IHK Wirtschaft online
Nr. 7031884
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Können wir uns die Energiewende noch leisten?

Steigende Inflation, wirtschaftliche Rezession, Abwanderung der energieintensiven Industrie, geopolitische Instabilität – und dann auch noch Energiewende? Überfordert uns die Vielzahl der weltweiten Themen nicht? Deutschland muss nicht zwangsläufig Klassenbester sein. Wenn überhaupt, muss das Problem weltweit gelöst werden. Wir müssen uns dennoch mit Blick auf den angeschlagenen Wirtschaftsstandort ehrlich reflektieren und einen scharfen Blick auf die eher trüben Zukunftsaussichten werfen.
Wir kommen um die Gretchenfrage damit nicht mehr herum: Können wir unseren Wirtschaftsstandort ohne eine resiliente Energieversorgung wirklich zukunftsfähig aufstellen? Ich halte das für einen offensichtlichen Trugschluss, auch weil der Blick auf die Alternativen nüchtern stimmt. Der Atomausstieg in Deutschland wurde aus gutem Grund und mit breitem gesellschaftlichem Konsens beschlossen. Selbst Energieunternehmen wie RWE halten eine Wiederinbetriebnahme alter Reaktoren für keine Option. Das im Bau befindliche britische Atomkraftwerk Hinkley Point rechnet bei der Fertigstellung mit einem Strompreis von 16 Cent – plus Inflationsausgleich. ­Erneuerbare liegen hier bei weniger als der Hälfte.
Könnten aber die neuen Reaktoren, die so genannten SMRs, nicht eine ­Lösung sein? Dass kleine Reaktoren mit geringeren Skalierungseffekten und zusätzlichen Forschungs- und Entwicklungskosten Strom zu einem günstigeren Kurs zur Verfügung stellen, gilt als unwahrscheinlich. Abgesehen davon, dass solche Reaktoren eher als theoretische Möglichkeit statt technisch machbarer Wirklichkeit gelten.
Die nicht nur durch den Iran-Krieg ausgelösten geopolitischen Krisen haben einmal mehr verdeutlicht: Unsere Abhängigkeit von Energieimporten trifft die Wirtschaft immer wieder ins Mark. Wir brauchen Energieunabhängigkeit und Resilienz – und die ist weder mit Öl, Kohle oder Gas noch mit Uran zu erreichen. All diese Rohstoffe gibt es in Europa nicht in nennenswerten Mengen.
Energieunabhängigkeit schafft hingegen wirtschaftliche Stabilität: Von Februar auf März ist der Gaspreis an der Börse um sage und schreibe 48 Prozent gestiegen. Man könnte nun vermuten, dass auch steigende Strompreise die Folge waren. Mitnichten! Der Day-Ahead-Börsenstrompreis blieb aufgrund der Erzeugung erneuerbarer Energien konstant.
Es steht außer Frage, dass die Transformation nicht von selbst passieren wird und dass eine Netzinfrastruktur aus dem letzten Jahrtausend keine große Hilfe ist. Hätten wir damals weiter auf Pferdefuhrwerke gesetzt, statt moderne Verkehrswege für Autos und LKW auszubauen, hätte Deutschland keinen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Und gerade deshalb sind die Erneuerbaren gegenwärtig keine grüne Zukunftsvision mehr. Die nackten Zahlen zeigen: Energiewende, Elektrifizierung und Dekarbonisierung sind die Lösung für einen zukunftsfähigen, resilienten Wirtschaftsstandort Deutschland – und eben nicht das Problem, zu dem sie aus ideologischen Gründen häufig gemacht werden.
3/2026