IHK-Umfrage zu Frankreich: Bürokratie bremst
Frankreich bleibt für Unternehmen am Oberrhein einer der wichtigsten Auslandsmärkte. Gleichzeitig wächst der Frust über bürokratische Hürden und komplizierte Vorschriften. Das ist das zentrale Ergebnis einer Umfrage der IHK Südlicher Oberrhein im Juli 2026 unter Unternehmen mit Frankreichgeschäft.
- Frankreichgeschäft bleibt attraktiv
- Warum Unternehmen nach Frankreich fahren
- Entsendungsregeln sind das größte Hindernis
- Unternehmen vermissen einen echten europäischen Binnenmarkt
- Verpackungs- und Recyclingvorschriften erschweren den Marktzugang
- Sprachkompetenz wird zum Wirtschaftsfaktor
- Grenzkontrollen spielen nur eine Nebenrolle
- Warum die Umfrage für uns wichtig ist
Mehr als 300 Unternehmen haben Interesse an der Umfrage gezeigt. Die Hälfte der Befragten bewertet Frankreich als strategisch wichtig oder sehr wichtig für das eigene Unternehmen. Die Unternehmen wollen also weiterhin im Nachbarland aktiv sein. Ausgebremst werden sie jedoch zunehmend durch aufwendige Verwaltungsverfahren, komplizierte Entsendungsregeln und fehlende Harmonisierung innerhalb Europas.
Die Umfrage liefert der IHK wichtige Argumente, um die Interessen der Unternehmen gegenüber französischen Behörden und der Politik zu vertreten. Bereits in der Vergangenheit konnten durch das Engagement der IHK einzelne Erleichterungen erreicht werden. Die aktuellen Ergebnisse zeigen jedoch, dass weiterer Handlungsbedarf besteht.
Frankreichgeschäft bleibt attraktiv
Frankreich ist und bleibt ein bedeutender Absatz-, Beschaffungs- und Kooperationsmarkt für die regionale Wirtschaft. 55 Prozent der befragten Unternehmen vergeben auf einer Skala von 1 (kaum) bis 5 (sehr wichtig) einen Wert von 4 oder 5 für die strategische Bedeutung Frankreichs für das eigene Unternehmen.
Besonders bemerkenswert: Die Umfrage zeigt kein grundsätzliches Problem mit dem französischen Markt. Vielmehr kritisieren die Unternehmen die Rahmenbedingungen, unter denen grenzüberschreitendes Wirtschaften stattfinden muss.
Mehrere Betriebe berichten sogar, dass sie ihr Frankreichgeschäft reduziert oder ganz aufgegeben haben, weil Aufwand und Risiken nicht mehr im Verhältnis zum wirtschaftlichen Nutzen stehen.
Warum Unternehmen nach Frankreich fahren
Die häufigsten Gründe für geschäftliche Aktivitäten in Frankreich sind die Lieferung oder Abholung von Waren oder der klassische Besuch der Geschäftspartner vor Ort.
Auffällig ist, dass klassische Arbeitseinsätze im Vergleich zu früheren Umfragen an Bedeutung verloren haben. Ein Grund dafür könnten die besonders hohen administrativen Anforderungen in diesem Bereich sein.
Entsendungsregeln sind das größte Hindernis
Mit deutlichem Abstand nennen die Unternehmen die Vorschriften für Arbeitseinsätze in Frankreich als größte Herausforderung. 57,7 Prozent der Befragten sehen hier die größte Hürde. Mehr als ein Drittel der Teilnehmenden kritisiert auch die mangelnde Harmonisierung innerhalb der EU.
Vor allem die Anforderungen rund um Arbeitnehmerentsendung, A1-Bescheinigungen oder die französische Baukarte Carte BTP verursachen hohen Aufwand. Viele Unternehmen kritisieren, dass selbst kurze Kundentermine, Installationen oder Serviceeinsätze umfangreiche Formalitäten nach sich ziehen.
Die Konsequenz: Einige Unternehmen verzichten bewusst auf Aufträge in Frankreich.
Unternehmen vermissen einen echten europäischen Binnenmarkt
Mehr als ein Drittel der Befragten sieht die mangelnde Harmonisierung innerhalb der Europäischen Union als erhebliches Problem.
Die Kritik richtet sich dabei nicht ausschließlich an Frankreich. Viele Unternehmen bemängeln unterschiedliche nationale Vorschriften, verschiedene Meldeportale und eine zunehmende Komplexität europäischer Regelungen. Aus Sicht der Unternehmen entspricht die Realität oft nicht dem Anspruch eines einheitlichen Binnenmarktes. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen stoßen hier schnell an ihre organisatorischen Grenzen.
Verpackungs- und Recyclingvorschriften erschweren den Marktzugang
Ein weiteres zentrales Thema sind die Regelungen zur erweiterten Herstellerverantwortung (EPR). Mehr als ein Viertel der Unternehmen empfindet die entsprechenden Vorschriften als erhebliche Belastung.
Kritisiert werden insbesondere:
- unterschiedliche nationale Systeme,
- Mehrfachregistrierungen,
- zusätzlicher Verwaltungsaufwand,
- steigende Kosten
Die Unternehmen wünschen sich europaweit einheitliche Registrierungs- und Meldeverfahren, um den Zugang zum französischen Markt zu erleichtern.
Sprachkompetenz wird zum Wirtschaftsfaktor
Ein deutliches Signal sendet die Umfrage auch beim Thema Fachkräfte und Bildung: 73 Prozent der Unternehmen nennen Zweisprachigkeit als wichtigstes Zukunftsthema für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Sprachkenntnisse werden von den Unternehmen längst nicht mehr als kultureller Zusatznutzen betrachtet. Sie gelten vielmehr als wichtiger Standort- und Wettbewerbsfaktor. Verständigungsprobleme mit Behörden, Kunden oder Geschäftspartnern erschweren nach Angaben vieler Unternehmen den Markteintritt und die tägliche Zusammenarbeit.
Grenzkontrollen spielen nur eine Nebenrolle
Entgegen der öffentlichen Diskussion stehen Grenzkontrollen nicht im Mittelpunkt der Kritik. Rund 68 Prozent der Unternehmen berichten von keinen wesentlichen Beeinträchtigungen.
Die eigentlichen Belastungen liegen aus Sicht der Betriebe eindeutig bei Bürokratie, Entsendungsverfahren und regulatorischen Anforderungen.
Warum die Umfrage für uns wichtig ist
Die Umfrage liefert der IHK Südlicher Oberrhein eine belastbare Grundlage für ihre Interessenvertretung gegenüber französischen Behörden, europäischen Institutionen und politischen Entscheidungsträgern.
Sie zeigt klar auf, wo Unternehmen konkrete Hindernisse erleben und an welchen Stellen politische Verbesserungen erforderlich sind. Gleichzeitig macht die Befragung deutlich, dass die Unternehmen am Oberrhein weiterhin großes Interesse am Frankreichgeschäft haben.
Aus den Ergebnissen leitet die IHK drei zentrale Forderungen ab:
1. Entsendungen deutlich vereinfachen
Kurzfristige Einsätze müssen mit weniger Melde- und Dokumentationspflichten möglich sein.
2. Einen echten europäischen Binnenmarkt schaffen
Unternehmen brauchen einheitliche und digitale Verfahren statt unterschiedlicher nationaler Regelungen.
3. Deutsch-französische Wettbewerbsfähigkeit stärken
Bürokratische Hürden müssen abgebaut und die Zweisprachigkeit in der Grenzregion weiter gefördert werden.