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Nr. 7105222
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Die neue Leichtigkeit – Wie CompositeEdge Bauteile entwickelt, die weniger wiegen und mehr können

Normalerweise heißt mehr Stabilität: mehr Material. Bessere Dämmung: dickere Schichten. Komplexe Verbindung: Klebstoff. Die CompositeEdge GmbH sucht einen anderen Weg. Das Braunschweiger Unternehmen entwickelt Bauteile, die mit weniger Material mehr leisten. Ausgangspunkt war kein fertiges Produkt, sondern ein Verfahren aus jahrelanger Forschung – und die Frage, welche Probleme sich damit lösen lassen. Heute entstehen daraus Akustikelemente, kaum dicker als Papier, die Schall so dämpfen, wie man es sonst von deutlich massiveren Dämmmaterialien erwartet. Oder Rohrsysteme, die Wärme transportieren und halten­ – ohne die dicken Isolationsschichten, die bislang als unverzichtbar galten. Es sind Leichtbaulösungen, die weniger wiegen, weniger Raum benötigen und sich besser wiederverwerten lassen.
„Viele Start-ups beginnen mit einem ­Produkt“, sagt Dr. Mohammad Bahar, Mitgründer und Geschäftsführer von ­CompositeEdge. „Wir hatten keines – sondern eine Technologie.“ Darin liegt ein Schlüssel zu dem, was das Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2024 ausmacht. Die wichtigste Aufgabe zu Anfang war nicht, ein fertiges Produkt zu verkaufen, sondern die richtigen Anwendungen zu finden. Die Ausgangsfrage lautete: Wo kann diese Technologie Probleme lösen, bei denen klassische Materialien und Verfahren zu schwer, zu teuer oder zu aufwendig sind?

Leise durch Materialwissen

Eine Antwort darauf ist ein hauchdünnes Akustikelement, das tiefe Töne dämpfen kann. Um zu verstehen, warum das besonders ist, hilft ein Blick auf herkömmlichen Schaumstoff: Schall dringt in viele kleine Poren ein, reibt sich an Wänden und Kanten und verliert Energie. Nur sind die Poren zufällig verteilt – die Dämmwirkung lässt sich deshalb nur begrenzt steuern. „Bei uns ist das anders“, betont Bahar. „Wir verbinden unser Materialwissen mit eigenen Fertigungsmöglichkeiten. Dadurch können wir neue Funktionen entwickeln – und in diesem Fall die Struktur des Materials gezielt so gestalten, dass sie Schall bei tiefen Frequenzen wirksam dämpft.“
Wir verbinden unser Materialwissen mit eigenen Fertigungsmöglichkeiten.
Den Anstoß für das Akustikelement brachte ein niederländisches Unternehmen mit, das Mohammad Bahar und sein Team auf einer internationalen Start-up-Veranstaltung in Helsinki kennengelernt hatten. „Die hatten eine spannende Idee“, sagt er, „aber sie konnten sie nicht skalieren.“ CompositeEdge entwickelte daraus ein Verfahren, mit dem sich die feinen Strukturen zuverlässig und wiederholbar herstellen lassen – Bauteil für Bauteil. Heute wird die Lösung in kleiner Serie gefertigt und in Wärmepumpen eingesetzt, deren tieffrequente Geräusche für Nachbarn schnell zur Belastung werden können. Künftig könnten solche Elemente auch an Straßen oder Autobahnen Lärm mindern.

Werkstoffe im Zusammenspiel

An diesem Beispiel lässt sich gut erkennen, wie ­CompositeEdge arbeitet. Das Team bringt Anwendungen und technische Möglichkeiten zusammen. Es kauft nicht einfach Standardmaterial und baut etwas daraus, sondern setzt auf eigene Verbundmaterialien. Dazu können Naturfasern, Kunststoffe, Metalle oder auch Kork gehören – je nachdem, welche Eigenschaften ein Bauteil erfüllen soll.
Genau damit kann CompositeEdge seinen Kunden helfen, wenn klassische Lösungen zu schwer, zu dick, zu teuer oder zu schlecht recycelbar sind. „Uns stehen vielleicht hundert verschiedene Materialien zur Verfügung“, erklärt der Geschäftsführer. Entscheidend sei jedoch nicht die Zahl, sondern das Wissen, was jeder Werkstoff leisten kann – und welche neuen Funktionen im Zusammenspiel mit anderen Materialien und der passenden Verarbeitung möglich werden.

