PM001: Einfach mal unordentlich sein

Beim Neujahrsempfang der IHK Elbe-Weser gab LinkedIn-Gründer Konstantin Guericke einen überraschenden Tipp und erklärte, warum es im Silicon Valley leichter ist, unternehmerisch erfolgreich zu sein. Dafür hatte der gebürtige Zevener allerdings erst einen erlernten Glaubenssatz über Bord werfen müssen.

Elbe-Weser-Raum (IHK). Da staunten die fast 1.000 Gäste des IHK-Neujahrsempfangs am 7. Januar nicht schlecht: Unordnung erzeugt Innovation, so lautete die Botschaft von Konstantin Guericke, einem der fünf Gründer des Business-Netzwerks LinkedIn. Sympathisch normal stand der gebürtige Zevener als Keynote-Speaker auf der Bühne des Stader Stadeums und lächelte seiner 91-jährigen Mutter in der ersten Reihe zu, die ihn als ehemalige Lehrerin stets zur Ordnung aufgerufen hatte. Aber: „Wer perfekt sein will, braucht zu lange und wird von anderen überholt“, so Guericke. Neues entstehe nicht durch Überlegen, sondern durch Machen. Und da müsse man auch mal mutig sein. „Im Silicon Valley lautet ein Leitsatz: ‘Es ist besser, sich zu entschuldigen, als um Erlaubnis zu fragen’.“
Auch sonst fand er viel Lob für die legendäre kalifornische Innovationsschmiede und zerstreute zugleich die Furcht vor einer Art Weltherrschaft der Tech-Riesen. Zwei Drittel aller technischen Arbeiter im Valley seien nicht in den USA geboren und 50 Prozent aller erfolgreichen Start-Ups von Menschen aus anderen Ländern gegründet. Gerade diese Internationalität, die kulturelle Vielfalt und auch soziale Diversität sei es, die so befruchtend wirke: „Gute Ideen kommen von anderen Menschen, Erfolg durch unterschiedliche Perspektiven, die sich vereinen“, so Guericke. Und das Silicon Valley sei in einem ständigen Wandel. Auch die Großen wie Microsoft und Google verschliefen mitunter Entwicklungen, so dass immer wieder neue Firmen sich ansiedelten und die Kräfte neu verteilt würden. „Es geht darum, die Welt zu beflügeln“, sagte der 58-jährige Guericke mit erfrischend jugendlichem Idealismus.
Die Frage, ob es an den schwierigen Rahmenbedingungen, zum Beispiel der Bürokratie, liege, dass es in Deutschland so wenig Start-Ups gebe, verneinte er: „Gründer gehen mit Herausforderungen um. Das ist viel eher eine Kultur- und Mentalitätsfrage.“
Den Erfolg der schöpferischen Unordnung unterstrich auch Maximilian Butek, Chef der Auslandshandelskammer China, der live aus Shanghai zugeschaltet war: „Die `Chinaspeed` entsteht dadurch, dass die Chinesen Produkte auf den Markt bringen, die zu 80 Prozent fertig sind. Den Rest optimieren sie mit ihren Kunden.“ Wer wie die Deutschen erst das perfekte Produkt kreieren wolle, sei beim Markteintritt oft schon veraltet.
Der anschließende Wirtschaftstalk unter der Leitung von IHK-Hauptgeschäftsführer Christoph von Speßhardt blieb stringent bei diesem Grundsatz. Auf die augenzwinkernde Frage des IHK-Chefs nach „unordentlichem Verhalten“ antwortete Ulrike Schrage, Geschäftsführerin der Schrage GmbH Metallspritz- und Schweißtechnik aus Osterholz-Scharmbeck: „Wie wir alle wissen, ist die Wirtschaftslage derzeit nicht berauschend. Trotzdem habe ich im vergangenen Jahr eine Million Euro in große neue Maschinen investiert. Dazu gehören Mut und der Wille zur Veränderung.“ Fabian Stackmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Traditionskaufhauses in Buxtehude, fing den Ball mit Humor auf: „Wenn man seit 1919 in der Region etabliert ist, muss man sich schon ein bisschen ordentlich benehmen. Aber hinter den Kulissen sind wir deutlich unordentlicher, wandeln uns in Richtung digital gestützter Kundenerlebnisse.“ Einen Lacher erntete die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens mit ihrer Bemerkung, dass es für die Sicherheitsbehörden wohl etwas schwierig sei, sich zu entschuldigen statt zu fragen. Wieder ernst betonte sie: „Ich denke, es herrscht Konsens, dass wir zu komplex geworden sind. Darum müssen wir zum Beispiel Prozesse überprüfen und sinnvoll digitalisieren. Sonst gehen wir an Perfektion zugrunde.“
IHK-Präsident Sebastian Vossmann, der für die neue, abwechslungsreiche und kurzweilige Gestaltung des Neujahrsempfangs gesorgt hatte, sagte mit Blick auf die anwesenden Politikvertreter: „Wir werden in diesem Jahr mit klarer Haltung und deutlichen Worten auftreten. Von der Politik erwarten wir Mut zur schnellen Veränderung statt Angst vor Entscheidungen.“ Und das beste Beispiel für den Erfolg dieser Einstellung fand er in der eigenen Region: „Wir haben einen gesunden Mix aus unterschiedlichsten Branchen, unsere Ausbildungszahlen sind stabil und bei den Insolvenzen liegen wir deutlich hinter dem Bundesschnitt. Das ist der Geist des Elbe-Weser-Raums. Wir reden nicht über Herausforderungen – wir suchen Lösungen, packen an und handeln.“