
- Die Bedeutung von Bildung, dualer Ausbildung und Fachkräften im globalen Kontext
Auch die gegenwärtige internationale Energiekrise und die Auswirkungen des Iran-Kriegs standen auf dem Programm. Es wurde deutlich, dass die Instabilität der Golfregion Folgen für die ganze Welt hat (siehe dazu das Interview mit Najah Alkutbi von der AHK für Saudi-Arabien, Bahrain und Jemen auf Seite 18).
Moderatorin des Panels „Erfolgreiche Strategien für direkte Auslandsinvestitionen“: Bienvenue Angui.
In einer Videobotschaft bekräftigte Rudolf Scharping, Bundesverteidigungsminister a. D., dass Energie- und Rohstoffkrisen die gesamte globale Wirtschaft beträfen. Er sprach sich dafür aus, die regelbasierte wirtschaftliche Konkurrenz weltweit wieder zu stärken und faire Kooperationen zu fördern.
Nigeria als Tor nach Westafrika
Nigeria nahm in mehreren Formaten eine Schlüsselrolle ein. Im Side-Event „Nigeria – mehr als ein Markt. Wie deutsch-nigerianische Handelsbeziehungen gestärkt werden können“ berichtete Tobias Friedrich von der Soventix GmbH über die Unternehmensstrategie des Solarspezialisten, der große Energielösungen und Solarparks entwickelt: „Afrika ist unser Kernmarkt. Unsere Strategie war, nach Afrika zu gehen.“ Der Markteintritt in Nigeria sei mit einer deutlichen Lernkurve verbunden gewesen. Man habe mit einem europäischen Mitarbeiter sowie einigen nigerianischen Kolleginnen und Kollegen begonnen, einige Zeit benötigt, um die richtigen Partner zu finden, und sei heute auf mehr als 20 Mitarbeiter gewachsen. Nigeria fungiere für das Unternehmen inzwischen als „Tor nach Westafrika“, etwa für Projekte in Sierra Leone. Friedrich empfahl, die Möglichkeiten der AHKs zu nutzen. Es sei wichtig, „von Experten ins Land gebracht zu werden“.
Erneut unter den Teilnehmern: Alhaji Lai Mohammed, ehemaliger Informations- und Kulturminister Nigerias.
Über die Unterstützung kleiner und mittelständischer europäischer Unternehmen bei ihren wirtschaftlichen Tätigkeiten in Afrika und der Welt sprach Patrick Federl vom Import Promotion Desk (IPD). Die Organisation mit Sitz in Berlin wird vom deutschen Entwicklungsministerium gefördert und hat weltweit 21 Partnerländer. Dass Nigeria noch nicht darunter ist, nahmen die nigerianischen Vertreter und Federl zum Anlass, auf eine Kooperation hinzuarbeiten. Die Rolle der Frauen in Nigeria brachte Samirah Saleh vom Nigerianischen Unternehmerinnenverband WCCIMA ein: Vielen Frauen fehle es vor allem an Zugang zu Finanzierung, Sichtbarkeit, digitaler Kompetenz und Wissen über Exportanforderungen. Hier leiste der Verband Aufklärungsarbeit unter den Mitgliedern und knüpfe Partnerschaften für bessere Bedingungen.
Mittelhessen als Innovationsregion
Den Wirtschaftsstandort Mittelhessen stellten Jens Ihle und Christian Piterek vom Regionalmanagement Mittelhessen als zusammenhängenden Wirtschaftsraum über Landkreisgrenzen hinweg vor. Sie verdeutlichten, welche Innovationskraft in der Region steckt – von industrieller Nischenkompetenz bis hin zu Energie- und Umwelttechnologien.
