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Nr. 7035412
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Raumfahrt aus Braunschweig – Wie GAIA Aerospace den Zugang zum All neu denkt

Wenn von Raumfahrt die Rede ist, wandern die Gedanken sofort in die USA: spektakuläre Raketenstarts, private Unternehmen mit milliardenschweren Visionen, Superstars wie SpaceX oder Blue Origin. Europa? Kaum präsent. Zu langsam, zu bürokratisch, wenig innovativ. Und Braunschweig? Spielt zumindest in dieser Vorstellung praktisch keine Rolle. Doch die Realität sieht tatsächlich anders aus. Jenseits der Schlagzeilen entsteht hier Innovation, die weltweit Maßstäbe setzt – leise, aber wirkungsvoll.
In kleinen Büros tüfteln in der Löwenstadt ambitionierte Teams in Forschungsprojekten an der Zukunft der Raumfahrt. Und genau dort beginnt die Geschichte von GAIA Aerospace. Nicht in Kalifornien, nicht unter den Flutlichtern milliardenschwerer Konzerne, sondern zwischen Oker und Nordstadt. Hier entsteht eine andere Art von Raumfahrt. Eine, die nicht nur Raketen baut, sondern neue Wege denkt. Die sich fragt: Wie kann sich Europa einen eigenen, souveränen Zugang zum All schaffen? Und die Antworten liefert, die unabhängig, flexibel und effizient sind.

Vom Kindheitstraum zur Unternehmensgründung

Die Wurzeln von GAIA Aerospace reichen zurück bis ins Jahr 2013. Kai Höfner, heute CEO des Start-ups, war damals Maschinenbaustudent an der TU Darmstadt und absolvierte ein Praktikum bei Airbus Defence & Space im Eurofighter-Programm. Während er die Jets über seinem Arbeitsplatz vorbeirauschen sah, verfolgte er gleichzeitig die ersten Testflüge von Virgin Galactic für suborbitalen Weltraumtourismus in den USA. Eine Idee begann zu keimen: „Könnte man ein ähnliches Trägersystem nicht auch in Europa an den Start bringen? Das klang für mich absolut machbar“, erinnert er sich.
Begeistert entwickelte Höfner mit einem Kommilitonen ein Geschäftsmodell, reichte es für ein Gründerstipendium ein – und scheiterte. NewSpace war 2013 in Deutschland noch ein absolutes Randthema und kein Gutachter glaubte an ein derartiges Vorhaben. Doch statt aufzugeben, gründeten die beiden 2016 den Verein GAIA Network e. V. Das Ziel: die Diskussion über Raumfahrt in Deutschland anstoßen, Netzwerke aufbauen, essenzielle Technologien erforschen und die Vision eines flexiblen, unabhängigen Zugangs zum All in die Öffentlichkeit tragen. „Manchmal muss man eben die Initiative selbst ergreifen, um Bewegung in die Sache zu bringen“, sagt Höfner und lacht.
Und der Erfolg gab ihm Recht: 2024 wurde aus dem Verein heraus schließlich die GAIA Aerospace GmbH gelauncht. Für Höfner ein Kindheitstraum, der Realität wurde. Schon mit neun Jahren wusste er, dass er in die Raumfahrt wollte. Star-Wars-Filme, Technikbegeisterung und die Faszination für das Universum prägten ihn früh. Mit dem Projekt Valkyrie bündelt er diese Begeisterung in einem Startsystem, das Europas Raumfahrt unabhängiger und schneller machen soll.

Die Taxifahrt ins All

Das Herzstück von GAIA Aerospace ist die Rakete Valkyrie. Anders als klassische Trägersysteme startet sie nicht vom Boden, sondern aus der Luft. Ein umgerüstetes Passagierflugzeug trägt sie auf rund elf Kilometer Höhe, dort wird sie abgeworfen und nach wenigen Sekunden zünden die Triebwerke. Diese AirLaunch-Methode löst viele Probleme, die Europa bei klassischen Bodenstarts hat: wenige Startplätze, hohe Bevölkerungsdichte, unberechenbares Wetter, lange Planungszeiten.
„Wir wollten ein System schaffen, das flexibel ist, überall starten kann und gleichzeitig wirtschaftlich funktioniert“, erklärt Höfner. Damit sichert die Valkyrie den Braunschweigern ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt. „Weltweit sind wir die einzigen mit wiederverwendbaren AirLaunch-Raketen.“ Die Valkyrie ist zwölf Meter lang, etwas über einen Meter im Durchmesser und für Kleinstsatelliten von bis zu 150 Kilogramm ausgelegt. Die Rakete greift auf Technologien aus anderen Branchen zurück: Triebwerksteile aus dem High-End-Modellbau, Tanks aus der Lebensmittelindustrie.
Weltweit sind wir die einzigen mit wiederverwendbaren AirLaunch-Raketen.
Der Start wirkt filmreif: Eine umgerüstete Passagier­maschine ab der Größe eines Airbus A320 bringt die Rakete auf besagte Höhe über der Nordsee. Dort wird sie abgeworfen, wenige Sekunden später zünden die Triebwerke, und die Valkyrie schießt in den Himmel. Nach der Stufentrennung übernimmt die zweite Stufe und bringt den Satelliten in eine Umlaufbahn zwischen 200 und 2000 Kilometern. Die erste Stufe kehrt kontrolliert zurück, landet per Fallschirm im Meer und wird geborgen. „Im leeren Zustand ist sie nicht schwerer als ein Pkw und passt in einen 40-Fuß-Standardcontainer“, so Höfner.
Bis zu 30 oder 40 Einsätze seien möglich – mit Wartungszyklen von nur zwei Wochen. Den Raketenstart werden die Kunden als Komplettdienstleistung buchen können – Flugzeug, Startplanung, Sicherheitskontrollen und Überwachung inklusive. „Im Grunde bucht der Kunde eine Taxifahrt in den Orbit für seinen Satelliten.“

