Teilqualifizierung: Schlüssel zum Weiterkommen

Teilqualifikationen (TQ) sind für Menschen, für die eine traditionelle Berufsausbildung im Betrieb und in der Berufsschule nicht (mehr) in Frage kommt. Beispielsweise für Erwachsene ohne Berufsabschluss. Für Häftlinge in Justizvollzugsanstalten kann dies eine echte Chance sein, nach der Haft in ein geregeltes Leben zu kommen.
Schlüssel in einer Justizvollzugsanstalt sind per Vorschrift am Gürtel des Beamten fixiert. Und doch gibt es einen, der auch Gefangenen zur Verfügung steht – nicht zum Herauskommen, sondern zum Weiterkommen. Eine Ausbildung, eine Qualifizierung, ein geregelter Job: Sie funktionieren als Schlüssel zur Resozialisierung und damit zu einem Leben nach der Haft.
„Wir verfügen über mehr als 350 Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie rund 30 Arbeitsplätze für Freigänger", berichtet Julia Rascher, Geschäftsführerin des Vollzuglichen Arbeitswesens (VAW) der JVA Freiburg. Wie jede VAW im Land arbeitet auch Freiburg eng mit der IHK zusammen, und das Team um Julia Rascher bildet nicht nur Häftlinge aus, sondern nimmt in der „freien Welt“ auch Prüfungen ab. 42 Werkmeister gehören zu ihrem Team, und das Bildungszentrum der JVA ist aktiv für ganz Baden-Württemberg zuständig.
Mario Weiner, Ausbildungsleiter Metall der JVA Freiburg, betreut unter anderem Herrn S. Er ist 36 Jahre alt, seit viereinhalb Jahren inhaftiert, und hat erst die Hälfte seiner Strafe abgesessen. S. absolviert in der JVA eine Teilqualifizierung zur Fachkraft für Metalltechnik. Die erste Prüfungseinheit schloss er mit 95 von 100 Punkten ab. Weiner und sein Kollege Alexander Gut, Betriebsleiter der Metallfertigung, beschreiben ihn als ambitioniert, handwerklich geschickt und absolut zielorientiert. Beide blicken zuversichtlich auf seine Zwischenprüfung im Herbst. Das gilt für so gut wie alle Häftlinge, die die Zeit ohne Handy und Internet in der Haft für die Vorbereitung im Berufsleben nutzen.
Objektiv und bundesweit vergleichbarer Nachweis über beruflichen Kompetenzen
Dass Herr S. am Modell der Teilqualifizierung teilnimmt, ist kein Zufall, sondern Programm. Simon Kaiser, IHK-Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung, erklärt den entscheidenden Vorteil: „Inhaftierte sind häufig nicht so lange in der Einrichtung, wie es beispielsweise dauern würde, eine klassische Umschulung zu absolvieren – teilweise werden sie auch während der Haft in eine andere JVA verlegt. Mit den IHK-Teilqualifikationen haben wir ein flexibles Werkzeug, das den JVAs hilft, ihrem Bildungsauftrag gerecht zu werden. Für die Inhaftierten liegt der Charme vor allem darin, dass man dem Zertifikat nach dem Ende der Haftstrafe nicht auf den ersten Blick ansieht, dass es im Rahmen einer Haft erworben wurde. Es hat damit eine andere Wertigkeit am Arbeitsmarkt als Zertifikate, die von den JVAs selbst ausgestellt werden.“
Alle zwei bis sechs Monate wird im Rahmen dieser Qualifizierung ein Modul abgeschlossen – bundesweit einheitlich, stets mit IHK-Zertifikat. Wer alle Module absolviert hat, darf als Externer zur IHK-Abschlussprüfung antreten und erhält einen regulären Berufsabschluss. Und manchmal schneiden die Prüflinge aus der JVA sogar als Jahrgangsbeste ab. Die IHK-Auszeichnung können sie dann zwar nicht persönlich entgegennehmen – stolz sein dürfen sie trotzdem. Kaiser betont: „Auch wenn es am Ende nicht bis zum vollwertigen Berufsabschluss reicht, haben die Teilnehmenden mit den Zertifikaten über die einzelnen Teilqualifizierungen einen objektiven und bundesweit vergleichbaren Nachweis über ihre beruflichen Kompetenzen. Dies erleichtert nach der Haft nicht nur den Einstieg in eine geregelte Erwerbstätigkeit. Häufig ist es für die Teilnehmer auch persönlich ein emotionaler Moment, da sie mit dem Zertifikat nicht selten den ersten Berufsabschluss ihres Lebens in Händen halten.“
„Eine Lösung, die am Ende in der genau gleichen Ausbildungsprüfung endet.“
Das Modell der IHK-Teilqualifizierungen ist übrigens nicht auf Inhaftierte beschränkt: Auch wer im späteren Leben noch in einen bestimmten Beruf einsteigen oder nach einer längeren Auszeit wieder in die Arbeitswelt zurückfinden möchte, findet in der Teilqualifizierung einen praxisnahen, anerkannten und vor allen Dingen Türen öffnenden Weg.
Die Teilqualifizierung ist grundsätzlich für alle Ausbildungsberufe möglich, auch wenn Simon Kaiser darauf hinweist, dass sie keine Alternative zur etablierten Ausbildung ist, die er als „Königsweg“ sieht: „Sie ist eine Lösung, die am Ende in der genau gleichen Ausbildungsprüfung endet wie man sie kennt.“
In der JVA Freiburg richtet sich das Angebot nach den vorhandenen Werkstätten im 1878 gebauten Gebäudekomplex: Ausgebildet wird in den Berufen Industriemechaniker, Schreiner, Koch und Fleischer; hinzu kommen Staplerschein, geprüfter Schweißer sowie Teilqualifizierungen in Metall, Holz und Lager-/Logistik. Einen Teil dessen, was in den Werkstätten entsteht, kann man direkt im Online-Shop der VAW bestellen.