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Mit Anpassungsqualifizierung internationale Fachkräfte gewinnen
Aymane Echchouk kam 2025 aus Marokko in den Vogelsberg, um bei der Kleintges Elektrogerätebau GmbH in Kirtorf zu arbeiten. Eine betriebliche Anpassungsqualifizierung führte zur vollen Gleichwertigkeit seines ausländischen Berufsabschlusses. Das Beispiel zeigt, wie Fachkräfteeinwanderung gelingen kann.
Als Aymane Echchouk seine Bewerbung an die Kleintges Elektrogerätebau GmbH schickte, saß er noch in Marokko. Die ausgeschriebene Stelle habe er online bei der Bundesagentur für Arbeit entdeckt, erzählt er. „Die Zeugnisse und Nachweise waren vollständig, ordentlich und bereits übersetzt“, erinnert sich Ute Kutscher, Assistentin der Geschäftsleitung und für Personalthemen zuständig. Damit habe sich seine Bewerbung deutlich abgehoben von den denen, die sie bis dahin aus Deutschland für die ausgeschriebene Stelle erhalten hatte. Nach einem Video-Vorstellungsgespräch seien sie und Manuel Jordan, Einkaufsleiter bei Kleintges, überzeugt gewesen, den Weg gemeinsam mit Echchouk zu gehen – obwohl das Unternehmen mit der Anstellung einer Fachkraft aus dem Ausland noch keinerlei Erfahrung hatte.
Hunderte Bewerbungen bis zum Ziel
Für Ute Kutscher (l.) und Manuel Jordan (r.) ist die Einstellung des Marokkaners Aymane Echchouk ein echter Gewinn.
Für Echchouk war die Zusage das Ergebnis eines langen Weges: „Rund zwei Jahre habe ich in das Ziel investiert, in Deutschland zu arbeiten. Ich habe meinen Job in Marokko gekündigt, um intensiv Deutsch lernen zu können.“ Hunderte Bewerbungen habe er geschrieben und sogar 16 Vorstellungsgespräche geführt. Doch die Unternehmen hätten am Ende doch abgelehnt, weil ihnen das Verfahren zu aufwendig erschienen sei oder sie nicht gewusst hätten, wie es funktioniere, berichtet er. Er hingegen habe sich ganz bewusst für Deutschland entschieden: „Hier gibt es eine klare Möglichkeit, Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen – und gute berufliche Perspektiven.“ Die größte Herausforderung sei für ihn nicht die Bürokratie gewesen, sondern – bis heute – die Sprache, obwohl er bereits vor der Einreise das Niveau B1 erreicht habe.
Echchouks Hartnäckigkeit habe auch seinen jetzigen Arbeitgeber beeindruckt, sagt Kutscher: „Aymane war sehr engagiert. Man hat gemerkt: Er will das wirklich.“ Zudem hätten seine Berufserfahrung und seine Kenntnisse digitaler Warenwirtschaftssysteme zur ausgeschriebenen Stelle gepasst, ergänzt Jordan.
Bis zur Einreise braucht es Geduld
Nach der Zusage begann die organisatorische Arbeit. Diese sei für das Unternehmen neu und kompliziert, aber trotzdem machbar gewesen, berichtet Kutscher. Über die zuständige Ausländerbehörde habe der Betrieb das beschleunigte Fachkräfteverfahren angestoßen. Denn: Durch eine Erklärung zum Beschäftigungsverhältnis kann das Einreise- und Anerkennungsverfahren deutlich verkürzt werden. Dennoch brauchten beide Seiten Geduld: Der ursprünglich vorgesehene Arbeitsbeginn musste wegen des Visums mehrfach verschoben werden.
Hinzu kamen weitere Hürden: Ohne Visum ließ sich von Marokko aus zum Beispiel keine Wohnung finden, ohne Wohnung wiederum fehlte die Meldeadresse. Glücklicherweise konnte Echchouk zunächst bei einem Freund in Alsfeld wohnen. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung. Die notwendigen Behördengänge meisterte er gemeinsam mit Kutscher. „Am Anfang war ich schon etwas ängstlich“, räumt Kutscher ein. Schließlich sei ein Mensch extra für diese Stelle aus Marokko nach Deutschland gekommen. „Und was passiert, wenn es nicht funktioniert?“ Heute fällt ihre Bilanz eindeutig aus:
Im Nachhinein haben wir alles richtig gemacht.
Vorkenntnisse anerkannt
Die Arbeit im Lager kennt Aymane Echchouk bereits aus seinem Heimatland und war für ihn keine große Umgewöhnung.
