Christian Uhle

Der Berliner Philosoph beleuchtet den Wandel in der Arbeitswelt und New Work aus philosophischer Perspektive und widment sich Grundsatzfragen, wie der Wandel besser gelingen kann. Hier lesen ein das Interview, welches wir in Vorbereitung seines Vortrags auf dem Fuldaer Wirtschaftstag mit ihm geführt haben:

Herr Uhle, was bedeutet New Work für Sie?

Arbeitswelten verändern sich derzeit mit hoher Geschwindigkeit. Der intensive Ausbau von Home-Office während der Corona-Krise ist ein weiterer Baustein auf diesem Weg. Die Entwicklung ist aber noch lange nicht zu Ende. Neue Technologien und veränderte Unternehmenskulturen bilden im Zusammenspiel einen tiefgreifenden Wandel. New Work ist in diesem Zusammenhang nicht einfach nur ein Oberbegriff für vielfältige Entwicklungen. Sondern es bringt einen handfesten Paradigmenwechsel auf den Punkt. Die Rolle von Arbeit verändert sich – für den Einzelnen, in Unternehmen und in der Gesellschaft.

Was wird sich ändern?

Die ganz konkreten Auswirkungen sind je nach Unternehmen und Bereich unterschiedlich. Aber es lassen sich grundsätzliche Linien erkennen: Das Wertesystem von Arbeit verändert sich. New Work ist wesentlich mit den Versprechen verbunden, selbstbestimmter zu arbeiten, sich zu verwirklichen und das eigene Tun als sinnvoll zu erfahren. Es ist das Versprechen, kein anonymes Zahnrad, kein Ding mehr zu sein, sondern sich als Person einzubringen.

In welchem Zusammenhang steht das zur Digitalisierung?

Die Digitalisierung wirkt wie ein Katalysator für diesen Wertewandel. Denn mit neuen Technologien verändern sich auch Wertschöpfungsketten. Das wiederum hat Auswirkungen auf Stellenprofile und Arbeitskulturen. Bei den Start-Ups, die derzeit rasant aus dem Boden sprießen, wird das ja sehr deutlich. Ihre Geschäftsmodelle und ihre Arbeitsweisen wären ohne Digitalisierung meist nicht denkbar. Und genau hier ist der Kulturwandel auch besonders weit fortgeschritten. Technologie und Gesellschaft stehen also immer in Wechselwirkung. In der Forschung spricht man deshalb von sozio-technischen Systemen, um diese enge Verflechtung auf den Begriff zu bringen.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Die Erkenntnis ist verbreitet, dass sich nahezu jedes Unternehmen mit der digitalen Transformation auseinandersetzen und Lösungen finden muss, um weiterhin erfolgreich zu sein. Demgegenüber ist das Bewusstsein für den Kulturwandel hin zu New Work weniger ausgeprägt. Wenn wir aber das eben Gesagte bedenken, also dass Technologie und Gesellschaft zutiefst miteinander verflochten sind, dann wird deutlich: Wer in der Epoche der Digitalisierung erfolgreich sein will, kann sich nicht nur mit Technik und Geschäftsmodellen auseinandersetzen – die Unternehmenskultur ist ein integraler Bestandteil. Gerade um langfristig Fachkräfte zu gewinnen und zu binden, reicht es nicht, nur technisch am Zahn der Zeit zu sein. Digitalisierung ist eine soziotechnische Entwicklung. Beide Teile gehören zusammen. Das Zusammenspiel entscheidet.

Was können Teilnehmende aus Ihrem Vortrag lernen?

Ich werde das hier Gesagte vertiefen und auch kritisch beleuchten. Das alles aus einer angewandt philosophischen Brille. Denn wenn so tiefgreifende Veränderungen anstehen, wirft das zahlreiche Grundsatzfragen auf, allein schon darüber, wie wir den Wandel besser einordnen und bewerten können. Grundsatzfragen beleuchten, um unser Leben in dieser Welt besser zu verstehen – genau darin liegen zentrale Stärken der Philosophie. Und, vielleicht ist das gar nicht so bekannt, das Konzept New Work kommt tatsächlich aus der Philosophie. Es gibt also eine Menge Gesprächsstoff.