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Deep5 GmbH – Wenn Software anfängt mitzudenken
Digitalisierung ist für den Mittelstand längst nichts Neues. Software wurde vernetzt, Prozesse automatisiert, Vertriebskanäle digitalisiert und Daten besser nutzbar gemacht. Vieles davon hat Unternehmen in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt verändert. Mit Künstlicher Intelligenz könnte nun jedoch eine Entwicklung beginnen, die weiter reicht: Software unterstützt nicht mehr nur Abläufe, sondern übernimmt zunehmend Aufgaben, für die bislang menschliches Verstehen und Einordnen nötig war.
Für Matthias Raaz markiert das einen grundlegenden Einschnitt. Der Gründer und Geschäftsführer von Deep5 begleitet Unternehmen beim Einsatz Künstlicher Intelligenz und sieht darin weit mehr als die nächste technische Ausbaustufe. „Ich halte KI für eine grundlegendere Veränderung als alles, was wir in der Digitalisierung bisher gesehen haben“, sagt er. „Für mich ist ihre Bedeutung vergleichbar mit dem Aufkommen des Internets.“
KI für den Arbeitsalltag
Was das für Unternehmen bedeutet, beschäftigt Matthias Raaz jeden Tag. Mit Deep5 macht der 29-Jährige Künstliche Intelligenz für den Mittelstand nutzbar. Er selbst spricht von KI-Engineering: KI-Modelle werden mit Daten, Programmen und betrieblichen Abläufen verknüpft und so zu einer Lösung weiterentwickelt, die im Arbeitsalltag funktioniert.
Dafür programmiert er, zapft Datenquellen an, baut Schnittstellen und bringt verschiedene Systeme miteinander ins Gespräch. Er entwickelt Prompts, legt fest, wie KI-Agenten arbeiten sollen, und prüft, ob am Ende alles zuverlässig zusammenspielt. Manchmal reicht es, gängige KI-Tools sinnvoll einzubinden. In anderen Fällen entwickelt Deep5 auf Basis etablierter Modelle eine eigene Anwendung, die genau auf den jeweiligen Betrieb zugeschnitten ist.
Wie schnell sich die Möglichkeiten verändern, hat Matthias Raaz schon vor seiner Selbstständigkeit als Softwareentwickler erlebt. Noch vor wenigen Jahren schrieb er jede Zeile Code von Hand. Dann begann seine Entwicklungsumgebung, den bereits geschriebenen Code mitzulesen und mithilfe von KI vorzuschlagen, wie es weitergehen könnte. „Das war für mich ein echter Schlüsselmoment“, erinnert er sich.
Ich halte KI für eine grundlegendere Veränderung als alles, was wir in der Digitalisierung bisher gesehen haben.Matthias Raaz
Mehr als nur Programmierhilfe
Heute geht es längst nicht mehr nur darum, die nächste Codezeile vorherzusagen. Entwickler können einer KI beschreiben, welche Funktion sie brauchen. Das System erzeugt daraufhin Code, testet ihn und sucht nach Fehlern. Aus einer einfachen Programmierhilfe ist innerhalb weniger Jahre ein Werkzeug geworden, das auch komplexere Aufgaben weitgehend selbstständig bearbeiten kann.
In der Softwareentwicklung zeigt sich dieses Potenzial bislang besonders deutlich. „Dort liegt noch ein großer Teil der Wertschöpfung“, so Raaz. Doch inzwischen reicht Künstliche Intelligenz weit über das Programmieren hinaus. „Nun erreicht KI mehr und mehr auch die klassische Sachbearbeitung.“
Prozesse optimieren, Effizienzpotenziale heben, Abläufe automatisieren, Wettbewerbsfähigkeit sichern: Wer sich in den vergangenen Jahren mit Digitalisierung beschäftigt hat, dürfte diese Schlagworte zur Genüge gehört haben. Auf den ersten Blick scheint künstliche Intelligenz genau daran anzuknüpfen. Ihr Potenzial geht aber weiter. Besonders interessant wird KI bei Aufgaben, die sich bisher nur schwer automatisieren ließen, weil kein Fall genau dem anderen gleicht.
Seit 2025 leitet Matthias Raaz Deep5 in Eigenregie.
Wenn gleiche Dinge anders heißen
Wie das aussehen kann, zeigt ein Projekt von Deep5 für einen Handwerksbetrieb. Das Unternehmen beteiligt sich regelmäßig an großen Ausschreibungen und muss dafür umfangreiche Leistungsverzeichnisse auswerten. Die Mitarbeitenden prüfen, welche Materialien gebraucht werden, und holen anschließend Preise bei passenden Lieferanten ein. Das Problem: Kein Leistungsverzeichnis gleicht dem anderen. Positionen heißen unterschiedlich, Leistungen werden anders beschrieben und Materialien in wechselnden Varianten aufgeführt.
