Konjunktur mit Zwischenspurt
Nachdem die Bundesregierung ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts kürzlich für dieses Jahr auf 1,3 Prozent erhöht hat, kann auch am südlichen Oberrhein eine deutliche Belebung der Konjunktur vermeldet werden. War die Stimmung im Frühjahr noch geprägt von den plötzlich steigenden Energiepreisen in Folge des Irankriegs, hat sich die hiesige Wirtschaft berappelt und fasst nun wieder neuen Mut.
Höchster Stand seit knapp drei Jahren
Von 102 auf 111 Punkte steigt der IHK-Konjunkturklimaindex, der aktuelle Geschäftslage und die Geschäftserwartungen in sich vereint. Dies ist sein höchster Stand seit knapp drei Jahren. Gerade auch im Hinblick darauf, dass der Landeswert aktuell lediglich bei 106 liegt, ist dies eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Gründe dürften vor allem in einem Branchenbesatz liegen, der weniger stark durch die Automobilindustrie und ihre Zulieferer geprägt ist als im übrigen Baden-Württemberg.
IHK-Konjunkturklimaindex
Die Geschäftslage verbessert sich dabei nun schon zum dritten Mal in Folge. Lag der Index der Geschäftslage im vergangenen Herbst noch bei schwachen 5 Punkten, ist er nun auf 24 Punkte geklettert. 38 Prozent der befragten Unternehmen geben an, über eine gute Geschäftslage zu verfügen, während nur 15 Prozent mit ihr aktuell unzufrieden sind. Erfreulich ist, dass in allen betrachteten Branchen derzeit die zufriedenen Unternehmen in der Mehrzahl sind. Darüber hinaus konnte sich die Lagebewertung auch in allen Branchen im Vergleich zum Frühjahr verbessern. Während das Gastgewerbe und die Bauwirtschaft dabei deutliche Zugewinne bei der Geschäftslage verbuchen konnten, fallen diese in Industrie, Handel und Dienstleistung eher geringer aus.
Geschäftslage und Geschäftserwartungen
Noch größer als bei der Lagebewertung fällt der Impuls bei den Geschäftserwartungen aus. Allerdings befindet man sich hier seit langem auf sehr niedrigem Niveau. Schon seit mehr als drei Jahren bewertet eine Mehrheit der Unternehmen ihre wirtschaftliche Zukunft negativ. Zum Herbst ist dieses Verhältnis nun erstmals wieder ausgeglichen. Jeweils ein Fünftel der Unternehmen zählen zu den Optimisten bzw. Pessimisten. Auch wenn der Index der Geschäftserwartungen in der Folge kräftig um 14 Punkte auf den Wert 0 steigt, kann dies noch nicht als Einzug eines breiten Optimismus‘ in der Unternehmerschaft gewertet werden.
Keine Bewegung auf dem Arbeitsmarkt
Für diesen gibt es auch noch keinen Grund. Zwar haben die gestiegenen Staatsausgaben und ein gestärktes Exportgeschäft für eine Belebung gesorgt, weiterhin aber kämpft der Standort Deutschland mit strukturellen Herausforderungen. Seit über drei Jahren geben in jeder Umfrage mehr als die Hälfte der Unternehmen zu hohe Arbeitskosten als Risiko für ihr Unternehmen an. Auch im Herbst 2026 sind es 57 Prozent. Dabei geht es nicht nur um Lohnsteigerungen. Die stockenden Reformbemühungen um eine Modernisierung der Sozialversicherungssysteme dürften in vielen Geschäftsführungen mit steigender Frustration verfolgt werden. Die absehbare Verteuerung des Faktors Arbeit über stetig steigende Sozialbeiträge ist ein zentrales Hemmnis für expansive Beschäftigungspläne der Unternehmen. Nur 13 Prozent der Unternehmen beabsichtigen derzeit, ihre Belegschaft zu vergrößern, während der Anteil jener, die über Reduzierung nachdenken mit 24 Prozent weiterhin deutlich höher liegt.
Beschäftigungserwartung
Seit mehr als drei Jahren befindet sich der Index der erwarteten Beschäftigung nun schon im negativen Bereich. Trotz der jüngsten konjunkturellen Belebung verliert er einen Punkt und fällt auf -11 Punkte. Längst zeigen sich die Folgen auch auf dem regionalen Arbeitsmarkt. Suchten vor fünf Jahren noch 22.000 Menschen am südlichen Oberrhein vergeblich nach Arbeit, so sind es nun bereits 28.000.
