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70 Jahre DER SCHMIDT GRUPPE – Mobilität symbiotisch gedacht
Kaum ein anderes Fahrzeug repräsentiert gelebten Mittelstand und inhabergeführtes Unternehmertum in der Region besser als die bordeaux-roten Busse der Familie Schmidt. Mit ihrer Farbe und Präsenz sind die einprägsamen Ungetüme längst zu einem Stück regionaler Identität geworden. Während der Traditionsbetrieb an der Halchterschen Straße von vielen häufig nur mit dem markant gestalteten Transportmittel assoziiert wird, steckt hinter der vermeintlichen Einzelmarke jedoch eine behutsam gepflegte und breit aufgestellte Unternehmensgruppe, die unter der Regie von Georg Schmidt und Philipp Cantauw buchstäblich auf Flughöhe gehalten wird.
Die Gesichter hinter dem Erfolg v. l. n. r.: Wilhelm Schmidt, Georg Schmidt und Philipp Cantauw.
Ein ungewöhnlich kalter Nachmittag im Februar. Leichter Nebel liegt über Wolfenbüttel, doch schon vom Bahnhof aus lässt sich die emporragende und kaum zu übersehende Firmenzentrale erkennen. Nach recht kurzem Fußweg offenbart sich bei der Ankunft rasch ein Eindruck, der den Begriff „Flotte“ mehr als rechtfertigt: Glied an Glied reihen sich Reise-, Klein- und Linienbusse aneinander. Knapp 100 Fahrzeuge – manche davon aus dem VIP-Segment – sind hier stationiert, fein säuberlich befreit vom Schneetreiben der vergangenen Tage und Wochen. Das rund 20 000 Quadratmeter große Firmenareal wirkt wie ein kleines Imperium hinter Bahnhof und Altstadt, von dem aus die Straßen von Wolfenbüttel bis Südeuropa erobert werden. Der erst 2010 eröffnete Komplex mitsamt überdachter Busparkplätze und 250 Mitarbeitenden wird passenderweise „SchmidtTerminal“ bezeichnet, und erinnert tatsächlich ein wenig an moderne ZOB-Anlagen deutscher Großstädte. Für Reisegäste beginnt hier die Reise fast schon ritualisiert: ankommen, entspannen, einsteigen.
Der Büssing gehörte früh zum Standardrepertoire der Wolfenbütteler.
Reisebusse sind nicht out
Böse Zungen behaupten gelegentlich, Reisebusse hätten als Fortbewegungsmittel ihren Platz irgendwo im unteren Bereich der Beliebtheitsskala gefunden. Wilhelm Schmidt, früherer Geschäftsführer der zweiten Generation und inzwischen im wohlverdienten Ruhestand, sieht das naturgemäß anders: „Wer verlässlich von A nach B oder auch nach C kommen möchte, vielleicht sogar als Gruppe, ist mit Bussen noch immer gut beraten.“
Allerdings müsse man genau hinschauen: Reisebus sei nicht gleich Reisebus. Unterschieden werden müsse zwischen Fahrzeugen, die routinemäßig nach Linienplänen unterwegs sind – also jenes Modell, das ein einschlägig bekannter Anbieter im grün-orangen Design seit mehr als zehn Jahren betreibt – und jenen Transportmitteln, die Menschen im Rahmen von Urlaubs-, Tages- oder Rundreisen ans gewünschte Ziel bringen, also im Grunde genommen das, was das Schmidtsche Modell seit Jahrzehnten ausmacht.
Das „SchmidtTerminal“ ist die Keimzelle des Traditionsbetriebs aus der Lessingstadt.
