#stayhomenothungry

„Der Riegel ist alkoholfrei. Es sei denn, man tunkt ihn in Bier“

Beim Bierbrauen wird Malz geschrotet und mit Wasser aufgekocht. Kohlenhydrate und Zucker gehen in die Flüssigkeit über, die anschließend als Stammwürze abgelassen wird. Aus ihr macht der Braumeister später das Bier. Das Malz bleibt als Nebenprodukt übrig. Nebenprodukt? Ideale Ballaststoff- und Proteinquelle sagen vier Sportstudenten aus Darmstadt. Arne Schlotheuber und Eric Galinski verarbeiten mit ihren Kommilitonen und Geschäftspartnern Axel Neumann und Christian Stöcker Biertreber zu einem Riegel, der im Frühjahr 2020 an den Start gehen soll.
Autorin: Veronika Heibing, 8. März 2020
IHK: Der Lebensmitteltechniker nennt es Treber. Als Laie dürfen wir das mal als zerkochte Malzpampe beschreiben. Klingt ja lecker. Wie kommt man auf die Idee, so was in einem Riegel zu verarbeiten?
Arne Schlotheuber: Vor fast zwei Jahren haben wir das Uni-Seminar »Craft Beverage Entrepreneurship« besucht. Nach einer Einführung in die Brauereiszene sollten wir eine eigene Geschäftsidee für eine Abschlusspräsentation entwickeln. Auf den Biertreber sind wir dabei eher zufällig gestoßen und haben uns gedacht: ein super Rohstoff, den man weiterverwerten sollte. Da Treber reich an Ballaststoffen und Proteinen ist, lag für uns als Sportstudenten die Verwendung in einem Riegel auf der Hand. Unser Dozent war sofort begeistert und hat uns ermutigt, die Geschäftsidee ernsthaft weiterzuverfolgen.
IHK: Anfangs hieß der Riegel noch „BeerBar“. Warum habt ihr euch für den neuen Markennamen „Rebert“ entschieden?
Eric Galinski: „BeerBar“ war eher ein Arbeitstitel, der seine Schwächen hat. „Bar“, zu Englisch: „Riegel“, wurde häufig mit dem deutschen Wort „Bar“ assoziiert. Dadurch lassen sich zwar leicht Kneipen als Kooperationspartner gewinnen, doch der Name wird der eigentlichen Idee hinter dem Riegel nicht gerecht. Auch wurden wir häufig gefragt, ob der Riegel nach Bier schmeckt oder Alkohol enthält. Tut er nicht. Es sei denn, man tunkt ihn in Bier. [grinst] „Rebert“ ist Treber rückwärts. Der Name passt viel besser zu einem vermeintlichen Abfallprodukt, das seinen Weg zurück in den Kreislauf findet.
IHK: „Fuck Foodwaste“ lautet euer Motto. Ihr sagt aber selbst: Das Problem der Lebensmittelverschwendung löst ihr mit dem Riegel nicht.
Eric Galinski: Biertreber nach dem „Upcycling“-Prinzip zu einem hochwertigen Produkt weiterzuverarbeiten, das ernährungsphysiologisch sehr wertvoll ist, kann das Problem der Lebensmittelverschwendung natürlich nicht lösen. Aber unser Produkt kann für das Thema sensibilisieren. Und das ohne erhobenen Zeigefinger.
IHK: Ihr seid neu in der Lebensmittelbranche. Welche Stolpersteine galt es zu überwinden?
Arne Schlotheuber: Wir sind Sportstudenten, keine Lebensmitteltechniker. Entsprechende Kenntnisse, auch im Lebensmittelrecht, haben wir uns erarbeiten müssen. So hat Biertreber eine geringe Halbwertszeit. Wir müssen sicherstellen, dass der Rohstoff schnell getrocknet und haltbar gemacht wird, bevor er verarbeitet werden kann. Zudem war es schwierig, einen Produzenten zu finden. Wir haben mit vielen Unternehmen gesprochen, aber in Deutschland war kaum jemand bereit, in der Entwicklungsphase die Maschinen für eine kleine Stückzahl umzustellen. Die Mindestabnahme lag im vier- bis fünfstelligen Bereich. Wir hatten großes Glück, dass uns die Firma Döhler aus Darmstadt mit einem Produzenten in Polen in Kontakt gebracht hat. Wir haben ihm unser Rezept zugeschickt und er lieferte 20 bis 30 Riegel zur Verkostung. Dann haben wir das Rezept angepasst und verfeinert. Das ging mehrfach hin und her, bis wir zufrieden waren. Die Zutaten, die unser Partner verwendet, sind sehr hochwertig und der Riegel schmeckt uns gut. Auch unsere Tester waren bisher begeistert.
