Wie Wohnraum zum Wettbewerbsvorteil wird
Bezahlbarer Wohnraum ist in vielen Regionen Mangelware. Da macht der südliche Oberrhein keine Ausnahme. Was für Privatpersonen schon seit Jahren ein belastendes Alltagsproblem ist, entwickelt sich auch für Unternehmen zu einer ernstzunehmenden Herausforderung: Immer häufiger scheitern Rekrutierungen von neuen Mitarbeitern oder Auszubildenden verlängern sich Probezeiten, weil neue Fachkräfte keine passende Wohnung finden. Besonders betroffen sind Branchen mit mittleren und niedrigeren Einkommen – etwa im Gesundheitswesen, in der Industrie, der Logistik oder dem Gastgewerbe.
Umfrage: Großer Mangel an Wohnraum
Wie belastend die angespannte Situation am Wohnungsmarkt für die Unternehmen ist, zeigt auch eine gemeinsame Umfrage von IHK Südlicher Oberrhein und Freiburger Stadtbau (FSB) aus dem Jahr 2024. In Freiburg gaben mit 55 Prozent besonders viele Betriebe an, für ihre Mitarbeitenden keine Wohnung zu finden. Aber auch im ländlichen Raum beklagen 40 Prozent der Unternehmen einen Mangel an Wohnraum. „Betroffen sind letztlich alle“, sagt Alwin Wagner, der Stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer. Der Wohnraummangel werde zum Risikofaktor für den Standort. „Wir haben selbst schon erleben müssen, dass wir Beschäftigte verloren haben, weil sie in der Region keine Wohnung finden konnten.“
Vor diesem Hintergrund rückt das über viele Jahrzehnte gelebte Konzept der Werkswohnungen wieder stärker in den Fokus, neue Modelle der Unterstützung gesellen sich hinzu. „Wer als Unternehmen beim Thema Wohnen mitdenkt, kann sich im Wettbewerb um Talente deutlich positionieren und langfristig die Mitarbeiterbindung stärken“, sagt Wagner. Einige Betriebe am südlichen Oberrhein haben bereits erste Modelle entwickelt, etwa durch eigene Werkswohnungen, Kooperationsprojekte mit Wohnungsbaugesellschaften oder durch die gezielte Unterstützung bei der Wohnungssuche.
Vorzeigeprojekt der Freiburger Stadtbau: Apartments für Azubis
Vor allem Auszubildende haben es in der Großstadt Freiburg schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Aus diesem Grund wurde unter der Regie der Freiburger Stadtbau GmbH (FSB) im Nordwesten der Stadt ein einzigartiges Wohnprojekt mit rund 90 Apartments für 145 Azubis an den Start gebracht, das nun kurz vor der endgültigen Fertigstellung steht: „WIR:SÜD“
„Unser Ziel war es, ein Umfeld zu schaffen, das den Lebensrhythmus junger Menschen aufgreift – flexibel, urban und gemeinschaftlich“, sagt Dr. Magdalena Szablewska, Technische Geschäftsführerin der FSB Das Gebäude bietet rund 3.800 Quadratmeter Wohn- und Gemeinschaftsfläche und erfüllt den KfW-Effizienzhaus-Standard 55. Die Hülle aus nachwachsendem Holz reduziert in der Bauphase CO₂-Emissionen. Die klimafreundliche Wärmeversorgung erfolgt über das Fernwärmenetz. Photovoltaikanlagen auf begrünten Dächern liefern umweltfreundlichen Strom. Alle Apartments sind barrierefrei per Aufzug erreichbar. Fünf Einheiten werden rollstuhlgerecht ausgeführt – alle Wohnungen sind gemäß dem FSB-Maßnahmenkatalog „Barrierefreies Bauen“ konzipiert. Der Bezug erfolgt in diesem Sommer.
Die FSB vermietet die Apartments an Ausbildungsbetriebe aus dem Raum Freiburg. Diese schließen Mietverträge mit der FSB ab und überlassen die Wohnungen für die Dauer der Ausbildung ihren Auszubildenden. Voraussetzung sind die Volljährigkeit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie ein gültiger Wohnberechtigungsschein. Die Gesamtmiete enthält alle Nebenkosten – inklusive Strom, Heizung, Wasser und WLAN. Das jeweilige Unternehmen unterstützt seinen Auszubildenden mit einem Drittel der Miete. „Die Zukunft beginnt mit einem Dach über dem Kopf – vor allem für junge Menschen, die ins Berufsleben starten“, sagt Dr. Matthias Müller, Kaufmännischer Geschäftsführer der FSB. „Mit ‚WIR:SÜD‘ bieten wir eine bezahlbare Wohnung und ein Zuhause auf Zeit, das Perspektiven öffnet.“
Ein Beispiel, das aus Sicht von Alwin Wagner Schule machen sollte. „Der Ausbau von Mitarbeiterwohnungen bedarf einer großen Kraftanstrengung von Unternehmen, Projektleitern und Kommunen“, sagt Alwin er. Baulandreserven müssten aktiviert, Baugenehmigungen beschleunigt und innovative Bauweisen gefördert werden. Kommunen bräuchten dafür den Rückhalt von oben, erklärt Wagner und appelliert an die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger im Land, über Parteigrenzen hinweg an einer Lösung mitzuwirken. „Wir müssen unseren Standort attraktiv halten.“