Geteilte Verantwortungen schaffen Geradlinigkeit
Apropos Schmidtsches Modell: Ein Blick auf die mittlerweile gewachsene Unternehmensgruppe zeigt, dass sich hinter den roten Bussen längst mehrere Geschäftsfelder verbergen, die in eigenständigen Tochtermarken organisiert sind. Neben der klassischen Busreise-Sparte gehören Flug- und Schiffsreisen ebenso wie ÖPNV-Mobilitätsangebote in der Region dazu. Verteilte Verantwortungen bilden dabei ein zentrales Element der Unternehmensstruktur: Georg Schmidt, Sohn von Wilhelm Schmidt und seit 2018 Geschäftsführer in der bereits dritten Generation, kümmert sich um alles, was rollt – gewissermaßen um den technischen Teil. Als weiterer Geschäftsführer ist Philipp Cantauw mit an Bord. Seit 1993 im Betrieb, verantwortet er als ausgewiesener Touristikexperte das Reisebürogeschäft mit seinen zahlreichen Dependancen im Umland sowie das Flugreisesegment. „Philipp und ich bilden eine Einheit. Das Aufteilen der einzelnen Bereiche soll darüber nicht hinwegtäuschen“, erzählt uns Georg Schmidt mit einem breiten Lächeln.
Wer verlässlich von A nach B oder auch nach C kommen möchte, vielleicht sogar als Gruppe, ist mit Bussen noch immer gut beraten.Wilhelm Schmidt
Beide geben eine unmissverständliche Fahrtrichtung vor: Klare Branchenfokussierung, etablierte Führungsstrukturen mit schnellen Handlungsmöglichkeiten und eine ausgeprägte Standortverbundenheit – eine Mischung, die Tourismus und Mobilität eben als Gesamtsystem betrachtet. Das Konzept ist bekanntlich aufgegangen.
Reisende können sich vor Urlaubsbeginn im 2016 renovierten Komplex entspannen.
Weitere Standbeine sichern das Geschäft
70 Jahre Erfolg kommen natürlich nicht von ungefähr. Gegründet wurde das Familienunternehmen am 7. März 1956 von Josef und Gisela Schmidt in der Langen Straße 14 in Wolfenbüttel. Damals wie heute agierte man mit einem klaren Credo: Bus-, Bahn-, Flug- und Schiffsreisen vermitteln – allerdings noch nicht mit der Markenprägung, die heute selbstverständlich erscheint.
Der Büssing gehörte schnell zum Standardrepertoire. Mit den Jahren kamen erste Reisebüros hinzu, eine Betriebshalle entstand im Zuge des kontinuierlichen Flottenausbaus, und Mitte der 1990er-Jahre wurde schließlich der Markenname „Der Schmidt“ etabliert. Gleichzeitig entwickelte sich die Firma zu einem eigenständigen Reiseveranstalter und beschränkte sich fortan nicht mehr nur auf Vermittlungen und Busvermietungen.
Das Fundament für den Erfolg wurde 1956 in der Langen Straße 14 in Wolfenbüttel gelegt.
„Der deutsche Busreisesektor ist stark familiengeprägt, viele davon sind mittlerweile verschwunden. Daher freut es mich umso mehr, dass wir uns so lange halten konnten und sogar an die nächste Generation übergeben konnten“, sagt Wilhelm Schmidt. Besonders bemerkenswert: Der Gründer selbst feierte kürzlich seinen 102. Geburtstag und kann miterleben, wie sein Lebenswerk in eine neue Ära überführt wird.
„Es ist wichtig, mehrere Standbeine zu haben, die ineinandergreifen und sich gegenseitig austarieren“, betont Philipp Cantauw. Gerade diese Diversifizierung habe das Unternehmen krisenfest gemacht. Die Coronapandemie hinterließ zwar auch hier Spuren – insbesondere bei den regionalen Reisebüros und bei der Vermarktung eigener Reisen –, doch andere Bereiche, insbesondere Flugreisen, konnten Verluste kompensieren. Der Reisebus-Sektor selbst habe sich allerdings nie vollständig erholen können, nicht zuletzt wegen des Mangels an Busfahrerinnen und Busfahrern, die sich in Lockdownzeiten anderweitig orientierten. Jedoch zeige sich mittlerweile, dass der Mobilitätsbedarf weiterhin hoch ist. Denn bei Busreisen geht es längst nicht immer nur um Fahrten mit vorgegebenem Ziel. Häufig müssen schlicht größere Gruppen ortsbezogen bewegt werden – etwa zu Firmenveranstaltungen, Tagungen oder anderen Anlässen. „Wir haben derzeit in der Busvermietung so gute Auslastungszahlen wie noch nie zuvor“, berichtet Cantauw.