Schicht für Schicht verschweißt

In der Fertigung arbeitet man mit einem automatisierten Faserlegeverfahren, wie es ursprünglich aus der Luft- und Raumfahrt bekannt ist. Dabei werden dünne Bänder aus faserverstärktem Kunststoff erhitzt, präzise abgelegt und ohne Klebstoffe miteinander verschweißt. CompositeEdge kann dieses Verfahren an unterschiedliche Materialien und Anwendungen anpassen – seien es Sandwichpaneele, Naturfaserschalen oder Rohre.
Wir können ein Konzept direkt in ein erstes Bauteil übersetzen.
Hinzu kommt die Fähigkeit, Bauteile vorab zu simulieren und ihre Eigenschaften rechnerisch zu prüfen. Weil der Prozess automatisiert ist, bleibt es nicht beim Prototyp: Was funktioniert, kann CompositeEdge wiederholbar herstellen und auch in Serie produzieren. „Wir müssen nicht erst auf andere warten. Wir können ein Konzept direkt in ein erstes Bauteil übersetzen“, heißt es. Das verkürzt Entwicklungszeiten und schafft früh Klarheit darüber, ob aus einer technischen Lösung auch ein industrieller Prozess werden kann.

Mehr Funktion im Bauteil

Was das konkret bedeuten kann, zeigt ein Blick in die Medizintechnik, etwa auf Prothesen. Viele Bauteile entstehen dort noch in handwerklichen Arbeitsschritten; Verbindungen werden geklebt, geschraubt oder mit zusätzlichen Metallteilen gelöst. Mit neuen Verbundmaterialien und automatisierter Fertigung lassen sich solche Bauteile leichter und robuster herstellen – und zugleich anders konstruieren. „Bei einer Prothese geht es nicht nur darum, Gewicht zu sparen“, erläutert Mohammad Bahar. „Wir können auch Verbindungen anders lösen – ohne jedes Teil kleben oder verschrauben zu müssen.“
Doch neue technische Möglichkeiten führen nur dann weiter, wenn auch Kunden bereit sind, sich zu bewegen. Deshalb schaut Mohammad Bahar weniger auf die Branche als auf die Haltung eines Unternehmens. Gesucht sind Firmen, die ein konkretes Problem haben und dafür neue Wege gehen wollen. „Für uns sind Kunden spannend, die Lust auf Veränderung haben“, sagt er. Wer dagegen nur bestehende Prozesse fortschreiben will, findet in ­CompositeEdge vermutlich nicht den richtigen Partner. Viele Lösungen passen nicht sofort in die gewohnten Abläufe.

Kürzere Wege, größerer Mut

Gerade kleinere Firmen seien dabei manchmal im Vorteil. Die Entscheidungswege sind kürzer, der Mut zum Ausprobieren ist größer und aus einer technischen Möglichkeit wird schneller ein gemeinsames Projekt. CompositeEdge versteht sich dabei als Technologiegeber, bleibt aber nah an der Anwendung: Das Unternehmen kann mit Kunden neue Bauteile entwickeln und die Produkte selbst fertigen. Oder es überträgt Verfahren so, dass Partner sie in eigenen Prozessen nutzen können – etwa über Anlagen und Lizenzen.
Für uns sind Kunden spannend, die Lust auf Veränderung haben.
Dass CompositeEdge auch über Kundenprojekte hinaus wahrgenommen wird, zeigen mehrere Auszeichnungen. International wurde das junge Team mit dem Altair Enlighten Award für nachhaltige Leichtbaulösungen gewürdigt – und das zwei Jahre in Folge. Jüngst kam die Anerkennung aus der Region hinzu: Gemeinsam mit der TU Braunschweig erhielt CompositeEdge den Technologietransferpreis der IHK Braunschweig. Ausgezeichnet wurde das Akustikelement, das Forschung, Materialwissen und industrielle Anwendung zu einem marktfähigen Produkt verbindet.
Besonders gefreut hat Mohammad ­Bahar, dass beim Technologietransferpreis auch das Publikum mitentschieden hat. „Wenn sich die Besucherinnen und Besucher für uns aussprechen, bedeutet das viel“, betont er. „Dann zeigt sich, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen erkennen, welches Potenzial in unserer Technologie steckt.“

Wo Rohre Märkte öffnen

Die größten Chancen sieht der 42-Jährige in einem Bauteil, das zunächst unscheinbar wirkt: dem Rohr. „Rohre sind ein riesiger Markt“, sagt er. Überall dort, wo Medien transportiert werden, könnten leichtere, steifere und funktionalere Lösungen gebraucht werden – in der Energieversorgung, im Maschinenbau oder bei Wasserstoffanwendungen.
CompositeEdge kann Rohre mit sehr dünnen Wandstärken herstellen und unterschiedliche Eigenschaften in einem Bauteil verbinden: innen etwa chemisch beständig, außen steif und witterungsfest. Bei Doppelrohren ließen sich zudem Isolation, Kabelführung oder Sensorik integrieren. Aus einem einfachen Rohr wird so ein Bauteil, das mehr kann als nur etwas durchzuleiten.