Eine klassische Software kommt hier schnell an ihre Grenzen. „Dafür bräuchte man Tausende individuelle Wenn-dann-Regeln“, erklärt Matthias Raaz. Schon kleine Unterschiede bei Material, Größe, Ausführung, Hersteller oder Bezeichnung sorgen dafür, dass die Zahl der möglichen Fälle schnell wächst.
Genau hier liegt eine Stärke von KI. Sie muss nicht jede mögliche Formulierung im Voraus kennen. Unterschiedliche Bezeichnungen und Beschreibungen kann sie trotzdem richtig einordnen und zusammenführen. „Die KI versteht, was inhaltlich gemeint ist, und genau das ist hier Gold wert.“
Analog geht manchmal auch: Die Mitarbeitenden lernen, wie sie Hand in Hand mit der KI arbeiten können.
Am Ende entscheidet der Mensch
Doch mit dieser Zuordnung ist die Arbeit noch nicht getan. Im Handwerksbetrieb geht der KI-Agent direkt weiter. Er arbeitet die relevanten Positionen heraus, ordnet die passenden Materialien zu und sucht geeignete Lieferanten. Anschließend formuliert er die Anfrage vollständig, inklusive der benötigten Materialien, Mengen und weiteren Angaben. Für die Mitarbeitenden erscheint die fertige Nachricht schließlich in einer gewohnten Oberfläche. Sie müssen sie nur noch prüfen und freigeben.
Noch interessanter wird es, wenn ein System nicht nur einzelne Aufgaben kennt, sondern Informationen aus verschiedenen Bereichen des Betriebs zusammenführt. „Eine KI ist immer nur so gut, wie viel Daten und Kontext sie hat.“ Kundendaten liegen im CRM, Absprachen im E-Mail-Postfach, Dokumente auf dem SharePoint und Projektstände in anderen Systemen. Werden diese Quellen miteinander verbunden, kann die KI die Zusammenhänge herstellen. „Die KI hat immer einen Überblick über alle Kunden und weiß, wo die einzelnen Projekte gerade stehen“, beschreibt Matthias Raaz das Prinzip. Will eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter etwa eine Mail an einen Kunden formulieren, muss nicht erst erklärt werden, wer der Kunde ist und was zuletzt besprochen wurde. Das System kennt diese Informationen bereits.
Damit kann die KI noch mehr: Sie kann Abläufe im Unternehmen analysieren und erkennen, wo Arbeit doppelt gemacht wird, Schritte unnötig kompliziert sind oder sich ein Prozess vereinfachen lässt. Im besten Fall hilft sie also nicht nur bei einzelnen Aufgaben, sondern zeigt auch, wo sich Arbeitsabläufe verbessern lassen. „Besonders interessant ist das für Unternehmen, in denen viele Informationen zusammenlaufen.“
Vom Silicon Valley nach Braunschweig
Vom Silicon Valley nach Braunschweig
Je mehr eine KI selbst handeln kann, desto wichtiger wird, welche Rechte man ihr gibt und wo man Grenzen zieht.Matthias Raaz
Matthias Raaz hat Elektrotechnik an der TU Braunschweig studiert, entdeckte aber über ein Praktikum bei Volkswagen in San Francisco sowie eine Werkstudententätigkeit bei Siemens die Softwareentwicklung für sich. Die Zeit in den USA im Silicon Valley beschreibt er selbst als prägend, weil sie ihm diesen „Start-up-Vibe“ vermittelt habe und den Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen. Seine ersten Aufträge entstanden über Mundpropaganda und später über die Freelancer-Plattform Fiverr. Als ein Projekt für ihn allein zu groß wurde, holte er vier Kommilitonen dazu. Daraus entwickelte sich 2021 Deep5.
Weil die Gründer direkt nach dem Studium gestartet waren, mussten sie neben der technischen Expertise erst vieles lernen: Vertrieb, Finanzen, Wirtschaft und Unternehmertum insgesamt. 2025 trennten sich ihre Wege, seitdem führt Matthias Raaz Deep5 allein. Gleichzeitig begann er, das Unternehmen stärker auf Künstliche Intelligenz auszurichten, sowohl im Angebot für Kunden als auch in der eigenen Arbeitsweise. Vieles erledigt er heute selbst mithilfe von KI, für andere Aufgaben holt er spezialisierte Freelancer hinzu.
Mehr Geschäft, nicht mehr Köpfe
Mehr Aufträge müssen nicht automatisch mehr Mitarbeitende bedeuten. „Ich kann mir gut vorstellen, bei diesem schlanken Setup zu bleiben“, sagt er. Viele Anbieter drängen inzwischen mit ähnlichen KI-Leistungen nach vorn, während Unternehmen angesichts der wirtschaftlichen Lage vorsichtiger investieren. Matthias Raaz setzt deshalb nicht auf Wachstum um jeden Preis. In einem umkämpften Markt zählt für ihn vor allem, beweglich zu bleiben.
