Energiewende mit Fallstricken

Nur ein nachhaltiger Energieverbund kann die Versorgung sichern. Auf der IHK-Veranstaltung „Energie von morgen: Ist die Grundlastfähigkeit gesichert“ zeigte sich, dass das System für die Stromversorgung der Zukunft effizient und technisch ausgeklügelt sein muss.
Weder Wasser noch Wind noch Sonne werden auf mittlere Sicht so viel Energie erzeugen können, dass es nicht zu Engpässen in der Stromversorgung kommen könnte. Und auch wenn die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien mit einer Abkehr von fossilen Energieträgern alternativlos ist, wird der Weg noch längere Zeit immense Anstrengungen und Investitionen erfordern. Dies gilt nicht nur auf politischer, technologischer und wirtschaftlicher Ebene, auch die Bevölkerung ist gefordert. Nur auf lange Sicht könnten technologische Lösungen und ein richtig justierter Mix an erneuerbaren und weiteren Energien die Energieversorgung nachhaltig sichern. In diesen Punkten waren sich die Referenten am Dienstag auf der Veranstaltung „Energie von morgen: Ist die Grundlastfähigkeit gesichert?“ in der Gießener Geschäftsstelle der IHK weitgehend einig. Die IHK hat in ihrem 150-jährigen Jubiläumsjahr in einer zweiteiligen Veranstaltungsreihe Themen der Energiewende aufgegriffen. Mit rund 80 Teilnehmern stieß das Thema auf großes Interesse in der Unternehmerschaft. Moderator war Carsten Jens, Chef vom Dienst beim Hessischen Rundfunk.
IHK-Präsident Rainer Schwarz warnte, dass Strom aus Windkraft und Sonnenenergie aufgrund großer Schwankungen nicht verlässlich für die Bedarfsabdeckung sei. Weiterhin könne Strom nicht langfristig und in großen Mengen gespeichert werden. „In naher Zukunft soll die Transformation der Energieerzeugung vollzogen sein – weg von den fossilen Energieträgern, weg von der Atomkraft und hin zu den erneuerbaren Energien. An der Abhängigkeit der Wirtschaftstätigkeit vom Strom wird sich mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nichts ändern“, erläuterte Schwarz. Aber es ändere sich zurzeit vieles an der Verfügbarkeit und daran, ob eine gesicherte Leistung weiterhin gewährleistet sei. 
Fünf Männer auf Stühlen mit Mikrofonen

Stromausfall, ja oder nein?

Für Unternehmer war daher auch die entscheidende Frage des Abends: Kommt es zu Einschränkungen in der Energieversorgung, sodass Produktionsausfälle drohen? Dr.-Ing Harald Schwarz, Professor an der Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg, zeigte sich von einer reibungslosen Versorgung nicht überzeugt: „Es weiß keiner, ob wir ohne Blackouts durch den kommenden Winter kommen, die Wahrscheinlichkeit für Ausfälle in der Stromversorgung ist zwar nach wie vor gering, die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen aber, dass die Risiken für zumindest regionale Versorgungsunterbrechungen gestiegen sind.“ Während die hierzulande inzwischen komplett gefüllten Gasspeicher reichten, um Deutschland für einige Monate zu versorgen, reiche der Vorrat an Energie in den Speichern im deutschen Stromnetz nur 30 bis 60 Minuten.
Die erneuerbaren Energien leisteten mittlerweile einen substanziellen Beitrag zur Gesamtenergieversorgung, der Ausbau sei in den vergangenen 20 Jahren kräftig vorangekommen. Im Jahr 2021 wurden 41 Prozent der Elektroenergie aus Erneuerbaren gewonnen. Doch erneuerbare Energie sei volatil, daher werde Energie bei Versorgungslücken importiert. „Wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht, kaufen wir Strom aus Kohle und Kernkraft aus dem Ausland“, erklärte der Wissenschaftler. Hinzu komme jedoch, dass das europäische Verbundnetz für die jeweils nationalen Bedürfnisse optimiert wurde und die grenzüberschreitenden Leitungen als Notfallversorgung geplant war, wenn ein grenznahes großes Kraftwerk ausfällt und der jeweilige Nachbar helfen muss. 
Hier sieht Harald Schwarz die Gefahr von großflächigen Stromausfällen. „Natürlich kann und soll das Verbundnetz auch zum Energiehandel genutzt werden, aber eben nur in dem Umfang, wie es mal gebaut wurde. Eine Versorgung ganzer Nationen zu wesentlichen Teilen aus dem Ausland ist derzeit und auf längere Sicht ausgeschlossen, wie man an dem Zusammenbruch des Netzes im Januar 2021 sehen konnte, als Deutschland, Frankreich und Spanien große Energiemengen in Bulgarien und Rumänien gekauft haben und quer durch Europa transportieren wollten.“