Investitionsplanungen bleiben verhalten
Inwieweit das Anziehen der Konjunktur als nachhaltig eingeschätzt wird und das Vertrauen in den Standort stärkt, zeigt am besten der Index der Inlandsinvestitionen. Leider ist der Aufwärtstrend dort geringer ausgeprägt. Zwar steigt der Index zum zweiten Mal in Folge von -6 Punkte zum Jahresbeginn auf 0 Punkte zum Herbst. Insgesamt aber bleiben die Investitionsplanungen verhalten. Mit jeweils einem Fünftel beabsichtigt in etwa ein gleich großer Anteil, seine Investitionen auszuweiten bzw. zurückzufahren. Zwischen 2010 und 2019 hingegen waren die Investitionspläne der Unternehmen fast durchgängig expansiv.
Index der Inlandsinvestitionen
Energiepreise und Arbeitskosten machen Sorgen
Neben der nach wie vor hohen Bürokratiebelastung und hohen Arbeitskosten kämpfen die Unternehmen mit zahlreichen weiteren Problemstellungen. Zuletzt in den Vordergrund gerückt sind die Energiepreise. Auch wenn die negativen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft nicht ganz so gravierend ausfielen wie zunächst befürchtet, stellen sie viele Unternehmen am Oberrhein vor große Herausforderungen. 59 Prozent der befragen Unternehmen bewerten sie als Risiko. Besonders für das Gastgewerbe sind sie problematisch. Mit 77 Prozent ist hier der entsprechende Anteil am höchsten. Aber auch in Baugewerbe, Industrie und Handel liegt er über 60 Prozent.
Die Inlandsnachfrage wird zwar mit 49 Prozent noch immer von fast der Hälfte der Unternehmen als Problem benannt, aber auch hier macht sich die konjunkturelle Belebung bemerkbar. Noch vor zwei Jahren erreichte dieser Risikofaktor einen Spitzenwert von 65 Prozent.
Risiken der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung
Auf die hinteren Plätze verwiesen ist aufgrund der schwierigen Großwetterlage seit einiger Zeit der Fachkräftemangel. War er in den Jahren 2021 bis 2024 noch ein dominantes Thema in den Führungsetagen, ist er seit knapp zwei Jahren eher in den Hintergrund getreten. Seit Jahresbeginn 2025 geben jeweils weniger der Hälfte der Unternehmen an in ihm ein Risiko zu sehen. Aktuell sind es 42 Prozent.
Jeweils im Herbst werden die Unternehmen im Rahmen der Konjunkturbefragung auch nach ihren Erfahrungen mit der Fachkräftesuche befragt. Zunächst zeigt sich hier, dass der Anteil der Unternehmen, die aktuell keine Fachkräfte suchen mit 39 Prozent so hoch liegt wie selten zuvor. Es zeigt sich, dass vor allem die gesunkene Nachfrage bei der Fachkräfteverfügbarkeit für ein gewisses Maß an Entspannung sorgt. Keine Probleme bei der Besetzung hatten 22 Prozent, 40 Prozent haben nach wie vor Probleme offene Stellen zu besetzen. Differenziert nach Branchen bleiben die Bauwirtschaft mit 51 Prozent und das Hotel- und Gastgewerbe mit 48 Prozent die Sektoren der Wirtschaft, die hier auf die höchsten Hürden treffen.
Blick in die Branchen
Geschäftslage im Branchenvergleich
Der Blick in die Branchen zeigt, dass sich die Geschäftslage aller Branchen im Herbst im Vergleich zum Frühjahr verbessert hat. Während diese Verbesserung in der Industrie minimal ausfällt, verzeichnet das Hotel- und Gastgewerbe ein kräftiges Plus von 26 Punkten. Die Branche ist allerdings stark saisonal geprägt und dürfte zuletzt von einem guten Sommergeschäft profitiert haben. Die Geschäftserwartungen stehen im Zeichen der Erholung vom Schock des Beginns des Irankrieges und dem schnellen Anstieg des Ölpreises. In allen Branchen außer der Bauwirtschaft blickt man daher weniger pessimistisch auf die kommenden zwölf Monate als noch im Frühjahr. Wirkliche Euphorie will allerdings auch nicht aufkommen. Nur in der Industrie und den Dienstleistungen sind die Unternehmen, die optimistisch auf die kommenden zwölf Monate schauen, leicht in der Überzahl.
Geschäftserwartungen im Branchenvergleich