Schicht für Schicht ins „zweite Leben“

Benutzte Maschinenteile und Konsumartikel einer neuen Verwendung zuzuführen, ist zeitgemäß und wird von immer mehr Unternehmen nachgefragt. Mit seinem Start-up bfirm berät der Braunschweiger Christoph Schmidt seine Industriekunden bei der dafür unerlässlichen Reinigung und Beschichtung von technischen Bauteilen.
Wenig Schlaf, viele neue Themen und trotzdem ganz viel Begeisterung für die Herausforderung: Die typischen Begleiterscheinungen nach dem Gründen eines Start-ups gelten ganz ähnlich auch für das Vaterwerden. Christoph Schmidt hat in gut einem Jahr beides erlebt. Im September bekam der Braunschweiger mit seiner Frau das erste Kind, eine kleine Tochter. Rund 14 Monate zuvor hatte er sein erstes Zukunftsprojekt aus der Taufe gehoben – das Unternehmen bfirm consulting and engineering, das sich der Entwicklung und Optimierung individueller Bauteilreinigungs- und Beschichtungsprozesse für die industrielle Massenfertigung widmet.
Im Gegensatz zu seiner Rolle als Vater ist Schmidt als Jungunternehmer derzeit noch ein Einzelkämpfer. Im Braunschweiger Technologiepark am Rebenring hat er ein Büro bezogen. Eine Werkstatt im Nebenraum teilt er sich mit dem E-Motorrad-Hersteller ­Novus, der kürzlich in der Gründer-TV-Show „Die Höhle der Löwen“ überregionale Bekanntheit erlangte. Während Novus aber an neuen Produkten tüftelt, hat sich Schmidt neben der Neuteilproduktion auch auf die Aufbereitung bereits existierender Maschinenteile und Konsumartikel spezialisiert. „In der Branche des Remanufacturing“ – auch als Kreislaufwirtschaft bezeichnet – „geht es darum, dass man technische Bauteile oder Produkte wie Batterien, Elektro­motoren oder Maschinenteile im industriellen Maßstab generalüberholt und dem Produktlebenszyklus erneut zuführt“, erläutert der 34-Jährige, womit er sich als bfirm-Geschäftsführer tagtäglich beschäftigt. So gebe es viele OEMs (Original Equipment Manufacturer), beispielsweise von Land- oder Baumaschinen, im Automobil- sowie im Bahnbereich, die ihre Motoren, Batterien oder andere Komponenten von ihren Kunden nach einigen Jahren mit einem gewissen Verschleiß zurückbekämen, die sie dann industriell aufbereiteten und als generalüberholtes Produkt wieder dem Produktkreislauf zur Verfügung stellten. Auch bei Unterhaltungselektronik, E-Autos und oder E-Bikes gebe es diesen Trend zu einem „zweiten Leben“.
„Die Herausforderung für diese Firmen ist immer, dass die Bauteile beziehungsweise technischen Oberflächen ja dreckig sind, wenn sie zurückkommen“, benennt Schmidt eine wichtige Problemstellung. Alte Beschichtungen, Lack, Rost, Fett, Silikon, Beton oder ganz andere Rückstände in Verbindung mit einem Werkstoffmix aus Aluminium, Stahl oder Kunststoffen machen die Bauteilreinigung und Neubeschichtung im industriellen Maßstab schwierig. „Die Kernfrage, mit der ich mich unter anderem in den vergangenen fünf Jahren beschäftigt habe, war daher: Wie können in industriellen Produktionsprozessen Bauteiloberflächen gereinigt und neubeschichtet werden? Wie kriegen die Firmen diese Teile in einem vernünftigen Industrieprozess wieder komplett sauber, ohne andere Funktionsoberflächen zu beschädigen?“ Zur Beantwortung dieser Frage will bfirm seinen Beitrag leisten.

