Chancenkarte: Große Nachfrage trifft auf strukturelle Herausforderungen

Die Chancenkarte ist ein zentrales Instrument, um qualifizierten Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Sie ermöglicht es internationalen Talenten, für bis zu zwölf Monate nach Deutschland einzureisen und vor Ort eine passende Beschäftigung zu suchen. Ziel ist es, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Integration in den Arbeitsmarkt zu beschleunigen.
Die bisherigen Erfahrungen der IHK Südlicher Oberrhein und des Welcome Centers Südlicher Oberrhein zeigen eine hohe Nachfrage. Unter anderem Fachkräfte aus den Bereichen Ingenieurwesen, Architektur, Bankwesen, IT sowie Bio- und Chemietechnologie interessieren sich für dieses Angebot. Dabei handelt es sich überwiegend um hochqualifizierte Personen mit bereits anerkannten Abschlüssen.
„Gezielte Unterstützung und realistische Rahmenbedingungen“
„Die Chancenkarte stößt international auf großes Interesse – viele hochqualifizierte Fachkräfte möchten in Deutschland arbeiten und bringen dafür bereits anerkannte Abschlüsse mit“, sagt Dr. Sophie Figueredo-Hardy, Leiterin des Welcome Centers Südlicher Oberrhein. „In der Praxis sehen wir jedoch, dass fehlende Deutschkenntnisse und mangelnde Netzwerke den Einstieg erheblich erschweren. Hier braucht es gezielte Unterstützung und realistische Rahmenbedingungen, damit die Integration innerhalb von zwölf Monaten gelingen kann.“
Trotz der positiven Ausgangslage zeigen sich in der Praxis deutliche Herausforderungen. Sprachbarrieren zählen zu den größten Hürden: Viele Bewerberinnen und Bewerber verfügen zwar über gute Englischkenntnisse, jedoch nicht über ausreichendes Deutsch für erfolgreiche Bewerbungsprozesse. Zudem ist die Übertragbarkeit von Berufserfahrung aus den Herkunftsländern nicht immer gegeben, und die derzeitige Arbeitsmarktlage erschwert zusätzlich die Stellensuche.
Positiv ist, dass Inhaberinnen und Inhaber der Chancenkarte während ihres Aufenthalts bis zu 20 Stunden pro Woche arbeiten dürfen und so ihren Aufenthalt teilweise finanzieren können. Voraussetzung für das Visum bleibt jedoch ein Sperrkonto mit derzeit mindestens 1.091 Euro pro Monat (Stand 2026). Diese Hürde ist für viele Interessierte zu hoch.
„Wichtiger Baustein zur Fachkräftesicherung"
Aus Sicht der Beratungspraxis bestehen dennoch Optimierungsbedarfe. Der Verzicht auf verpflichtende Deutschkenntnisse erleichtert zwar den Zugang zum Visum, führt jedoch nach der Einreise häufig zu Integrationsproblemen. Auch fehlende berufliche Netzwerke und lange Bearbeitungszeiten bei Visaanträgen erschweren den Einstieg zusätzlich.
„Die Chancenkarte ist ein wichtiger Baustein zur Fachkräftesicherung, bleibt aber aktuell hinter ihren Möglichkeiten zurück“, betont Sunay Gün, Leiter des Geschäftsbereichs Fachkräftesicherung der IHK Südlicher Oberrhein. „Unternehmen sollten stärker für das Potenzial dieser Zielgruppe sensibilisiert werden, denn es handelt sich um motivierte und qualifizierte Fachkräfte. Gleichzeitig müssen Prozesse beschleunigt und die Voraussetzungen – etwa beim Sprachniveau – praxisnäher gestaltet werden.“
Die IHK Südlicher Oberrhein und das Welcome Center Südlicher Oberrhein empfehlen daher unter anderem die Einführung eines Mindestsprachniveaus von B1, eine schnellere Vermittlung in Beratungsangebote sowie eine stärkere Ansprache von Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern.
„Wenn es gelingt, Sprachförderung, Beratung und den Zugang zum Arbeitsmarkt besser zu verzahnen, kann die Chancenkarte einen echten Unterschied machen – sowohl für die Fachkräfte als auch für die regionale Wirtschaft“, so Figueredo-Hardy abschließend.
(27.4.2026)