IHK: Was ist drin im Riegel und woher kommt der Treber?
Eric Galinski: Aktuell arbeiten wir mit einer Brauerei in Hamburg zusammen, die Treber in Bioqualität liefern kann. Das ist auch deshalb praktisch, weil wir zuvor eine Trocknungsfirma in Hamburg gefunden hatten. Dadurch, dass beide Firmen am gleichen Ort sitzen, können wir die Transportwege kurz halten. Der Riegel besteht aus zehn Prozent Treber und enthält mehr Ballaststoffe als die meisten anderen. Dazu kommt eine Mischung aus Kürbiskernen, Mandeln, Malz, Haferflocken, Haselnüssen sowie ein dünner Glucosesirup-Überzug, der alles zusammenhält. Neben der Geschmacksrichtung „Kerne“ gibt es eine Variante mit Schokolade.
IHK: Studieren und nebenbei ein Unternehmen gründen – klingt anstrengend.
Arne Schlotheuber: Es ist schon hart, parallel zum Geschäftsaufbau an der Masterarbeit zu schreiben. Eine super Hilfe war das Stipendium von „Hessen Ideen“ – ein sechsmonatiges Programm für Hochschulabsolventen, die sich in der Frühphase der Ausarbeitung ihrer Geschäftsidee befinden. Von Juli bis Dezember 2019 haben wir hier von Know-how, Workshops und finanzieller Unterstützung profitiert. Auch unseren Arbeitsplatz im Coworking-Space des Technologie- und Gründerzentrums HUB31 einzurichten, war eine gute Entscheidung. So kommst du schnell an Kontakte, die dir weiterhelfen können.
IHK: Ihr hattet eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die im Dezember 2019 endete. Wie viel kam rum und ab wann gibts den Rebert-Riegel zu kaufen?
Eric Galinski: Um in Serienproduktion zu gehen, benötigten wir Startkapital von mindestens 14.000 Euro. Dieses erste Finanzierungsziel haben wir erreicht. Für den Vertrieb wollen wir auf einen eigenen Online-Shop setzen, aber auch auf stationäre Händler: Ausgewählte Läden in Darmstadt und Mainz haben uns bereits zugesagt und wir gehen davon aus, dass wir im Frühjahr 2020 mit dem Vertrieb starten können.
IHK: Was wird der Riegel kosten und gibt es schon Ideen für weitere Produkte?
Arne Schlotheuber: Durch Fridays for Future und andere Nachhaltigkeitsbewegungen ist die Bereitschaft, für ein nachhaltiges Produkt einen angemessenen Preis zu zahlen, gewachsen. Wir planen eine Befragung auf der Straße, und natürlich orientieren wir uns auch an der Konkurrenz. Genaueres wollen wir zu diesem Zeitpunkt aber nicht sagen. Und ja, wir haben Ideen für weitere Produkte. Mehl aus Biertreber wäre denkbar, etwa als Basis für ein ballaststoff- und proteinreiches Brot. Auch schauen wir uns nach weiteren vielversprechenden Nebenprodukten um. Trester heißen die Pressrückstände, die bei der Saft- oder Weinproduktion anfallen, beispielsweise von Äpfeln oder Trauben. Auch die sind ernährungsphysiologisch sehr interessant. So sollen Traubenschalen und -kerne den Blutdruck senken. Der Riegel hat gerade Priorität, aber wir schauen natürlich immer nach links und rechts.
Update: Seit März 2020 gibt es die Riegel im neuen Online-Shop von Rebert zu kaufen. Mit dem Hashtag #stayhomenothungry warb das Team dafür, während der Coronakrise zuhause zu bleiben. 20 Prozent Rabatt gab es als Aktion im März für die, die online bestellten, statt das Haus zu verlassen.
Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit