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Nr. 6947946
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IHK-Neujahrsempfang 2026 in Helmstedt –„Wir brauchen ein starkes Europa“

Es war mehr als eine formale Rückkehr in den Kalender: Als IHK-Präsident Tobias Hoffmann im Brunnentheater im Helmstedter Ortsteil Bad Helmstedt den Abend eröffnete, schwang in seinen Worten ein Stück Erleichterung mit. „Der Neujahrsempfang ist wieder ein echter Neujahrsempfang“, brach es aus ihm heraus. Nach pandemiebedingten Verschiebungen und unfreiwilligen Brüchen mit der Tradition war die IHK Braunschweig im Januar angekommen, und zwar dort, wo dieses Format eigentlich jahrzehntelang verankert war.
Dass sich dieser Neustart ausgerechnet in wirtschaftlich wie geopolitisch unruhigen Zeiten vollzog, verlieh dem Abend von Beginn an eine zusätzliche Schwere. Das zuvor in weiten Teilen des Landes ausgeuferte Schneetreiben mitsamt hoher Glättegefahr konnte auch Wirtschaftsminister und Festredner Grant Hendrik Tonne nicht davon abhalten, gemeinsam mit ­Hoffmann zumindest rhetorisch den Nebel zu lichten, der unablässig Wirtschaft und Politik umhüllt.
Den Auftakt gestalteten Hoffmann und IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Florian ­Löbermann mit einer augenzwinkernden Einlage. In Frack und Zylinder nahmen sie das Leitthema des Abends „Bürokratie“ gekonnt aufs Korn. Doch der Ton änderte sich rasch, als Hoffmann in seiner Begrüßungsrede auf die ernste Lage der Wirtschaft zu sprechen kam. „Viele Probleme der Unternehmen sind noch immer nicht ausreichend beseitigt“, sagte er und ließ keinen Zweifel daran, dass er den Gesetzgeber in der Pflicht sieht. Seit Jahren weise die IHK auf Überfrachtung durch Regelwerke hin – regional, landesweit, bundes- und europaweit. „Dieselben Themen immer wieder aufzuwärmen, wird irgendwann langweilig“, so Hoffmann, „die Situation ist bekannt und mittlerweile auch im Kanzleramt angekommen.“

Alarmsignale im Quadrat

Die Diagnose fiel nüchtern aus – und ernüchternd. Die wirtschaftliche Lage sei nicht nur in Deutschland angespannt, sondern weltweit. Hoffmann zitierte die Wirtschaftsweisen, nach deren Einschätzung auch in diesem Jahr kein spürbarer Aufschwung zu erwarten sei. Bereits 2025 habe die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ein Zehnjahreshoch erreicht. Seit 2019 sei Deutschland um lediglich 0,5 Prozent gewachsen, die Europäische Union um vier Prozent, die Vereinigten Staaten hingegen um 19 Prozent. „Das sind Alarmsignale, die in Berlin massive Reaktionen auslösen müssten“, mahnte Hoffmann und beklagte, dass sich viele Firmen mit ihren Sorgen nicht ernst genommen fühlten.
Doch auch jenseits des Atlantiks sei die Lage alles andere als rosig. Zunehmender Protektionismus, bröckelnde multilaterale Regelwerke und geopolitische Spannungen wirkten ebenso wachstumshemmend wie militärische Konflikte. Die USA und China verfolgten ihre Interessen rücksichtslos, während der Aggressor im Kreml weder Rücksicht auf ukrainische Zivilisten noch auf die eigenen enormen Verluste nehme.
Hart ins Gericht ging Hoffmann mit Arbeitsministerin Bärbel Bas, die die Unternehmen zum Gegner erklärte: „Wer investiert privates Kapital, schafft Arbeitsplätze und trägt unternehmerisches Risiko?“, entgegnete er der Ministerin, und antwortete mit einem selbstbewussten „Wir alle“. Damit warf er der Politik vor, wirtschaftlichen Erfolg in guten Zeiten zu beklatschen, unternehmerische Sorgen in schwierigen Phasen jedoch zu diskreditieren.

Optimismus nicht verlieren

Als möglichen Lichtblick bezeichnete ­Hoffmann die Omnibus-Pakete der EU, die Berichtspflichten vereinfachen und Berichtsschwellen anheben sollen. Dringend nötig seien zudem wettbewerbsfähige Strompreise. Laut Energiewendebarometer der IHK Niedersachsen dächten Unternehmen bereits über Produktionsverlagerungen ins Ausland nach. „Wir müssen eine drohende Deindustrialisierung aufhalten“, warnte Hoffmann inständig, denn industrielle Wertschöpfung sei die Grundlage des Wohlstands.
Eine erfreulicherweise und vor allem mit Blick auf überbordende Bürokratie entstandene Antithese sei der äußerst zügig vorangeschrittene und wieder dem Verkehr übergebene Ersatzneubau der Rahmedetalbrücke an der A 45 bei Lüdens­cheid, den selbst der Kanzler als Erfolg feierte. „Es geht also doch“, sagte ­er – um gleich nachzuschieben: „Oder vielleicht auch nicht.“ Denn der Ausbau der A 39 und des Salzgitter-Stichkanals samt Schleuse Üfingen bleibe ein Dauerbrenner. Die Finanzierung der Schleuse bleibt zum Unmut der hiesigen Unternehmen vorerst ungeklärt. Ohne sie drohten bereits investierte 335 Millionen Euro ins Leere zu laufen – „ein schlimmes Signal für unsere Region“, so Hoffmann in Richtung Wirtschaftsminister Tonne.

Trotz aller Kritik hob er auch positive Entwicklungen hervor. Viele Unternehmen setzten weiterhin auf Innovation, investierten in neue Produkte, übernähmen Verantwortung und erzielten Erfolge in der Ausbildung. Der von der Bundesregierung ausgerufene „Herbst der Reformen“ konnte trotz mangelnder Gesamtwirkung einzelne Erfolge wie die Aktivrente vorweisen. Die novellierte niedersächsische Bauordnung, der installierte Sicherheitspolitische Dialog in Niedersachsen und das seit dem 1. Januar 2026 geltende Azubiticket seien erkennbare Fortschritte – Letzteres vor allem auf Druck der IHK. Gerade im ländlichen Raum sei Mobilität ein entscheidender Faktor für die Attraktivität der Ausbildung.
Viele Probleme der Unternehmen sind noch immer nicht ausreichend beseitigt.

Optimistisch blickt Hoffmann auch auf die Region Braunschweig selbst. Als forschungsintensivste Region Europas entwickle sie sich dynamisch weiter – von Drohnen über autonomes Fahren bis hin zu Quantencomputing und Batteriezellforschung. Auch die Unternehmen lieferten zahlreiche Belege für die enorme Wirtschaftskraft.

Neue Realitäten bieten Chancen

Mit einem insgesamt zuversichtlichen, aber keineswegs unkritischen Fazit übergab der IHK-Präsident schließlich an den Festredner des Abends. Dieser knüpfte inhaltlich an die zuvor gezeichnete Lagebeschreibung an und machte deutlich, dass die Herausforderungen, vor denen die Wirtschaft nun stehe, weit über nationale Grenzen hinausreichten. „Alte Gewissheiten zählen nicht mehr“, lautete seine mit Ernüchterung gespickte Diagnose. Vor diesem Hintergrund hob Tonne die wachsende Bedeutung des Sicherheitspolitischen Dialogs hervor, der bewusst als strategisches Instrument für ungewisse Zeiten ausgerufen wurde. Wirtschaftliche Stabilität lasse sich nicht mehr losgelöst von sicherheits- und verteidigungspolitischen Fragen denken: „Wir brauchen ein starkes Europa“, so die Devise. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass internationale Verlässlichkeiten brüchig sein können und Abhängigkeiten schneller zur Belastung werden als lange angenommen. Gerade deshalb sei es notwendig, neue Partnerschaften zu knüpfen und bestehende Strukturen kritisch zu überprüfen.
Beim Thema Infrastruktur suchte der Minister den Schulterschluss mit den Forderungen der IHK. Er versicherte, dass er sich sowohl für den Ausbau der A 39 als auch für die zweite Schleuse am Salzgitter-Stichkanal eingesetzt habe und dies weiterhin tun werde. „Begonnene Baumaßnahmen müssen zu Ende geführt werden“, sagte Tonne unmissverständlich. Verzögerungen und Unsicherheiten untergrüben nicht nur das Vertrauen der Wirtschaft, sondern schwächten auch die Glaubwürdigkeit staatlichen Handelns insgesamt. Mit dem niedersächsischen „Zukunftsprogramm Infrastruktur“ wolle die Landesregierung daher zusätzliche 1,8 Milliarden Euro für Straßen, Schienen, Radwege, Brücken, Häfen und Wohnraum mobilisieren. In diesem Kontext müssten Genehmigungen beschleunigt, die Bürokratie inkrementell abgebaut und Entscheidungen schneller getroffen werden. Dafür brauche es aber einen Mentalitätswandel in der Verwaltung, räumte Tonne selbstkritisch ein.
Alte Gewissheiten zählen nicht mehr.
Verlässlichkeit war auch das Schlüsselwort beim Thema Energie. Tonne kündigte an, der Industrie Planungssicherheit bei der Strompreisentwicklung geben zu wollen. Ohne einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis lasse sich die Transformation nämlich nicht bewältigen. In diesem Kontext rückte auch das Thema Wasserstoff in den Fokus: Niedersachsen habe im Jahr 2025 bereits 425 Kilometer des Wasserstoff-Kernnetzes fertiggestellt und verfüge über ideale Voraussetzungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Anlieferung über die Produktion bis hin zur Nutzung. „Lassen Sie uns diese Chancen gemeinsam nutzen“, appellierte Tonne. Entscheidend sei nun, das Tempo hochzuhalten und nicht erneut durch langwierige Verfahren ausgebremst zu werden.