Valkyrie im Dienste der nationalen Sicherheit

Die Zielgruppe von GAIA Aerospace ist nicht nur kommerziell. Auch die nationale Sicherheit spielt eine Rolle. Immer häufiger nähern sich russische oder chinesische Satelliten im Orbit den Systemen der Bundeswehr – potenziell, um zu stören oder zu zerstören. Deutschland besitzt bislang keine schnellen Gegenmaßnahmen. Das Verteidigungsministerium fordert daher sogenannte Responsive-Launch-Fähigkeiten, also Satelliten innerhalb von 72 Stunden ins All zu bringen. „Hier schaffen wir eine Möglichkeit, die bislang in Deutschland nicht existiert“, betont der Gründer und ergänzt: „Schnell einsatzbereit, flexibel, zuverlässig – das kann im Ernstfall entscheidend sein.“

Braunschweig als idealer Standort

Dass GAIA Aerospace gerade in Braunschweig angesiedelt ist, ist kein Zufall. Die Stadt ist Teil einer der forschungsstärksten Regionen in ganz Europa und gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftsstandorte Deutschlands – besonders im Bereich der Luft- und Raumfahrt. Universitäten, Forschungsinstitute und Technologiezentren arbeiten hier Hand in Hand, Netzwerke zwischen Industrie und Wissenschaft sind dicht. „Für uns bedeutet das Zugang zu hochqualifizierten Talenten, exzellentem Fachwissen und Partnern, die bereit sind, neue Wege zu gehen.“
Praktische Vorteile kommen noch hinzu: ein Forschungsflughafen, Luftfahrtbehörden und Testmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. „Braunschweig ist für uns sehr praktisch gelegen und sichert uns kurze Wege: Die Satellitenhersteller sitzen in Bremen und Berlin, die Triebwerksteststände sind in der Lüneburger Heide. Dazu kommen geeignete Flughäfen für den Startbetrieb in Rostock-Laage, Nordholz oder Wunstorf. Wir könnten den gesamten Herstellungs-, Wartungs- und Betriebsprozess in Niedersachsen durchführen“, schwärmt Höfner.
Für das Team ist Braunschweig damit nicht nur Heimat, sondern ein strategischer Vorteil. Hier treffen Theorie und Praxis aufeinander, hier entstehen Ideen, die Europa bei der Raumfahrt flexibler und unabhängiger machen könnten – und das in einer Stadt, die viele noch nicht auf der Raumfahrtkarte haben.

Deutschland hebt ab – die Perspektive

GAIA Aerospace zeigt, wie die Zukunft der europäischen Raumfahrt aussehen kann. Hier entstehen neue Ansätze, die bestehende Strukturen hinterfragen und den Zugang zum All neu definieren. Für Höfner ist klar: Was heute noch wie eine ambitionierte Vision klingt, könnte schon bald Realität werden. „Wir wären die Ersten, die so etwas von Deutschland aus möglich machen“, sagt er. Sein Ziel ist klar formuliert: In zehn Jahren soll im Idealfall ein Start pro Woche stattfinden.
Doch es geht aus seiner Sicht um mehr als nur Raketen: „Deutschland kann Raumfahrt! Wir können es schaffen, auf diesem Sektor autonom zu werden. Wir können eine echte Raumfahrtnation sein.“ Und die Rolle Braunschweigs dabei? „Braunschweig ist als Innovationsstandort extrem stark. Wir brauchen uns hier wirklich nicht zu verstecken. Im Gegenteil: Wir können stolz sein auf diese Region.“
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft: große Ideen entstehen nicht nur weit weg in Kalifornien. Sondern auch hier. In der Löwenstadt. „Wer eine Faszination für Raumfahrt hat, kann gerne zu uns kommen“, lädt Kai Höfner zum Abschluss ein. „Wir sind immer auf der Suche nach Talenten und Visionären.“
kri
3/2026