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Die Energiewende braucht mehr als gute Ziele
Steigende Strombedarfe, Engpässe beim Netzausbau, neue Anforderungen an Unternehmen und Kommunen: Die Energiepolitik wird in Mittelhessen immer konkreter spürbar. Im Vorfeld des IHK-Energiesymposiums am 20. August in Gießen erläutert Michael Lorsbach, Sprecher des Arbeitskreises „Zukunftsfähige Energiepolitik“, die Herausforderungen und Chancen und warum Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit zusammengedacht werden müssen.
Michael Lorsbach
Herr Lorsbach, warum braucht Mittelhessen gerade jetzt eine Diskussion über eine zukunftsfähige Energiepolitik?
Mittelhessen befindet sich wie ganz Deutschland in einem strukturellen Spannungsfeld: Der Strombedarf steigt – etwa durch die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität. Gleichzeitig melden regionale Netzbetreiber erhebliche Engpässe bei Netzanschlüssen. Das betrifft nicht nur erneuerbare Erzeugungsanlagen, sondern auch Unternehmen, die elektrifizieren oder erweitern wollen, sowie Betreiber von Batteriespeichern oder Rechenzentren. Parallel laufen kommunale Wärmeplanungen, beispielsweise in Gießen und Friedberg. Die Energiewende ist auch in unserer Region längst kein abstraktes Ziel mehr, sondern konkret spürbar – bei Netzanschlüssen, Investitionsentscheidungen und der Wärmeversorgung. Genau deshalb braucht es jetzt eine regionale Debatte. Der IHK-Arbeitskreis „Zukunftsfähige Energiepolitik“ wurde auch gegründet, um die Stimme der Wirtschaft in diese Debatte einzubringen und pragmatische, machbare Lösungen zu fördern.
Im Arbeitskreis betonen Sie die Trias aus Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit. Warum ist es so wichtig, diese drei Ziele zusammenzudenken?
Weil isolierte Zielsetzungen schnell zu Fehlentwicklungen führen. Wer nur die Nachhaltigkeit im Blick hat, riskiert Akzeptanzprobleme und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen. Wer nur auf Versorgungssicherheit und Kosten schaut, bremst oder verhindert notwendige Transformationsschritte. Wir brauchen einen technologieoffenen Mix aus erneuerbaren Energien, Speichertechnologien, steuerbarer Erzeugung und flexiblen Lasten – eingebettet in einen verlässlichen Planungsrahmen. Nur so entstehen Lösungen, die ökologisch wirksam, technisch machbar und wirtschaftlich tragfähig sind – genau das, was die regionale Wirtschaft für ihre Investitionsentscheidungen braucht.
Viele Unternehmen erleben die Energiewende vor allem als Kosten- und Unsicherheitsfaktor. Wo sehen Sie trotzdem konkrete Chancen für die mittelhessische Wirtschaft?
Es gibt durchaus Chancen. Unternehmen können durch eigene Erzeugung, etwa Photovoltaik, Speicher und Lastflexibilisierung, Energiekosten langfristig senken und unabhängiger von Preisschwankungen werden. Außerdem entstehen neue Geschäftsfelder, zum Beispiel in Energieeffizienz, Flexibilitätsvermarktung, dezentralen Lösungen oder Wärmenetzen. Hinzu kommt die starke Hochschul- und Innovationslandschaft in Mittelhessen, die neue Entwicklungen fördert. Wichtig ist aus meiner Sicht auch, technologieoffen zu bleiben und künftige Lösungen nicht vorschnell auszuschließen.
Ein Schwerpunkt des Symposiums ist der Stromnetzausbau. Warum ist er für Mittelhessen so entscheidend – und was bedeutet das ganz praktisch für Unternehmen und Kommunen?
Der Netzausbau oder besser gesagt die Netzertüchtigung ist derzeit eine der größten Herausforderungen der Energiewende – auch in unserer Region. Deutlich wird dies am Rückstau bei Anschlussgesuchen und am noch nicht flächendeckenden Roll-out intelligenter Messsysteme (Smart Meter), die eine wichtige Voraussetzung für eine intelligente Laststeuerung sind. Gerade Flexibilisierung und Speichertechnologien spielen hier eine wichtige Rolle. Durch intelligente Laststeuerung und den Einsatz von Speichern lassen sich Lastspitzen reduzieren und der notwendige Netzausbau in Teilen entlasten. Für Unternehmen und Kommunen bedeutet der aktuelle Zustand lange Wartezeiten bei neuen Anschlüssen, Unsicherheit bei Investitionen und vermeidbare höhere Netzentgelte. Deshalb brauchen wir nicht nur mehr Tempo beim Netzausbau und der Netzertüchtigung, sondern auch bessere Planungsverfahren, die Flexibilität und Speicher von Anfang an mitdenken, sowie eine engere Abstimmung zwischen Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern.
Ein weiterer Fokus liegt auf Flexibilität und Speicherlösungen. Was können Unternehmen heute schon tun, um ihre Energieversorgung wirtschaftlicher und resilienter aufzustellen?
Speicherlösungen spielen auf unterschiedlichen Ebenen des Energiesystems eine Rolle: angefangen bei großen Anlagen im Übertragungs- und Verteilnetz bis hin zu dezentralen Speichern auf Verbraucherebene bei Unternehmen und Haushalten. Unternehmen können schon heute mehrere Hebel nutzen: PV-Anlagen mit Batteriespeichern, flexible Tarife, Demand-Response-Programme oder Wärmepumpen in Verbindung mit thermischen Speichern. Allerdings gibt es auch Grenzen. Viele industrielle Prozesse lassen sich nicht beliebig verschieben, ohne Qualitäts- oder Produktionsverluste zu riskieren. Auch arbeitsrechtliche Vorgaben setzen klare Rahmen. Realistisch ist Flexibilisierung vor allem dort, wo Puffer vorhanden sind – etwa Kältespeicher, Zwischenlager oder steuerbare Verbraucher. Wichtig ist daher eine ehrliche Einschätzung der eigenen Potenziale.
Am 20. August findet das IHK-Energiesymposium in Gießen statt. Was können Besucherinnen und Besucher konkret mitnehmen – und für wen lohnt sich die Teilnahme besonders?
Das Symposium bietet einen kompakten Überblick über die aktuellen Herausforderungen und Lösungsansätze in der Region: vom Netzausbau über die Flexibilisierung bis hin zu Speichertechnologien. Zugleich gibt es die Möglichkeit zum direkten Austausch mit Experten, Kommunalvertretern und anderen Unternehmen. Besonders lohnt sich die Teilnahme für Entscheidungsträger in Unternehmen, für kommunale Vertreter und für alle, die in der Region Verantwortung für Energie- und Investitionsfragen tragen. Wer konkrete Handlungsoptionen für die nächsten Jahre sucht und die Stimme der Wirtschaft in die politische Debatte einbringen möchte, ist hier genau richtig.
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Andrea Bette
Stand: 02.07.2026