Sorgen nehmen weiter zu, persönliche Zuversicht bleibt
Die Krisenangst unter den Auszubildenden am südlichen Oberrhein nimmt weiter zu. 71,6 Prozent der Befragten haben 2026 Angst vor einer schlechten Wirtschaftslage und steigender Armut – mehr als doppelt so viele wie noch 2024. Auch die Sorge vor einer schweren Krankheit ist gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen. Gleichzeitig bleibt die persönliche Zukunftserwartung der jungen Menschen erstaunlich positiv: 46,7 Prozent blicken eher zuversichtlich nach vorn, nur 7,5 Prozent sehen ihre Zukunft eher düster. Das zeigt die dritte Azubi-Umfrage der IHK Südlicher Oberrhein mit 800 Teilnehmenden.
- Ausbildung wird überwiegend positiv erlebt
- Große Bereitschaft zur Weiterbildung – aber wenig Wissen über Förderung
- Geld wird wichtiger
- Zuversicht trotz unsicherer Zeiten
- Über die Azubi-Umfrage
- Die IHK Südlicher Oberrhein: Stark machen für rund 75.000 Mitglieder
- Über die IHK-Kampagne „Hier geht was!“
- Über den IHK-Podcast „Boss Storys“
Damit zeichnet sich über die drei Erhebungen ein bemerkenswerter Gegensatz ab: Die allgemeine Krisenwahrnehmung verschärft sich, während die Zuversicht in die eigene berufliche Zukunft nicht einbricht. 2024 hatten 37 Prozent Angst vor einer schlechten Wirtschaftslage, 2025 waren es bereits 70 Prozent. 2026 steigt der Wert erneut auf 71,6 Prozent. Auch die Angst vor einem Krieg in Europa liegt mit 67,8 Prozent leicht über dem Vorjahreswert von 67 Prozent. Die Sorge vor einer schweren Krankheit steigt von 62 auf 66,4 Prozent. Die Angst vor Terroranschlägen bleibt mit 60,3 Prozent auf dem hohen Niveau des Vorjahres.
„Unsere Umfrage zeigt: Die Sorgen der jungen Menschen nehmen nicht ab – bei einigen Themen werden sie sogar noch größer. Gleichzeitig verlieren die Auszubildenden nicht das Vertrauen in ihren eigenen Weg. Das ist vielleicht die auffälligste Entwicklung, die wir nach drei Jahren Azubiumfrage sehen“, sagt Simon Kaiser, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Südlicher Oberrhein. „Offensichtlich fühlen sich viele Azubis angesichts der globalen Unsicherheiten in ihrer Entscheidung für eine Berufsausbildung bestätigt - nach dem Motto: Ausbildung schafft Sicherheit in unsicheren Zeiten.“
Ausbildung wird überwiegend positiv erlebt
Denn der Blick auf den Ausbildungsalltag fällt deutlich positiver aus. 86,4 Prozent der Befragten geben an, in ihrem Ausbildungsbetrieb immer oder häufig respektvoll und fair behandelt zu werden. 2025 waren es 80 Prozent. Der Anteil derjenigen, die ihren Ausbildungsbetrieb weiterempfehlen würden, steigt von 73 auf 76,9 Prozent.
93 Prozent sagen, dass ihre Arbeitszeiten immer oder häufig eingehalten werden, und bei 83,1 Prozent werden Überstunden immer oder häufig ausgeglichen. Urlaub wird aus Sicht von 94,6 Prozent immer oder häufig wie gewünscht gewährt. Der Berufsschulbesuch ist für 98,3 Prozent immer oder häufig möglich. „Gute Ausbildungsbedingungen sind gerade in unsicheren Zeiten wichtig. Wenn junge Menschen im Betrieb Wertschätzung erfahren, ihre Rechte eingehalten werden und sie Perspektiven bekommen, schafft das Vertrauen – auch dann, wenn die wirtschaftliche Lage außerhalb des Betriebs Sorgen macht“, sagt Kaiser.