Bordeauxrot als Signalfarbe: Für die markanten Busse ist das Unternehmen überregional bekannt.
„Der ÖPNV ist eben ein Zuschussgeschäft“
Auch der öffentliche Personennahverkehr spielt eine wichtige Rolle. Die Unternehmensgruppe betreibt mehrere Buslinien in der Region. Hinzu kommt ein Joint-Venture für Linienbusse im Landkreis Goslar. Die entsprechenden Konzessionen bestehen teilweise seit Jahrzehnten. „Der ÖPNV-Bereich ist als Säule nicht zu unterschätzen. Wir sind nicht nur Privatanbieter für Reisen von A nach B, sondern ebenfalls Mobilitätsdienstleister für die Öffentlichkeit“, bekräftigt Georg Schmidt. Dennoch entwickelten sich die steigenden Betriebskosten zum Problem. Schmidt sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Sollen mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen, brauche es langfristige Finanzierungskonzepte. Sein Vater pflichtet ihm bei: „Wenn das Land Niedersachsen mehr Menschen in Bus und Bahn bekommen möchte, dann muss die entsprechende Taktung stimmen. Und dafür sind finanzielle Zuwendungen alternativlos, denn der ÖPNV ist eben ein Zuschussgeschäft.“
Flugreisen vom hiesigen Airport werden immer beliebter.
Flugreisen als neues Zugpferd
Im Gegensatz dazu habe sich das Flugreisegeschäft zu einem starken Wachstumstreiber entwickelt. Über die Tochtermarke momento GmbH organisiert das Team Vollcharterflüge von Braunschweig-Wolfsburg sowie von acht weiteren Regionalflughäfen. Angeflogen werden vor allem Städte in Südeuropa und in der DACH-Region. Damit erschließt die Unternehmensgruppe bewusst Zielgruppen, die sich eher gegen eine zeitaufwändige Busreise entscheiden würden. Flug, Transfer und Hotel gibt‘s im Komplettpaket. Besonders auffällig: Die Zahl der Flugreisen habe sich im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie nach eigenen Angaben verdoppelt. „Das bequeme Reisen – also Fliegen von Braunschweig aus – trifft in der Region den Zahn der Zeit“, ist Philipp Cantauw überzeugt.
Wir haben derzeit in der Busvermietung so gute Auslastungszahlen wie noch nie zuvor.Philipp Cantauw
Die Flugtouristik füge sich nahtlos in das bestehende Gefüge aus ÖPNV, Reisebüros und Busreisen ein – wie ein zusätzliches Zahnrad, das ein ohnehin gut laufendes Uhrwerk noch präziser arbeiten lässt. Gerade diese Verbindung mache den Unterschied. Während andernorts einzelne Geschäftsfelder nebeneinander existieren, ist in Wolfenbüttel eine besondere Symbiose im Kontext der Mobilität entstanden. Tatsächlich sei dieser Umstand kein Zufall, sondern das Ergebnis eines über Jahre gewachsenen Verständnisses dafür, wie sich regionale Mobilitätsbedürfnisse und touristische Nachfrage sinnvoll miteinander verbinden lassen.