Die IHK FOSA (Foreign Skills Approval) prüfte Echchouks marokkanischen Berufsabschluss. Das Ergebnis war eine teilweise Gleichwertigkeit mit dem deutschen Referenzberuf Kaufmann für Groß- und Außenhandelsmanagement. Auch seine Berufspraxis wurde anerkannt. Nachzuholen waren lediglich Kenntnisse im Außenhandel, die in seiner zweijährigen Ausbildung in Marokko nicht ausreichend abgedeckt worden waren.
Andreas Mertenbacher, Referent für Fachkräftegewinnung aus dem Ausland bei der IHK Gießen-Friedberg, erstellte einen individuellen Anpassungsqualifizierungsplan, den die Kleintges Elektrogerätebau GmbH im Betrieb umsetzte. Kutscher, Jordan und Echchouk reservierten regelmäßig den Freitagnachmittag zum gemeinsamen Lernen. Sie besorgten Fachbücher, arbeiteten die Themen durch und übertrugen die Theorie auf reale Geschäftsvorgänge.
Auf dem Programm standen unter anderem Incoterms, internationale Zahlungsbedingungen sowie See- und Luftfracht. Echchouk begleitete reale Aufträge nach Brasilien und China, schaute Kolleginnen und Kollegen im Vertrieb über die Schulter und lernte, welche Angaben geprüft und welche Dokumente benötigt werden. „Wir haben uns den Plan genau vorgenommen und die Inhalte durchgearbeitet, die ihm noch fehlten“, erklärt Kutscher. Dabei habe nicht nur Echchouk Neues gelernt: „An der ein oder anderen Stelle sind auch wir schlauer geworden“, lacht Kutscher.
Nach dem Abschluss der Qualifizierung bestätigte das Unternehmen die vermittelten Inhalte. Auf dieser Grundlage stellte Echchouk bei der IHK FOSA den Folgeantrag – wenige Wochen später wurde die volle Gleichwertigkeit seines Berufsabschlusses bescheinigt, mit der er nun eine vollständig anerkannte Fachkraft in Deutschland ist. Eine Prüfung war dafür nicht notwendig.
Fachlich schnell angekommen
Im Arbeitsalltag fand sich Echchouk rasch zurecht. Er hatte bereits bei einem internationalen Unternehmen in Marokko im Lager gearbeitet. „Meine Aufgaben waren für mich kein Problem. Die schwierigste Sache war die Sprache“, sagt er, obwohl ihm Kutscher und Jordan bereits eine sehr gute Sprachkompetenz bestätigen.
Im Team sei er gut angekommen, berichtet Jordan: „Er ist freundlich, hilft und hat sich sehr gut in den Betrieb eingefügt.“ Laut Jordan bereiten auch kulturelle oder religiöse Unterschiede keine Schwierigkeiten. Seine Gebetszeit könne Echchouk beispielsweise in die reguläre Mittagspause legen – pragmatisch und ohne großes Aufheben.
Außerhalb des Betriebs sei das Ankommen mitunter schwieriger, gesteht Echchouk. Er vermisse seine Familie und empfinde das Alleinleben als Herausforderung. Alsfeld erinnere ihn zwar an seine marokkanische Heimatstadt – neue Kontakte zu knüpfen brauche jedoch Zeit.
Keine Angst vor der Bürokratie haben
Anderen Unternehmen rät Kutscher, zunächst genau hinzuschauen: Passen Qualifikation, Motivation und Sprachkenntnisse zur Stelle? Ein Videogespräch könne dabei einen guten Eindruck vermitteln. Stehe die Entscheidung fest, sollten Betriebe sich nicht von den Verfahren abschrecken lassen und realistisch planen. Rund ein halbes Jahr Vorlauf könne selbst bei einem beschleunigten Verfahren erforderlich sein.
Vor allem sollten Verantwortliche frühzeitig Unterstützung suchen.
Man darf keinen falschen Stolz haben, sondern muss einfach fragen.
sagt Kutscher. Auch wenn mehrere Behörden und Stellen beteiligt seien, komme man Schritt für Schritt durch das Verfahren.
Für die Anpassungsqualifizierung erwiesen sich feste Lernzeiten, ein konkreter Plan und reale betriebliche Aufgaben als Erfolgsfaktoren. Das Engagement zahle sich aus, sind sich Jordan und Kutscher einig: „Das Unternehmen hat nicht nur eine qualifizierte und motivierte Fachkraft gewonnen, sondern auch Erfahrungen für künftige Einstellungen gesammelt.“ Kutschers Rat fällt deshalb knapp aus: „Wenn man denkt: Jawohl, das passt – dann sollte man es in Angriff nehmen. Wir würden den Weg jederzeit wieder gehen.“
Kontakt
Andreas Mertenbacher
Stand: 03.09.2026