Einblicke in ihre internationalen Aktivitäten gaben die mittelständischen Unternehmen Dittelbach und Kerzler sowie AD Solutions, beide aus Gießen. Dittelbach und Kerzler ist ein familiengeführtes Unternehmen, das robuste Schalter und Schaltgeräte für industrielle Anwendungen entwickelt und produziert. Lara-Kristin Maas, Assistentin der Geschäftsführung, stellte die Bandbreite hochspezialisierter Lösungen vor und betonte mit Blick auf die vielfältigen Spezialanwendungen, die das Unternehmen weltweit liefert: „Special is our normal.“ Bei AD Solutions handelt es sich um ein Beratungsunternehmen mit langjähriger internationaler Erfahrung im Bereich der Biogastechnologie, dessen Portfolio für viele Länder und Regionen Entwicklungspotenziale bietet.
Der nationale Wirtschaftsplan der Elfenbeinküste
Ein weiteres Side-Event widmete sich der Elfenbeinküste (Côte d’Ivoire). Sandrine Tengine stellte den „National Development Plan 2026–2030“ vor, der sieben Industriesektoren und weitere Wachstumsbranchen definiert. Bisher dominierten Kakaoexporte, doch das Land wolle seine Wirtschaftsstruktur breiter aufstellen. Unter anderem sei das Ziel, zum „Pharma-Hub“ in Westafrika zu werden.
Präsidenten unter sich: Faman Touré, Präsident der Handels- und Industriekammer der Elfenbeinküste, im Austausch mit Rainer Schwarz, Präsident der IHK Gießen-Friedberg.
Über das mehr als 700 Millionen Menschen umfassende und damit eines der größten Freihandelsabkommen der Welt „Mercosur“ sprach Mark Heinzel von der DIHK am 10. Juni. Als ausgewiesener Kenner Lateinamerikas gab er Einblicke in Länder wie Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. „Deutschland hat sehr gute Beziehungen zu Lateinamerika und ein strategisches Interesse an Rohstoffen.“ Diese Diversifikation sei besonders wichtig für Europa.
Märkte, Branchen, Best Practices im Fokus
Nachmittags teilte sich die Konferenz in Side-Events, Pitch- und Matching-Sessions und thematische Foren auf. Unternehmen, Verbände und Institutionen aus verschiedenen Regionen und Kontinenten präsentierten sich und ihre Projekte – von Energie und Infrastruktur über Agrar- und Lebensmittelwirtschaft bis hin zu IT und Dienstleistungen. Auch für das Netzwerken blieb genügend Zeit. Am ersten Abend begrüßte IHK-Präsident Rainer Schwarz die Teilnehmer zum Barbecue-Abend.
Am Ende der beiden intensiven Tage zeigte sich Matthias Leder hochzufrieden: Die zahlreichen Gespräche, Panels und Side-Events hätten gezeigt, dass es auf allen Seiten – in Deutschland und in den Partnerländern Afrikas, Lateinamerikas, Nordamerikas und Asiens – große Bereitschaft für Kooperation gebe.
Hochkarätige Podiumsdiskussionen zeichnen die Konferenz „The World meets in Giessen“ aus. Hier moderiert IHK-Hauptgeschäftsführer Matthias Leder (l.) das Panel „Globale Themen – regionale Relevanz: Internationaler Handel unter fairen Wettbewerbsbedingungen“ mit den Teilnehmern (v.l.) Mark Heinzel (DIHK), Leonard Alexander Konrad (GTAI), Botschafter Elias Jaime Zimba (Mosambik), Generalkonsul Yakubu Audu Dadu (Nigeria) und Segun H. Olugbile (NACCIMA).
Den Wert von Konferenzen wie „The World meets in Giessen“ verglich er mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. „KI kann vieles ersetzen, eines jedoch nicht: die persönliche Begegnung und die Leidenschaft der Teilnehmer.“ Leder lud bereits zur fünften TWmiG-Konferenz ein und kündigte an, dass diese im Jahr 2028 stattfinden werde. Dieser längere Vorlauf biete mehr Spielraum für die Planung und soll den internationalen Gästen mehr Zeit für die Visa-Prozesse geben und ihnen so die Teilnahme erleichtern.
Kontakt
Tim Müller
Stand: 02.07.2026