Unternehmensnachfolge geglückt
Ein anderes Thema stand in den vergangenen Jahren besonders im Fokus der Familie: die Unternehmensnachfolge. Pünktlich zum Jubiläum konnte der lange vorbereitete Generationswechsel vollzogen werden – Georg Schmidt übernimmt als neuer Inhaber offiziell das Ruder. Dass ein solcher Übergang nicht über Nacht geschieht, betont er ausdrücklich. Wer Verantwortung weitergeben wolle, müsse frühzeitig damit beginnen, die Weichen zu stellen. „Früher oder später kommt für jede Unternehmerin oder jeden Unternehmer der Zeitpunkt, an dem man sich aus der Firma zurückzieht“, sagt er. Spätestens dann müsse klar sein, wer übernimmt und in welche Richtung man sich künftig entwickeln soll.
Das Angebotsportfolio der Unternehmensgruppe hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt.
Wilhelm Schmidt, der 2022 aus der Geschäftsführung ausgeschieden ist, ergänzt mit einem nüchternen Blick auf die Branche: „Viele Betriebe verdrängen diese Frage zu lange – bis der Moment plötzlich da ist und ein tragfähiger Plan fehlt. Gerade weil Nachfolgeregelungen rechtliche, steuerliche und finanzielle Aspekte berühren, braucht es Zeit, Geduld und sorgfältige Vorbereitung.“
Eine zentrale Rolle spielte dabei auch Philipp Cantauw, der den Prozess mit Erfahrung und Überblick begleitete. Zugleich erwies sich seine Position außerhalb der Familie als wertvoller Vorteil: Cantauw konnte Dinge aus einer gewissen Distanz betrachten, Impulse geben und Entscheidungen aus einem anderen Blickwinkel beleuchten. „Philipp gehört quasi zu unserer Familie, dennoch war es für uns alle wertvoll, eine externe Instanz an unserer Seite zu haben“, freut sich Georg Schmidt rückblickend.
Früher oder später kommt für jede Unternehmerin oder jeden Unternehmer der Zeitpunkt, an dem man sich aus der Firma zurückzieht.Georg Schmidt
Dass viele Busunternehmen inzwischen bewusst auf eine Nachfolgeregelung verzichten, beobachten beide mit wachsender Sorge. Die Anforderungen an die Branche seien in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen: Bürokratische Auflagen, Personalmangel und der wachsende Druck zur Digitalisierung brächten viele Betriebe an ihre Grenzen. „Unser Gesamtkonstrukt schafft Resilienz. In dieser Form findet man so etwas nicht häufig in Deutschland“, so Cantauw, der damit auf die Vielfalt anspielt, die es möglich mache, Stabilität zu schaffen. Als etabliertes Touristikunternehmen gelinge es immer wieder, vor allem junge Menschen für die Branche fernab weltbekannter Großkonzerne zu gewinnen und neue Perspektiven zu eröffnen. Entsprechend zuversichtlich richtet sich der Blick nach vorn: Die bestehenden Geschäftsfelder sollen weiterentwickelt werden, vielleicht kommen sogar neue hinzu. „Wir möchten einfach weiter erfolgreich, aber auch bodenständig in den Dingen sein, die wir tun – und unsere Flughöhe halten“, sind sich beide Geschäftsführer einig.
70 Jahre Erfolg haben es verdient, zelebriert zu werden
Dass ein 70-jähriges Jubiläum nicht leise vorbeigeht, versteht sich da fast von selbst. Anfang März spielte das Braunschweiger Staatsorchester ein Konzert in der eigens angemieteten Elbphilharmonie in Hamburg. Die Anreise der Gäste geriet dabei selbst zu einer kleinen Inszenierung der eigenen Mobilitätsgeschichte: Ein Flusskreuzfahrtschiff brachte sie von Braunschweig nach Hamburg. Für Cantauw ist das weit mehr als nur eine festliche Randnotiz. „Für uns, aber auch für die Region ergeben sich durch solche Events enorme Wiedererkennungspotenziale“, sagt er – und fügt mit einem augenzwinkernden Fazit hinzu: „Nach 70 Jahren kann man die Korken schon mal knallen lassen.“
2/2026
