Wenn das Kantinengericht per App gebucht wird

In vielerlei Hinsicht prägend war die Coronazeit für die Gesellschaft. Neue Bedarfe sind entstanden, alte verschwunden. Manche Gewohnheit der Krisenjahre ist geblieben, andere braucht heute kein Mensch mehr. Gunnar Gaul ist stellvertretender Vertriebsleiter der kamasys GmbH und erinnert sich noch an manches Stirnrunzeln. Wozu braucht man das? Ist das nicht überflüssig? Solche Fragen hörte er vor einigen Jahren immer wieder. Zumal Gaul in einer Branche tätig ist, die lange Zeit für vieles, nur nicht für Innovation stand: die Gemeinschaftsverpflegung. Betriebskantinen großer Wirtschaftsunternehmen, Personalkasinos in Krankenhäusern oder Ämtern – das ist das Geschäftsfeld, auf dem sich kamasys mit neuen Konzepten etabliert hat. Und nicht nur das. Mit Peine ist im vergangenen Jahr bereits der fünfte Standort in Deutschland dazugekommen. Der Jahresumsatz ist von rund 2 Millionen Euro in 2019 auf gut 3 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen.
Menschenansammlungen vermeiden, Kontakte reduzieren – diese Devise galt nach Pandemiebeginn am Arbeitsplatz genauso wie in der Freizeit. Und genauso sollte es auch in den Kantinen sein, wenn sie denn nicht ganz geschlossen hatten. Lange Warteschlangen vor der Essensausgabe bargen das Risiko von Ansteckungen und Personalausfall. Die Mittagstisch-App von kamasys beugt dem vor. Das jeweilige Speise- und Getränkeangebot kann in der Anwendung bereits vor dem Besuch des Betriebsrestaurants eingesehen werden.
Aber nicht nur das: Die gewünschten Gerichte können vorab ausgesucht, bestellt und bezahlt werden. Wer zu der festgelegten Zeit am Abholort ist, legt nur einen QR-Code vor und zieht mit seinem Tablett davon. Bei der Zeitwahl können sich die Mitarbeiter an einer Auslastungsanzeige orientieren. Durch Sensoren im Ein- und Ausgangsbereich der Kantine wird die aktuelle Gästezahl erfasst und in die App ausgeleitet. Eine nützliche Funktion, unabhängig von der Pandemie. „Wer will schon einen Teil seiner Pause damit vergeuden, in einer Warteschlange zu stehen?“, meint Gunnar Gaul.

Mitarbeiter voten für Speisepläne
Die Weboberfläche der App ist dem CI des entsprechenden Unternehmens angepasst. Dafür sorgen die Mitarbeiter von kamasys, mittlerweile 34 Angestellte arbeiten für den Dienstleister mit Hauptsitz in Berlin. „Wir begleiten die Kunden permanent. Der Support wird direkt durch uns geleistet, nichts ist outgesourct“, versichert Gaul. Neben den genannten Funktionen bietet die App noch einiges mehr, was nichts mit der möglichst schnellen Kundenbedienung und der Entzerrung von Besucherströmen zu tun hat. Über eine News-Funktion können wichtige Nachrichten verbreitet werden. Ein Feedback-Modul ersetzt den guten alten Kummerkasten und leitet Wünsche und Verbesserungsvorschläge an die Küche weiter. Über ein Voting können Mitarbeiter an der Gestaltung der Speisepläne teilhaben.
Nicht zuletzt können auch Bonusprogramme, Rezeptideen oder ein Verabredungs-Tool genutzt werden. Weil der Außer-Haus-Verzehr für Mitarbeiter im Homeoffice ermöglicht werden soll, arbeitet kamasys mit zwei Anbietern von Mehrwegverpackungssystemen zusammen und ist damit gut aufgestellt für die ab 2023 geltende Mehrwegpflicht.
Digitale Informationsschilder zu Speiseplan und Preisen oder entsprechende Stelen mit Touchfunktion gehören ebenso zu den Produkten von kamasys. Auch einen Tellerscanner zur automatischen Erfassung der gekauften Produkte bietet das Unternehmen an. Darüber hinaus können beim Bezahlen neue Wege gegangen werden: Mitarbeiter können die monatlichen Kosten für ihre Kantinenbesuche direkt von ihrem Gehalt abziehen lassen. „Zumindest, wenn die Abrechnungsstelle der entsprechenden Firma das zulässt“, erklärt Gaul.
Weil Lebensmittelverschwendung ein großes Thema ist, leistet kamasys mit seinen Produkten einen Beitrag, um die im Müll landenden Reste zu reduzieren. „Durch das Order-Modul können die Verantwortlichen gut vorplanen“, erläutert Paul Kappes aus Projektmanagement und Vertrieb am Peiner Standort. Der 28-Jährige kommt aus einer Bäckerei-Familie, sein Vater führt einen Traditionsbetrieb. Weil Kappes die Branche gut kennt, wird kamasys nun auch Produkte für dieses Handwerk anbieten.
Brötchen, Brot oder Kuchen können dann über eine App vorbestellt, bezahlt und später, ohne zu warten abgeholt werden. „So ist garantiert, dass Spätaufsteher ihr geliebtes Schoko-Croissant am Wochenende auch noch um halb zwölf bekommen“, sagt er.

Kein Zweifel am Wachstumskurs
Noch ein Nischenprodukt sind die Serviceroboter eines chinesischen Herstellers, die kamasys anbietet. Zum Portfolio gehören Liefer- und Desinfektionsroboter, am bekanntesten sind jedoch Servier- und Abräumroboter. „Das mag im ersten Moment noch wie ein kurioser Trend klingen, aber gerade angesichts des Personalmangels in der Gastronomie gehört Robotern die Zukunft“, sagt Gunnar Gaul. Werde das Gerät entsprechend programmiert, bringe es Gästen sogar ein Geburtstagsständchen.
Dass kamasys weiterwachsen wird, daran hat im Team keiner Zweifel. Nur ein Problem teilt das vor 18 Jahren vom heutigen Geschäftsführer Marcel Konrad gegründete Unternehmen mit der Gastronomie: Fachpersonal ist schwer zu bekommen. In Kürze wird kamasys drei weitere Entwickler unter Vertrag nehmen. Qualifizierte Mitarbeiter braucht die Firma dringend, denn eines ist klar: In Sachen Innovation ist noch einiges möglich im großen Bereich der Gemeinschaftsverpflegung.

ht