Sechs Jahre lang gependelt

Schmidts bisheriger Karriereweg ist durchaus bemerkenswert. Nach einem Realschulabschluss machte er eine kaufmännische Ausbildung, holte sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studierte zunächst an der FH Wilhelmshaven Ingenieurwissenschaften und machte seinen Master-Abschluss an der TU Dortmund. „Dort hatte ich bei der Master-Arbeit einen echt tollen Betreuer, der mir Appetit gemacht hat auf die Promotion zum Doktor-Ingenieur“, erinnert er sich. Zu diesem Zweck verschlug es ihn für immerhin sechs Jahre nach Bayreuth, wo er am Fraunhofer-Institut und der dortigen Universität – am Lehrstuhl für Umweltgerechte Produktionstechnik – seinen Doktor-Ingenieur machte. „Wir haben uns vor allem damit befasst, Technologien und Verfahren zu erforschen, um Industrieproduktionen im Hinblick auf die Ressourcenschonung zu optimieren“, berichtet er. „Das heißt: mit weniger Energie, weniger Werkzeugverschleiß, weniger Rohstoffeinsatz. Dafür mit innovativen Technologien, Verfahren und Materialeinsparungen.“
Auch wenn er in der Wagnerstadt sechs Jahre lang seine akademische Karriere vollendete, blieb Schmidt mit Leib und Seele Braunschweiger. Jedes Wochen­ende pendelte er von Oberfranken aus zurück an die Oker, auch der Familie und Freunde wegen. „Das zeigt glaube ich schon ein gewisses Durchhaltevermögen“, schmunzelt der Ingenieur, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. Seit diesem Jahr ist er nun wieder ein echter Vollzeit-Braunschweiger – von beruflichen Reisen zu Kunden, Partnern und Messen einmal abgesehen.
Die Entwicklung von Bauteilreinigungs- und Beschichtungsprozessen ist für die Neuteilproduktion wichtig, aber auch in der ­Hype-Branche Remanufacturing sind dies große Herausforderungen. Das Thema Remanufacturing biete derzeit einen stark wachsenden Markt, betont Schmidt, „das Interesse wird immer größer, weil immer mehr Firmen merken, wie wichtig die Einsparung und Schonung von Ressourcen ist – und wie attraktiv die Margen sind.“ Viele benutzte Bauteile seien einfach noch viel zu gut erhalten, um sie nach ihrem ersten Lebenszyklus einfach wegzuschmeißen: „Nach der technischen Aufarbeitung wird eine Qualitätsprüfung durchgeführt. Die aufgearbeiteten Teile sind dann so gut wie Neuteile – oder sogar besser, weil Schwachstellen gleich mit beseitigt wurden.“ Wenn Kunden zu ihm kommen, bietet Schmidt ihnen verschiedene Handlungsalternativen an, wie man die Bauteile in industriellem Maßstab reinigen und neu beschichten kann. Dabei arbeitet er nach eigener Aussage unabhängig mit allen Herstellern von modernen Reinigungstechnologien in ganz Europa zusammen. Seine Kunden, so berichtet er unter Verweis auf entsprechendes Feedback, profitieren dadurch von erheblichen Kosten- und Ressourceneinsparungen.
„Weniger Energie, weniger Werkzeugverschleiß, weniger Rohstoffeinsatz.“

Gute Startbedingungen

Die Möglichkeiten, um Bauteile von unerwünschten Schichten zu befreien, reichen je nach Beschaffenheit vom einfachen Sandstrahlen über die chemische Reinigung bis hin zum Lasern. „Die entwickelten Prozesse lasse ich im Labor validieren. So kann ich zum Beispiel zeigen, ob sich Oberflächen dabei chemisch oder mechanisch verändern“, verlässt sich Schmidt nicht nur auf seine Erfahrungen als Ingenieur, sondern auch auf seine Kenntnisse als Wissenschaftler. Und auch für die anschließende Neubeschichtung aufgearbeiteter Teile, seien es Kugellager, LCD-Displays oder die Neuteilproduktion, bietet der Gründer seinen Kunden entsprechende Prozesslösungen an.
Anders als viele andere Entrepreneure musste Schmidt für den Start von bfirm übrigens nicht viel Geld in die Hand nehmen; sein Know-how war dabei das wichtigste Kapital. Hilfreich war, dass er mit der Deutschen Bahn gleich ein Großunternehmen als ersten Kunden an Land gezogen hatte, noch bevor bfirm überhaupt gegründet war. Neun Monate lang beriet er den Schienen-Giganten, weitere Unternehmen haben bereits Interesse angekündigt. Für die Zukunft wünscht er sich ein „gesundes, organisches Wachstum“. Entsprechend sei es gut möglich, dass die „One-Man-Show“ bfirm deshalb auch bald personellen Zuwachs bekomme. „Der erste Mitarbeiter ist immer der schwerste“, weiß Christoph Schmidt. Aber das kennt er so ähnlich ja nun auch schon vom Vaterwerden. 
cm