Große Bereitschaft zur Weiterbildung – aber wenig Wissen über Förderung
Besonders deutlich zeigt sich die berufliche Zuversicht bei den Plänen nach der Ausbildung. 80,6 Prozent halten eine Übernahme durch ihren Ausbildungsbetrieb für sicher oder wahrscheinlich. 82,5 Prozent möchten sich nach der Ausbildung weiterbilden. Für die IHK ist das ein wichtiger Befund: Die Bereitschaft, den eigenen beruflichen Weg aktiv weiterzuentwickeln, ist unter den Auszubildenden sehr hoch.
Dabei setzen die jungen Menschen unterschiedliche Schwerpunkte. Von denjenigen mit konkreten Vorstellungen über den nächsten Schritt wollen 54,9 Prozent eine Weiterbildung im erlernten Beruf machen. 27,3 Prozent planen ein Studium, weitere 10,9 Prozent möchten sich in einem anderen Berufsfeld qualifizieren. Gleichzeitig zeigt sich hier eine deutliche Informationslücke: 40,5 Prozent haben nach eigenen Angaben von niemandem Informationen über Weiterbildungsmöglichkeiten und finanzielle Unterstützung erhalten. 85,3 Prozent haben noch nie von Förderpreisen oder Weiterbildungsstipendien gehört.
„Hier klaffen Wunsch und Wissen deutlich auseinander. Mehr als vier von fünf Auszubildenden wollen sich weiterentwickeln, aber die große Mehrheit kennt zentrale Fördermöglichkeiten nicht. Diese Informationen müssen früher, verständlicher und dort ankommen, wo junge Menschen tatsächlich nach Informationen suchen“, so Kaiser.
Geld wird wichtiger
Auch finanzielle Fragen spielen für die Auszubildenden eine wichtige Rolle. Für 63,8 Prozent gehört ein gutes Gehalt zu den drei wichtigsten Kriterien bei der Berufswahl. Damit liegt das Einkommen deutlich vor anderen Kriterien. 46,1 Prozent nennen sinnvolle Arbeit, 40,8 Prozent die Nähe zum Ausbildungsort und 40,6 Prozent ein gutes Arbeitsklima.
Gleichzeitig bewertet mehr als ein Fünftel die eigene finanzielle Situation kritisch: 21,8 Prozent bezeichnen ihre finanzielle Lage als schlecht oder sehr schlecht. 37,7 Prozent beurteilen sie als gut oder sehr gut, 40,5 Prozent als „okay“.
Die finanzielle Situation hängt dabei auch mit der Wohnsituation zusammen. 70,1 Prozent der Befragten leben noch bei ihren Eltern, 59,4 Prozent zahlen keine Miete. 35 Prozent finanzieren ihre Miete aus dem eigenen Ausbildungsgehalt. 22,6 Prozent verdienen zusätzlich Geld mit einem Nebenjob.
Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz spielen persönliche Kontakte weiterhin eine wichtige Rolle. 31,3 Prozent fanden ihren Ausbildungsplatz über Eltern, Verwandte oder Bekannte. Auch Anzeigen und Plakate (14,9 Prozent) sowie Praktika (13,9 Prozent) sind relevante Zugänge. Über soziale Medien fanden 8,5 Prozent ihren Ausbildungsplatz. Bei der allgemeinen beruflichen Orientierung stehen Webseiten mit 23,5 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Eltern und Verwandten (17,5 Prozent) sowie Freunden und Bekannten (15,7 Prozent). 11,3 Prozent nennen soziale Medien.
Bei den konkreten digitalen Plattformen liegen Instagram, TikTok und YouTube vorne. Besonders interessant für die IHK: Die Auszubildenden wünschen sich von einem Azubi-Kanal vor allem Informationen über Ausbildungsberufe (385 Nennungen) und Weiterbildung (369). Rechtliche Informationen folgen mit 189 Nennungen. „Die jungen Menschen sagen uns ziemlich deutlich, was sie brauchen: nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Orientierung mit konkretem Nutzwert. Wer sie erreichen will, muss dort präsent sein, wo sie sich informieren. Genau das versuchen wir mit unserem azubi_hub auf Instagram“, erklärt Kaiser.