Gasversorgung weiterhin sichern

Für Dr. Peter Birkner, Professor und Geschäftsführer des House of Energy in Kassel, zeichnet sich als Folge der aktuellen Gaskrise keine verschärfte Engpasssituation im Stromnetz ab. Die Außerbetriebnahme von steuerbaren Kraftwerken in Süddeutschland und die Verzögerungen im Bau der Gleichstromtrassen stellten jedoch unverändert eine Herausforderung für die Übertragungsnetzbetreiber dar. „Ich erwarte weder einen Blackout noch einen Brownout, also die Vorstufe eines flächendeckenden Stromausfalls.“ Wichtig sei es aber an der Sicherung der Gasversorgung für den Winter 2023/24 zu arbeiten. Lieferte Russland 2022 immer noch signifikante Gasmengen – rund 300 Terrawattstunden – nach Deutschland, so würden diese 2023 wegfallen. Deutschland benötige eine Strategie, um die jetzt vollen Speicher 2023 erneut zu füllen und so sicher durch den Winter 2023/24 zu kommen.
Die aktuellen Ereignisse seien klar von der langfristigen Transformation des Energiesystems zu trennen. Mit Blick auf die künftig dominierenden regenerativen Energiequellen sei die verfügbare Menge an erneuerbarer Energie nicht der begrenzende Faktor. Das Angebot übersteige den Weltenergiebedarf um Größenordnungen. Die technische Herausforderung liege in der Qualität der Energie: eine geringe Energiedichte sowie volatile, intermittierende Leistungsbereitstellung bei geringer Gesamtverfügbarkeit. „Wir müssen eine hohe Erzeugungsleistung aufbauen und die Erzeugung stabilisieren, lautet der Umkehrschluss.“

Zu hohe Preise führen zu Deindustrialisierung

Dass die Zeit drängt, um die Ziele der Energiewende, also die Begrenzung der Erwärmung des globalen Klimas auf 1,5 oder 2,0 Grad Celsius, noch zu erreichen, blieb unstrittig an dem Abend. „Ist das denn überhaupt noch zu schaffen?“, fragte Moderator Carsten Jens. Die Zeitpläne und die Probleme würden immer drängender. „Ich habe bereits etwas von meinem Optimismus eingebüßt“, räumte Birkner ein, aber noch sei es möglich, bei konzertiertem und entschlossenem Handeln das Ziel zu erreichen. In Deutschland seien hier vor allem die Genehmigungsverfahren zu verschlanken und zu beschleunigen. Global basiere die Energieversorgung immer noch zu rund 87 Prozent auf der Nutzung fossiler Energien. „Hier ist ein dickes Brett schnell zu bohren.“ Dr. Justus Brans, Referent beim Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, ergänzte, dass viele Projekte durch gerichtliche Klagen verzögert würden, beispielsweise beim Bau von Windrädern. 2023 solle es daher einen eigenen Senat für Gerichte für die Beschleunigung solcher Verfahren geben. 
Deutschland ist allerdings in der Verursacherskala auf den hinteren Plätzen. „Der deutsche Anteil an den globalen CO2-Emissionen liegt bei rund 2 bis 2,5 Prozent. Das heißt, selbst wenn wir Deutschland als Industrienation abschaffen würden, hätte dies keinen Einfluss auf den Klimawandel“, so die Bilanz von Harald Schwarz. Seitens der Industrienationen würden zuverlässige, nachhaltige, bezahlbare und damit exportierbare Technologien gebraucht, die den auch künftig weiter steigenden globalen Energie-Hunger mit deutlich geringeren CO2-Emissionen befriedigen würden. 
Wenn Energie nicht bezahlbar bleiben würde, drohe eine Deindustrialisierung in Deutschland. Eine Stromerzeugung ausschließlich aus Sonne und Wind würde niemals zu einer sicheren Stromversorgung führen. Das erforderliche Back-Up System könne nach dem Jahr 2050 über Wasserstoff erfolgen. Bis dahin müssten die hiesigen Kohle- und Gaskraftwerke weiterlaufen und mit CO2-Abscheidung nachgerüstet werden. Bis dies wiederum aufgebaut sei, sollten die noch verfügbaren und auch die in 2021 abgeschalteten Kernkraftwerke möglichst bis 2030 weiter betrieben werden.

Drei Handlungsstränge für die Zukunft

Das Energiesystem der Zukunft entstehe durch die Verfolgung von drei wesentlichen Handlungssträngen, legte Peter Birkner dar: die Errichtung erneuerbarer Energiequellen (inklusive Transport, Verteilung und Stabilisierung), die Reduktion des Endenergiebedarfs sowie die dauerhafte natürliche oder technische Bindung von Klimagasen. „Wir brauchen einen Mix aus vielen verfügbaren Lösungen und es wird national unterschiedliche Umsetzungen geben.“ Ein wesentlicher Lichtblick sei, dass Strom sehr effizient in Nutzenergie umgewandelt werden könne. Es werde künftig deutlich mehr Strom benötigt, jedoch könnten dadurch gegenüber heute rund 40 Prozent des Endenergiebedarfs eingespart werden. Allerdings könne nicht alles elektrifiziert werden. Auch andere Energieträger wie Wasserstoff würden gebraucht. Manchmal sei Effektivität wichtiger als Effizienz.
Dass es auf dem Weg zu einer durchgreifenden Energiewende aber noch viele Fallstricke gibt und vor allem die Zeit davonläuft, war eine Erkenntnis des Abends. „Wir haben uns mit dem Ausstieg aus Kohle und Kernkraft entschieden, aus großer Höhe aus dem Flugzeug zu springen, haben etwas Material und viele gute Ideen dabei und diskutieren intensiv, wie wir den Fallschirm nähen und beruhigen uns mit dem Satz „bislang ging ja alles gut“, fasste Harald Schwarz zusammen. 
BU 1: IHK-Präsident Rainer Schwarz, Dr. Justus Brans, Hessisches Wirtschaftsministerium, Carsten Jens, Hessischer Rundfunk, Prof. Harald Schwarz, BTU Cottbus, Prof. Peter Birkner, House of Energy (von links)
Foto: Andreas Mertenbacher/IHK
Herausgegeben am 18. November 2022
Pressemeldung Nr. 75
Verantwortlich für den Inhalt: Doris Hülsbömer, Tel. 06031 / 609-1100
Pressestelle: Doris Hülsbömer, Tel. 06031 / 609-1100
Stand: 27.01.2023