Bürokratie, die weniger, aber vielleicht nie ganz weg sein wird

Um die zuvor teils grundsätzlichen Ausführungen zum Thema Bürokratieabbau und Verwaltungsmodernisierung mit konkreten Erfahrungen aus der Region zu unterfüttern, verlagerte sich der Fokus im weiteren Verlauf des Abends auf einen gemeinsamen Bühnentalk mit Moderator Dr. Florian Löbermann, Bärbel Heidebroek, Vizepräsidentin der IHK Braunschweig und Vorsitzende des regionalen Wirtschaftsausschusses Helmstedt, Gerhard Radeck, Landrat des Landkreises Helmstedt, sowie Wittich Schobert, Bürgermeister der Stadt Helmstedt.
Den Auftakt machte Bärbel Heidebroek, die das Publikum mit einer differenzierten Einschätzung überraschte. Entgegen der oft pauschalen Kritik am Verwaltungsapparat berichtete sie davon, dass der Abbau von Bürokratie in bestimmten Bereichen tatsächlich Wirkung zeige. Insbesondere bei Genehmigungsverfahren und bei der Digitalisierung seien deutliche Fortschritte zu erkennen. Gerade der Landkreis Helmstedt habe sich in jüngerer Zeit positiv hervorgetan. „Wir sind auf einem guten Weg und wir sind deutlich besser geworden.“
Landrat Radeck griff diese Einschätzung auf und bestätigte, dass auch aus Sicht der Kreisverwaltung ein Turnaround stattgefunden habe. Der Abbau von Bürokratie sei kein Selbstläufer, sondern verlange ein Umdenken innerhalb der Behörden. „Unsere Verwaltung hat einen intensiven Lernprozess hinter sich, auch wenn das nicht immer einfach war.“
Einen weiteren Blickwinkel brachte Wittich ­Schobert ein, der die Situation aus kommunaler Perspektive beleuchtete. Insbesondere die Ausführungsbestimmungen neuer Gesetze und Verordnungen stellten die Kommunen immer wieder vor Probleme. Häufig fehlten klare Handreichungen zur praktischen Umsetzung, oder sie kämen erst mit erheblicher Verzögerung. „Man weiß dann oft nicht, wie eine Regelung konkret anzuwenden ist“, so ­Schobert.
Zum vermeintlichen Ende des Abends griff die IHK auf eine liebgewonnene Tradition zurück: den Wurf eines 1,50 Meter großen Dartpfeils. Unter Applaus der Gäste landete dieser auf einer überdimensionalen Dartscheibe im Landkreis Peine – und legte damit den Austragungsort des nächsten IHK-Empfangs fest. Am 12. Januar 2027 wird das dort stattfindende IHK-Event die Gelegenheit bieten, viele der an diesem Tag diskutierten Themen erneut aufzugreifen.
Den eigentlichen Abschluss lieferte jedoch Überraschungsgast ­Günther der Treckerfahrer, der das herausfordernde Politikgeschehen anhand einer satirischen Kommentierung und mit ironischem Augenzwinkern auf die Bühne brachte und so für einen humorigen Übergang zum anschließenden Netzwerken sorgte.
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