Perspektiven der Deutsch-Russischen Wirtschaftsbeziehungen

Aufgrund aktueller geopolitischer Risiken beurteilen die Unternehmen ihre Lage und Perspektive hinsichtlich ihres Russlandgeschäft überwiegend negativ. Das geht aus einer Sonderauswertung der noch unveröffentlichten Umfrage „Going International 2022“ unter knapp 2.700 auslandsaktiven Unternehmen der IHK-Organisation hervor, die Anfang Februar durchgeführt wurde. Rund 1.200 der befragten Unternehmen haben Geschäftsbeziehungen zu Russland.

Trübe Geschäftsperspektiven

Lediglich 15 Prozent der Unternehmen geben an, aktuell gute Geschäfte mit Russland zu machen, jedes zweite Unternehmen gibt schlechte Geschäfte an (Saldo aus gut- minus schlecht-Angaben beträgt minus 34 Punkte). Die Geschäftsaussichten haben sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich verschlechtert. Nur neun Prozent erwarten eine Verbesserung, 49 Prozent gehen von einer Verschlechterung aus (Saldo von minus 40 nach zuvor minus 20 Punkten) – in keiner Region wird die Geschäftsperspektive derzeit negativer beurteilt.
Während die aktuellen Geschäfte also noch ähnlich wie in den Vorjahren beurteilt werden – Unternehmen haben die Geschäfte stets zurückhaltend bewertet – wird die Perspektive für die kommenden Monate so schlecht wie zuletzt 2014/15 in der gesamten Eurasischen Region nach der Annexion der Krim durch Russland beurteilt.
Aktuelle Geschäftslage_1
Geschäftslage_Aktuelle Lage_2

Handelshemmnisse schränken Geschäfte ein

Unabhängig von der aktuellen geopolitischen Lage und den Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie sind die Unternehmen mit Russland-Geschäft von Handelshemmnissen betroffen. Vor allem die bereits bestehenden Sanktionen der USA und der EU sowie russische Gegenmaßnahmen beschränken die Geschäftsbeziehungen deutscher Unternehmen. 2022, wie bereits in den Jahren davor, wurden bestehende EU-Sanktionsregime bestätigt und Personenlistungen ausgeweitet. Obwohl ohnehin schon zahlreiche Hürden bestehen, haben nochmals 29 Prozent der Unternehmen, die im vergangenen Jahr eine Zunahme von Handelshemmnissen wahrgenommen haben, dies vor allem in Russland gespürt. Zwar ist dies im Vergleich zu den Vorjahren ein geringerer Wert, jedoch nicht, weil weniger Hürden in Kraft sind, sondern weil sich die Unternehmen auf die bestehenden Hemmnisse eingestellt haben.
Die Unsicherheit wird voraussichtlich angesichts der aktuellen konfliktreichen Situation an der russisch-ukrainischen Grenze und der damit verbundenen angekündigten zusätzlichen Sanktionen der EU und der USA zunehmen und die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen weiter beeinträchtigen.
Zusätzliche Handelshemmnisse bestehen etwa in Form von in komplexen Zertifizierungsanforderungen für in Russland und den anderen Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) vertriebene Produkte, z.B. für Maschinen und elektrotechnische Geräte. Als besonders belastendes Handelshemmnis hat sich des Weiteren die Zunahme nichtanerkannter Ursprungszeugnisse durch den russischen Zoll herauskristallisiert. In bislang ungekanntem Ausmaß hat Russland zuletzt Ursprungszeugnisse vor allem für solche Waren abgelehnt, die handelspolitischen Schutzmaßnahmen (z.B. Anti-Dumping) der EAWU unterliegen.
In der Folge werden Einfuhren nach Russland mit hohen Zusatzzöllen (z.B. 25 Prozent) belastet, oftmals erst nachdem die Einfuhr bereits erfolgt ist. Betroffen sind hier u.a. die Automobilindustrie und Stahl- bzw. Aluminiumerzeugnisse. Dabei wird i.d.R. nicht der im Ursprungszeugnis angegebene Ursprung selbst hinterfragt. Vielmehr werden immer wieder wechselnde und international völlig unübliche Formanforderungen an die Aufmachung von Ursprungszeugnissen gestellt. Dies trägt zur fortwährenden Verunsicherung der Unternehmen bei. Gepaart mit den angekündigten zusätzlichen Sanktionen der EU (u.a. Handelsverbot für russische Staatsanleihen; Nichtgeltung von Freihandelsregelungen der EU mit der Ukraine für Gebiete der Ostukraine; weitere Ausweitung von Personenlistungen) und der USA ist deshalb von einer weiteren Eintrübung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen auszugehen.
Zunahme von Hemmnissen vor allem in Russland_3

Deutsch-Russische Wirtschaftsbeziehungen

Laut Angaben der AHK Russland haben immer mehr deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren den russischen Markt verlassen: Die Anzahl deutscher Firmen hat sich seit 2011 (Höchstzahl: 6.300 Unternehmen) fast halbiert. Aktuell sind noch 3.651 Firmen mit deutschem Kapital in Russland registriert. Die AHK Russland warnt angesichts zahlreicher Probleme vor einer weiteren Abwanderung aus Russland. Bereits 2021 sind im Vergleich zum Vorjahr acht Prozent mehr Unternehmen abgewandert.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamts betrug das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Russland im Jahr 2021 knapp 60 Milliarden Euro. Darin enthalten sind Exporte nach Russland im Wert von rund 27 Mrd. Euro und Importe aus Russland im Wert von rund 33 Mrd. Euro. Der Handel konnte sich im Jahr 2021 nach dem pandemiebedingten Einbruch in 2020 erholen. In der Liste der wichtigsten Handelspartner Deutschlands belegt Russland den 13. Platz.
Durch den Trend bzw. die Notwendigkeit zur Lokalisierung stiegen in den vergangenen Jahren die deutschen Direktinvestitionen in Russland. Sie betrugen laut Bundesbank 2019 24,6 Mrd. Euro (vgl. 2014: 16,6 Mrd. Euro). Deutsche Unternehmen gehören damit zu den aktivsten ausländischen Investoren in Russland.
Deutsch-Russisches Handelsvolumen von 2000 bis 2021_4