Zuversicht trotz unsicherer Zeiten
Trotz der hohen Sorgen über die allgemeine Entwicklung bleibt die persönliche Bilanz der Auszubildenden damit überwiegend positiv. 46,7 Prozent blicken eher optimistisch auf ihre persönliche Zukunft, 46,9 Prozent sehen sie gemischt. Nur 7,5 Prozent blicken eher pessimistisch voraus. Auch bei den persönlichen Lebenszielen zeigt sich ein eher bodenständiges Bild. Besonders wichtig sind den Befragten vertrauensvolle Partnerschaften, gute Freunde, ein selbstbestimmtes Leben, Familie, Gesundheit und Unabhängigkeit. Macht, politische Aktivität oder die Orientierung daran, was andere tun, spielen eine deutlich geringere Rolle.
„Die dritte Azubiumfrage zeichnet kein Bild einer pessimistischen Generation. Sie zeigt junge Menschen, die die Unsicherheit ihrer Zeit sehr wohl wahrnehmen, zugleich aber konkrete Vorstellungen von ihrem eigenen Leben haben und bereit sind, dafür etwas zu tun. Für Unternehmen, Schulen und Politik heißt das: Diese Bereitschaft sollten wir unterstützen – mit guter Ausbildung, verlässlicher Begleitung und besseren Informationen über die nächsten beruflichen Schritte“, fasst Kaiser zusammen.
Über die Azubi-Umfrage
Die IHK Südlicher Oberrhein führt die Azubiumfrage seit 2024 jährlich unter Auszubildenden im Kammerbezirk durch. Die Befragung 2026 umfasst bis zu 801 Datensätze; da nicht alle Teilnehmenden jede Frage beantwortet haben, variiert die Zahl der gültigen Antworten je nach Fragestellung. Die Ergebnisse geben Einblick in die Erfahrungen, Erwartungen und Sorgen der Auszubildenden und zeigen Entwicklungen über die vergangenen drei Befragungen.
Die IHK Südlicher Oberrhein: Stark machen für rund 75.000 Mitglieder
Vom Kleinunternehmer bis zum Weltmarktführer – die IHK Südlicher Oberrhein vertritt die Interessen der Wirtschaft gegenüber Politik und Verwaltung. Wir beraten sowohl Startups als auch etablierte Unternehmen, Fachkräfte und solche, die es werden wollen, organisieren Prüfungen und trommeln bei Kommunen und Verwaltungen für optimale Standortbedingungen. Für den Staat übernehmen wir ausgewählte Aufgaben, informieren über neue Zoll-Richtlinien, Wachstumschancen auf ausländischen Märkten oder organisieren zahlreiche Netzwerktreffen und Veranstaltungen.
Über die IHK-Kampagne „Hier geht was!“
Wir geben den erfolgreichen Unternehmen im Rahmen unserer Standortkampagne ein Gesicht: Durch ihre langjährige Erfahrung und Kenntnisse in den verschiedenen Branchen der Region bringen unsere Botschafterinnen und Botschafter jede Menge Expertise mit und können aus erster Hand von den Stärken und Potenzialen des südlichen Oberrheins berichten. Botschafter:innen sind unter anderem Robin Rombach, CEO des Freiburger Start-ups Black Forest Labs, Dr. Dorothea Helmer, Mitgründerin des Freiburger Start-ups Glassomer, oder Europa-Park-Mitgründer Roland Mack. Jeden Monat kommen weitere Standortbotschafter:innen dazu.
Über den IHK-Podcast „Boss Storys“
In unserem neuen Podcast Boss Storys sprechen wir mit Menschen, die die Region aktiv mitgestalten. Unternehmer:innen und Wissenschaftler:istandortkampagnennen, die im Hintergrund agieren, aber auch Menschen aus dem öffentlichen Leben wie Sportler:innen und Kulturschaffende. Sie alle prägen den südlichen Oberrhein auf ganz unterschiedliche Weise. Boss Storys: Erfolgsgeschichten, die Mut machen.