Die Chemie hinter der Technologie

Fragt man Mohammad Bahar nach der größten Hürde auf dem Weg zu CompositeEdge, nennt er nicht die Suche nach dem richtigen Werkstoff oder die Anpassung einer Produktionsanlage. Er spricht über Menschen. Am wichtigsten sei gewesen, ein Team zu finden, das fachlich stark ist und zugleich zusammenpasst. „Die Chemie muss einfach stimmen“, sagt er.
Heute besteht der Kern des Unternehmens aus vier Personen: Mohammad Bahar und die beiden Mitgründer Yaser Zyada und Arash Yazdan verantworten Technologie, Automatisierung, KI und Produktentwicklung; Wolfgang Haupt kümmert sich um Business ­Development und darum, neue Kunden, Partner und Märkte zu erschließen.

Rückhalt aus der Region

Zu tun hat das kleine Team genug. „Aktuell sind wir voll ausgelastet.“ Dass ­CompositeEdge diese Aufgaben angehen kann, liegt auch an den Rahmenbedingungen in der Region und darüber hinaus. Die TU Braunschweig habe die Ausgründung von Beginn an unterstützt, hinzu komme ein Umfeld mit Einrichtungen wie dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Fraunhofer-Instituten und der Open Hybrid LabFactory – mit Zugang zu ­Laboren, Geräten und Fachwissen. Auch die EXIST-Förderung des Bundes habe geholfen, aus der Forschung heraus ein Unternehmen aufzubauen.
Beim Kapital für neue Technologien sieht Mohammad Bahar in Deutschland noch Luft nach oben. Viele wollten erst dann einsteigen, wenn der Erfolg schon fast sicher erscheint. „Erfolg ist meistens ein Prozess“, sagt der gebürtige Iraner. Innovation entstehe nicht erst am Ende eines perfekten Plans, sondern im Ausprobieren, Lernen und Weiterentwickeln. CompositeEdge sucht deshalb weniger reine Geldgeber als strategische Partner, die den Weg vom Problem zur Anwendung gemeinsam mitgehen.

Begegnung in der Botschaft

2009 verließ Mohammad Bahar den Iran. In der Deutschen Botschaft in Teheran lernte er seine spätere Frau Sepideh Niknezhad kennen; beide warteten damals auf ihr Visum. Aus dieser Begegnung wurde ein gemeinsamer Neuanfang in Deutschland. Für Mohammad ­Bahar gehört diese private Seite zur Gründungsgeschichte von CompositeEdge dazu. Ohne den Rückhalt der Familien, betont er, lasse sich ein Unternehmen, das viel Zeit, Kraft und Geduld erfordert, kaum aufbauen.
Erfolg ist meistens ein Prozess
Hervorgegangen ist CompositeEdge aus dem früheren Institut für Adaptronik und Funktionsintegration der TU Braunschweig. Eine wesentliche Rolle spielte Professor Michael Sinapius, der damalige Institutsleiter. Er unterstützte Mohammad Bahar und die Ausgründung von Beginn an – fachlich wie ideell. „Ohne ihn gäbe es unser Unternehmen heute nicht.“ Aus seiner Zeit am Institut hat er auch eine Formel mitgenommen, die er bis heute gern zitiert und die auf den Börsenexperten André Kostolany zurückgeht: Wer gründen will, benötigt vier G – Geld, Geduld, Geist und Glück.
Geld, weil Forschung Zeit braucht und Maschinen teuer sind. Geduld, weil aus einer Technologie nicht über Nacht ein marktfähiges Produkt wird. Geist, weil es Ideen bedarf, die über bekannte Materialgrenzen hinausgehen. Und Glück, weil im richtigen Moment die richtigen Partner, Kunden oder Förderer mitziehen müssen. „Bei uns war bis jetzt alles da“, schmunzelt Mohammad Bahar. Vielleicht könnte man deshalb behaupten, „ein bisschen Erfolg“ zu haben.

Wohin die Reise gehen soll

Wirklich nur ein bisschen? Immerhin kann nicht jedes junge Unternehmen von sich sagen, dass es kurz nach der Gründung schon Preise gewonnen, internationale Aufmerksamkeit geweckt und aus einer Forschungstechnologie erste marktfähige Anwendungen entwickelt hat. Doch Mohammad Bahar bleibt zurückhaltend. Richtiger Erfolg beginnt für ihn erst dort, wo eine Technologie weltweit ihren Markt findet. „Ob wir dieses Ziel erreichen, weiß niemand“, sagt er. „Aber wir können uns zumindest in diese Richtung bewegen. Und wenn wir dranbleiben, liegt vieles in unseren eigenen Händen.“
boy
5/2026