Wirtschaftsmagazin
Nr. 7067380
4 min Lesezeit

Wie zwei Unternehmen aus Grebenau internationale Talente ausbilden

In Zeiten eines steigenden Fachkräftemangels setzen immer mehr Unternehmen auf internationale Talente. Die Schreiner Gruppe aus Grebenau ist ein gutes Beispiel dafür, wie die gezielte Rekrutierung ausländischer Fachkräfte nicht nur personelle Engpässe löst, sondern auch die kulturelle Vielfalt fördert.
Am 1. August 2025 haben vier junge Männer aus Vietnam ihre Ausbildung bei der Schreiner Gruppe in Grebenau begonnen. Damit betraten die im Vogelsberg ansässigen Betriebe Grebenauer Metallbau Schreiner GmbH (GMS) und Pulverbeschichtung Schreiner GmbH & Co. KG (PBS) in ihrer Unternehmensgruppe absolutes Neuland.
Was als Pilotprojekt begann, hat sich inzwischen zu einem Beispiel dafür entwickelt, wie Integration im betrieblichen Alltag gelingen kann
freut sich Geschäftsführer Sven Schreiner, der bei GMS unter anderem auch für das Personalwesen verantwortlich ist.
Der Kontakt zu den Bewerbern ist über eine Vermittlungsagentur entstanden, die ihren Sitz in Vietnam hat, aber auch in der deutschen Kultur zu Hause ist. Einem strukturierten Auswahlprozess folgte eine Kennenlernphase, in der beide Seiten die Möglichkeit erhielten, sich ein Bild voneinander zu machen. „Bereits vor der Ankunft wurden zentrale Weichen gestellt“, erinnert sich Prokurist Thomas Bramm, der selbst seine Ausbildung bei GMS absolviert hat. So kümmerten sich die Unternehmen in enger Zusammenarbeit mit der Agentur nicht nur um die Organisation der Einreise sowie um die persönliche Abholung am Flughafen, sondern auch um die Unterkunft in Zweier-WGs in der direkten Umgebung von PBS und GMS.

Sprache als größte Hürde

„Mit der Ankunft begann erst die eigentliche Integration“, unterstreicht Sven Schreiner. Dabei seien die ersten Monate von einem deutlich höheren Betreuungsaufwand als bei regulären Azubis geprägt gewesen. Es galt für die Neuankömmlinge, sprachliche Hürden zu überwinden und vor allem Fachbegriffe zu erlernen. Unterstützung erhalten die jungen Männer während ihrer kompletten Ausbildungszeit durch Deutschkurse des Programms „Wirtschaft integriert“ – eines Projekts des Hessischen Wirtschaftsministeriums, das aktuell vom Land Hessen, den Agenturen für Arbeit sowie den Jobcentern finanziert wird. Mittlerweile sprechen und verstehen Tin, Nhan, Doan und Cuong sehr gut Deutsch. „Die vier sind motiviert, wissbegierig und höflich“, lobt der Geschäftsführer.
4 Jungs in Werkhalle zeigen Daumen hoch
Haben sich gut eingelebt (v.l.): Doan, Nhan, Tin und Cuong. © Petra A. Zielinski
Auch von ihren Kolleginnen und Kollegen in beiden Betrieben wurden die Vietnamesen durchweg positiv aufgenommen. „Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben bei Behördengängen, organisatorischen Fragen und vielem mehr auch außerhalb ihrer Dienstzeit gern geholfen“, fasst Thomas Bramm zusammen. Durch gezielte Maßnahmen sei dieser Prozess von den Unternehmen gefördert worden: Begrüßungstage, Azubi-Events sowie die gemeinsame Teilnahme an Ausbildungs- und Berufsmessen hätten zum gegenseitigen Verständnis beigetragen. Mittlerweile repräsentierten die vier Vietnamesen nicht nur ihr Unternehmen auf Veranstaltungen, sondern beteiligten sich auch aktiv an der Ansprache neuer Nachwuchskräfte.

Nach der Ausbildung hierbleiben

Nach einer Eingewöhnungsphase sind alle vier gut angekommen und voll des Lobes für Arbeitgeber, Kollegen und Umgebung. Einzig an die kalten deutschen Wintertage mussten sie sich erst noch gewöhnen. Während Tin und Nhan bei GMS den Beruf des Metallbauers Fachrichtung Konstruktionstechnik erlernen, absolvieren Doan und Cuong eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik und damit einen IHK-Beruf bei der PBS auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Mir gefällt sehr gut, dass ich in alle Abteilungen reinschauen kann. Ich habe viele nette Kollegen, die mir auch gern etwas zeigen“, freut sich Tin, der bereits in Taiwan erste Erfahrungen im Metallbau sammeln konnte. Und auch die deutsche Sprache war nicht ganz neu für ihn: „Meine Freundin hat bereits vor mir ihre Ausbildung zur Gastronomiefachfrau in Bayern begonnen“, erzählt er. „Am Anfang hatte ich etwas Angst“, gesteht Nhan. „Aber durch die gute Betreuung konnte ich meinen Stress schnell abbauen.“ Nach Abschluss seiner Ausbildung möchte er bleiben und wenn möglich seinen Meister machen.
Zwei Arbeiter arbeiten mit Metall
Doan (l.) und Cuong zeigen, was sie schon alles gelernt haben. © Petra A. Zielinski
Probleme damit, im Ausland zu arbeiten, hat Doan nicht. „Ich war zuvor in China und Taiwan tätig“, erzählt er. Während er dort Autos manuell lackiert habe, sei er stolz, nun eine Lackieranlage bedienen zu dürfen. „Meine Kollegen sind lustig, mir macht die Arbeit Spaß.“ Auch Cuong ist zufrieden:
Wenn ich Fragen habe, helfen mir die Kollegen, und in der Schule haken die Lehrer immer nach, ob ich alles verstanden habe. Wenn nicht, wird der Stoff einfach wiederholt.
Und während er mit dem Wetter noch fremdelt, hat er sich mit der deutschen Küche gut arrangiert.
„Das Pilotprojekt macht deutlich, dass Integration kein Selbstläufer ist, aber mit dem richtigen Ansatz gelingen kann“, fasst Sven Schreiner zusammen. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass es schwieriger ist, bereits ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland zu akquirieren, als Azubis zu gewinnen.
Die Schreiner Gruppe

Die Schreiner Gruppe ist ein Familienbetrieb, der sich aus der Grebenauer Metallbau Schreiner GmbH (GMS) und der Pulverbeschichtung Schreiner GmbH & Co. KG (PBS) zusammensetzt. Während GMS in den Bereichen Metallverarbeitung, Fertigungstechnologien und Fassadenbaulösungen tätig ist, ist PBS Dienstleister in der Pulverbeschichtung von Aluminium- und Stahlbauteilen. Aktuell zählt GMS 110 Mitarbeiter und PBS rund 150 Mitarbeiter, darunter zehn Auszubildende. Um auf sich aufmerksam zu machen, sind GMS und PBS regelmäßig auf Ausbildungsmessen vertreten und bieten Schülerpraktika an.

IHK-Willkommenslotsin

Unterstützung bei der Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland gibt Katja Kotlenga, die seit September 2024 als Willkommenslotsin bei der IHK Gießen-Friedberg tätig ist: Katja Kotlenga
Stand: 02.07.2026