Die Anfänge von Deep5 liegen im Braunschweiger Coworking-Space Trafo Hub. Heute arbeitet Matthias Raaz von Gifhorn aus. Sein Büro befindet sich im Moodus – einem jungen Arbeits- und Gründungszentrum, in dem Unternehmen verschiedener Branchen unter einem Dach arbeiten und sich austauschen. Für den Umzug gab es vor allem private Gründe: Der neue Standort liegt näher an seinem Wohnort und an seiner Familie.
Matthias Raaz studierte Elektrotechnik an der TU Braunschweig, entdeckte über ein Praktikum bei Volkswagen in San Francisco sowie eine Werkstudententätigkeit bei Siemens die Softwareentwicklung für sich.
Wie viel darf die KI?
Der Vater zweier Kinder sagt offen, dass ihn die Entwicklung nicht nur fasziniert. Manches macht ihm auch Sorge, besonders wenn Systeme zunehmend selbst Aufgaben übernehmen und dafür Zugriff auf Programme, Daten oder andere Bereiche bekommen. „Je mehr eine KI selbst handeln kann, desto wichtiger wird, welche Rechte man ihr gibt und wo man Grenzen zieht.“ Für Matthias Raaz folgt daraus: KI braucht Sicherungen. Deep5-Lösungen können Arbeit vorbereiten und definierte Schritte übernehmen – bei sensiblen Vorgängen bleibt jedoch der Mensch gefragt.
Zwischen Neugier und Skepsis
Bei der Einbindung von KI erlebt Matthias Raaz oft zwei sehr unterschiedliche Reaktionen. Die einen wollen möglichst schnell ausprobieren, was die Technik kann. Andere fragen sich zuerst, was sie für den eigenen Arbeitsplatz bedeutet. Genau deshalb reicht es aus seiner Sicht nicht, einfach ein neues System einzuführen. Mitarbeitende müssen verstehen, was sich für sie verändert, welche Aufgaben die KI übernimmt und wo ihre eigene Erfahrung weiterhin gebraucht wird. „Es geht nicht darum, Mitarbeitende durch KI zu ersetzen, sondern sie so weiterzubilden, dass sie effizienter mit ihr arbeiten können.“
Für die Umsetzung holt Matthias Raaz früh Mitarbeitende aus den Fachabteilungen dazu. Er nennt sie „Champions“: Sie kennen die Abläufe aus dem Alltag und wissen, wo besonders viel Zeit verloren geht oder Prozesse immer wieder stocken. Gemeinsam mit ihnen sucht Deep5 nach Aufgaben, bei denen KI sinnvoll unterstützen kann. Die Ideen entstehen damit nicht am Reißbrett, sondern dort, wo die Arbeit tatsächlich gemacht wird.
Die Frage nach der Datenhoheit
Das Interesse an KI-Anwendungen im Mittelstand sei groß, betont Matthias Raaz. Gleichzeitig erlebt er viel Vorsicht – und die hält er für berechtigt. Denn sobald Unternehmensdaten ins Spiel kommen, stellt sich eine entscheidende Frage: Wo landen diese Informationen eigentlich? Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Je nach Anwendung kann die KI bei einem großen Anbieter laufen, über Schnittstellen angebunden werden oder vollständig im eigenen Unternehmen bleiben. Welcher Weg der richtige ist, hängt deshalb auch davon ab, wie sensibel die Daten sind und wer darauf zugreifen darf.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt ein Kunde aus dem produzierenden Gewerbe mit einer mehr als 150-köpfigen Belegschaft. Dort soll die KI mit internem Produktionswissen arbeiten – also mit Informationen über Produkte, Verfahren und Abläufe, die die Firma keinesfalls nach außen geben möchte. Deep5 entwickelt deshalb eine Lösung, die direkt auf den Servern des Betriebs läuft. „Alles, was mit der KI interagiert, verlässt nicht das Unternehmen.“
KI muss kein Großprojekt sein
An Einsatzmöglichkeiten mangelt es im Mittelstand nicht. Entscheidend ist vielmehr, dort anzusetzen, wo im Arbeitsalltag tatsächlich Zeit verloren geht oder unnötige Kosten entstehen. Matthias Raaz rät deshalb dazu, weniger nach dem großen KI-Projekt zu suchen als nach den konkreten Problemen eines Betriebs. „Viele denken, es brauche einen spektakulären Anwendungsfall. Dabei kann gerade eine unscheinbare Lösung wie die automatisierte Rechnungsprüfung besonders viel bewirken.“
Unabhängig davon, ob man in Künstlicher Intelligenz vor allem Chancen oder Risiken sieht, sollte man das Thema nicht ignorieren, unterstreicht Matthias Raaz. „Wir haben es mit einer Technologie zu tun, die sich mit enormer Geschwindigkeit entwickelt – mit vielen positiven, aber auch negativen Folgen. Jeder hat die Verantwortung, sich mit KI auseinanderzusetzen.“
boy
7/2026
