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Die Innenstadt muss attraktiv sein
Jochen Ruths ist Mitinhaber des Modehauses Ruths in Friedberg und Bad Nauheim, Vizepräsident der IHK Gießen-Friedberg sowie Präsident des Handelsverbands Hessen. Im Gespräch erklärt er, warum der stationäre Einzelhandel unter Kaufzurückhaltung und steigenden Kosten leidet – und was Innenstädte jetzt brauchen.
Vizepräsident Jochen Ruths | Bekleidungshaus Peter Ruths OHG, Friedberg (Hessen)
Herr Ruths, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage im Einzelhandel?
Die Lage ist nach wie vor schwierig. Beim privaten Konsum war Deutschland zuletzt im europäischen Vergleich Schlusslicht. Die Menschen halten sich mit Ausgaben zurück. Es trifft besonders den Nicht-Lebensmittelbereich, der bereits seit Längerem kränkelt. Der Lebensmittelhandel hat während der Corona-Krise zunächst noch profitiert, gerade durch seine Randsortimente. Aber auch der Lebensmittel-Einzelhandel ist heute kein Selbstläufer mehr. Neben der deutlichen Kaufzurückhaltung erschweren steigende Energie- und Personalkosten die Lage.
Was kann der stationäre Einzelhandel dem Online-Handel entgegensetzen?
Das Einkaufserlebnis ist unsere Chance. Wenn ich in ein Geschäft gehe, kann ich Menschen treffen, Ware anfassen und mich beraten lassen. Im Textilbereich ist es beispielsweise entscheidend, ob ein Kleidungsstück passt und wie es sich anfühlt. Bei einem Küchenmesser möchte ich wissen, wie es in der Hand liegt. Diese Erfahrung kann der Online-Handel nicht vollständig ersetzen.
Persönliche Beratung und eine kuratierte Auswahl sieht der Präsident des Handelsverbands Hessen
Jochen Ruths als große Vorzüge des stationären Einzelhandels. Hier ein Blick in sein Modehaus in Friedberg.
Jochen Ruths als große Vorzüge des stationären Einzelhandels. Hier ein Blick in sein Modehaus in Friedberg.
Das Internet hat dagegen den Vorteil der ständigen Verfügbarkeit.
Das ist richtig. Gerade am Wochenende wird besonders viel online eingekauft. Gleichzeitig dürfen die Geschäfte sonntags nicht öffnen. Der verkaufsoffene Sonntag kann ein Mittel für mehr Umsatz im stationären Einzelhandel sein. Wir setzen uns daher für eine einfachere Umsetzung ein und fordern hierfür eine pragmatischere Lösung, als es die bisherige Beantragung hergibt. Dafür brauchen wir Rückenwind von der Bundesregierung.
Kann das Erlebnis auch Teil des Einkaufs werden?
Ja, mit Sicherheit. Zum Beispiel kann eine schöne Kaffeebar mit einer guten Siebträgermaschine ein zusätzlicher Anziehungspunkt sein. Das würde auch die lokale Gastronomie nicht beeinträchtigen. Denn zum einen unterscheiden sich die Öffnungszeiten. Zum anderen geht es immer darum, die Stadt insgesamt attraktiv zu machen.
Attraktive Innenstädte fördern auch den lokalen Einzelhandel. Ein Beispiel für die Aufwertung eines Platzes ist die Stadtkirche in Friedberg. Neben einem Tastmodell des Gotteshauses laden Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein.
Was kann Innenstädten denn mehr Frequenz bringen?
Eine Stadt braucht Akteure, die ihre Plätze und Straßen bespielen. Die Innenstadt muss sauber, gepflegt und attraktiv sein. Sie braucht schöne Ecken, Sitzgelegenheiten, Gastronomie und Aufenthaltsqualität. Manchmal machen bereits vergleichsweise kleine Maßnahmen den Unterschied. Seit zum Beispiel in Friedberg auf dem Platz vor der Stadtkirche ein Tastmodell des Gotteshauses steht, wurde dieser Ort massiv aufgewertet.
Wie spüren Einzelhändler den gestiegenen Mindestlohn?
Der hohe Mindestlohn stellt insbesondere Geschäfte im ländlichen Raum vor massive Herausforderungen. Der Handel ist nun mal personalintensiv. Wenn die Kosten steigen, die Umsätze aber nicht entsprechend zulegen, gerät die Wirtschaftlichkeit schnell unter Druck.
Ist die Nähe zum Ballungsraum Frankfurt eher ein Problem oder eine Chance?
Aus meiner Sicht ist sie eher ein Vorteil. Viele Menschen aus der Region fühlen sich von den riesigen Sortimenten großer Frankfurter Einkaufszentren überfordert. Dann kommen sie zu uns, weil sie eine kuratierte Auswahl, persönliche Beratung und Orientierung suchen.
Was stimmt Sie trotz der schwierigen Lage optimistisch?
Die Menschen schätzen beim Einkaufen weiterhin den persönlichen Kontakt und die Beratung. Darauf können wir aufbauen und mit positiver Innenstadtentwicklung dazu beitragen, dass die Städte und Gemeinden in der Region attraktiv für Ausflüge und Einkaufen bleiben.
Die Fragen stellte Tobias Bunk.
Kontakt
Tobias Bunk
Stand: 30.09.2026